Im letzten Artikel zu ASIT ging es darum, eines der Prinzipien der ASIT-Methode kennen zu lernen, nämlich Function-follows-Form. Wir haben gemeinsam festgestellt, dass innovative Lösungen eher möglich sind, wenn wir nach Vorteilen eines virtuellen Konzepts suchen, als wenn wir von gewünschten, vorteilhaften Funktionen ausgehen und überlegen, wie sich diese realisieren lassen.
Dies ist ein Beitrag unseres Gastautors Dietmar Gamm. Er beschäftigt sich mit Kreativ-Techniken und arbeitet für Solidcreativity, einer Trainingsfirma für Kreativität und Innovation.
Wir haben, auch anhand eines Beispiels, gesehen, wie sich diese Erkenntnis bei der praktischen Innovationsarbeit umsetzen lässt.
Erfolg durch bewährte Innovationsmuster
ASIT kann aber noch viel mehr. Hauptvorteil gegenüber Brainstorming und anderen Methoden besteht in ihren sechs Innovationsmustern. Diese Muster beruhen, ähnlich wie bei TRIZ, auf einer systematischen, wissenschaftlichen Untersuchung einer großen Zahl von Problemen, Lösungen und Designs. Die von ASIT eingesetzten Innovationsmuster lassen sich bei der Mehrzahl der erfolgreich realisierten Lösungen beobachten, treten aber bei den Flops eher selten auf. Entwickeln wir systematisch Lösungs- oder Produktkonzepte, die diesen identifizierten Mustern entsprechen, haben wir also – quasi automatisch – eine wesentlich höhere Erfolgswahrscheinlichkeit. Das ist ungefähr genauso, wie wenn wir unsere Autoschlüssel suchen. Wissen wir, an welchen Orten wir sie „üblicherweise“ ablegen, müssen wir nicht gleich das ganze Haus absuchen.
Dasselbe machen wir mit ASIT. Wir suchen gezielt nach innovativen Ideen und Lösungen, da wo sie üblicherweise und erfolgversprechend zu finden sind. Die sechs ASIT-Innovations-Muster weisen uns den Weg zu den richtigen Stellen des Suchraumes und ASIT pfeift uns zurück, wenn wir unseren Neigungen folgen und beginnen, an wenig erfolgversprechenden Stellen zu suchen.
ASIT pfeift uns zurück, wenn wir zu weit vom Weg abkommen
Dieses “Zurückpfeifen” ist ein weiteres ASIT-Prinzip: Das Prinzip der Geschlossenen Welt hält uns dazu an, mit minimaler Veränderung des Ausgangssystems (z. B. des bestehenden Produktes) einen maximalen Vorteil zu suchen. Wir folgen damit einer weiteren Erkenntnis der Kreativitätsforschung. Danach ist eine kreative Idee wahrscheinlicher, wenn weniger Möglichkeiten vorhanden sind – nichts anderes eigentlich als die Anwendung von Ockhams Razor aufs kreative Problemlösen.
Beim Beispiel der Fleischwarenhersteller aus unserem ersten Artikel über ASIT sind kreative Ideen also wahrscheinlicher, wenn wir die Suche einengen auf Räucherschinken und lediglich mit der Komponente „Pfeffer“ gespielt werden darf, als wenn wir nach kreativen Ideen suchen, die das gesamte Produktionsprogramm betreffen können und auch sonst alles erlaubt und möglich ist.
ASITs sechs Innovationswerkzeuge
Bei der Lösung von technischen oder anderen Problemen arbeiten wir mit den Prinzipien:
- Subtraktion (wir eliminieren ein Objekt)
- Multiplikation (wir fügen Objekte, gleich oder ähnlich zu bereits vorhandenen Objekten, dem System zu)
- Division (wir trennen und reorganisieren Systemobjekte)
- Symmetrien brechen (wir verändern Eigenschaften in Abhängigkeit von Ort oder Zeit)
- Unifikation (wir nutzen eine Umfeldressource zur Lösung des Problems)
Geht es um die Entwicklung eines neuen Produktes, eines Produktteils oder einer Produktlinie, arbeiten wir mit insgesamt sechs Werkzeugen. Es kommt dann noch dieses Werkzeug dazu:
- Attribution (wir erweitern die Funktionen des Produktes um eine Funktion, die bisher durch ein anderes Objekt wahrgenommen wurde)
ASIT anwenden
In der ASIT-Anwendung ist die erste Entscheidung, ob es uns um eine Problemlösung oder um eine Produktentwicklung geht, und auf welche Objekte, Teile und Eigenschaften wir die Werkzeuge anwenden wollen (was ist unser geschlossenes System?).
Wie immer bei Kreativ-Techniken helfen gründliches Erlernen und Einüben der Methode und ihrer Werkzeuge. Ist diese Hürde einmal genommen, entwickelt sich ASIT mit der Zeit zu einem neuen Denkreflex. Wir wenden es unbewusst oder auch halb bewusst an, sobald wir uns mental mit einem Problem oder einem Produkt beschäftigen, und werden mit der Zeit meisterliche Problemlöser und Innovatoren. Übung macht auch bei ASIT den Meister.
Hier sind die Schritte der ASIT-Anwendung zur Problemlösung:
- Erstelle eine Liste mit den wichtigsten Objekten, die das Problem verursachen, übertragen oder unter ihm leiden und notiere zu jedem der Objekte drei bis fünf seiner wesentlichen Eigenschaften.
- Beschreibe das Problem in einfachen Worten und leite daraus die gewünschte Aktion ab.
- Formuliere für jede Kombination aus ASIT-Werkzeug und Objekten einen standardisierten Ideentrigger-Satz und stelle dir vor, wie er konkretisiert und realisiert werden kann.
- Notiere die daraus resultieren Ideen.
Geht es um die Produktentwicklung, verfahren wir analog, wobei wir anstatt von Objekten, Produktkomponenten auflisten und Schritt 2 überspringen.
Im nächsten Artikel werden wir die Methode anwenden, um für unsere Internet-Entrepreneurinnen aus dem vorherigen Beitrag ein innovatives Preiskonzept zu entwickeln. Dabei erfahren wir auch, wie die standardisierten Sätze zu formulieren sind.
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