Welchen Trends wir Mitmach-Massenmörder verdanken

Zwei aktuelle Artikel beschäftigen sich mit Mitmach-Massenmördern: Sascha Lobo schreibt gestern auf Spiegel Online über die neue Form des Mitmach-Terrorismus, die wir gerade erleben. Malcolm Galdwell schrieb letztes Jahr im Herbst auf New Yorker darüber, wie sich Schiessereien an Schulen verändert haben.

Ähnliche Tätertypen als Mitmach-Massenmörder

Beides sind ähnliche Tätertypen: sozial isolierte Menschen, die oft sogar von ihren Mitmenschen gedemütigt werden1 (oder sich gedemütigt fühlen) und insgesamt mit unserer Sozialgesellschaft und ihren Werten nichts anfangen können. Sie suchen Bedeutung für ihre Existenz, auch wenn sie am Ende dafür sterben müssen, um diese Bedeutung zu erlangen. Das Leben in gedemütigter Isolation in einer Gesellschaft, die sie nicht mehr verstehen, hat für sie keinen Sinn. Sie beenden ihr Leben und nehmen Rache an Menschen, die sie für ihre Demütigung verantwortlich machen: der Täter von Orlando an den Gästen eines Klubs mit vorwiegend homosexuellen Besuchern, die anscheinend aus seiner Sicht den Grund für die von ihm erfahrene, eigene Inkompatibilität mit der Welt darstellen. In Schiessereien an Schulen, wie sie Gladwell beschreibt, an den Schülern und Lehrern, die das Publikum für die Demütigungen waren, die die Täter erlebt (oder vermeintlich erlebt) haben.

Zeichen der Zeit

Dazu nehmen wir drei Mega-Trends, die unsere Zeit kennzeichnen:

  • Smartphones sind weit verbreitet
  • Zunehmende Ungleichheit benachteiligt immer mehr Menschen
  • Social Media bestimmt unsere Wahrnehmung immer stärker

Smartphones isolieren

Smartphones und das moderne, soziale Web ermöglichen uns, online mit sehr vielen Menschen Kontakt zu halten. Diese vermeintliche digitale Nähe hat aber einen Preis: sie kann zu analoger Entfremdung führen. Oder anders gesagt: soziale Isolation wird zunehmen, denn digitale Kontakte verdrängen analoge, sind aber bei weitem nicht so befriedigend und belastbar wie jene.

Ungleichheit schliesst aus

Die zunehmende Ungleichheit in unserer Gesellschaft führt dazu, dass für immer mehr Menschen der unausgesprochene Vertrag zwischen ihnen und unserer Gesellschaft als nicht eingehalten betrachtet wird. Sie fühlen sich chancenlos und erleben unsere Gesellschaft als hohl und leer. Das wird zunehmen, befürchte ich. Nicht ganz am anderen Ende der Gesellschaft haben wir dann übrigens noch jene, die den ständigen Konsum in unserer Gesellschaft zwar mitmachen können, aber das befriedigt sie nicht mehr. Auch das bleibt eine leere Jagd nach Befriedigung, die nur die eigene Unzufriedenheit kaschieren soll.

Soziale Medien verändern unsere Wahrnehmung

Und die sozialen Medien führen zu immer mehr Polarisierung im Umgang mit anderen Denkansätzen sowie zu einer übergewichteten Wahrnehmung, wie die Welt vermeintlich aussieht. Wenn man sich der sozialen-Netzwerk-Blase nicht bewusst ist, merkt man auch nicht, wie sehr diese Blase unsere Wahrnehmung beeinflusst. Soziale Medien sind ein sehr starker Aufmerksamkeitsfilter.

Und diese Täter lieben diese Aufmerksamkeit, wie Masha Gessen für den New York Review of Books schreibt (Terrorism: The Wrong Conversation):

The message of the terrorist is, “I matter. My cause matters. My hatred matters. My ability to act matters.” We respond by saying, “Yes, you matter.”

Diese Aufmerksamkeit richten wir immer stärker auf die Mitmach-Terroristen, aber nicht so sehr auf die Täter von School Shootings. Bei Massenschiessereien an Schulen trauert das ganze Land, bei Mitmach-Terrorismus wie in Orlando zeigen wir mehr als nur Trauer und geben den Tätern damit auch mehr nachträgliche Bedeutung:

Imagine one day looking, to all the world, like a loser, and probably feeling like one—and the next day, making prime ministers link hands, or presidential candidates declare resolve.

Zeit für Kulturpessimismus?

Alle drei Trends zusammen, so befürchte ich, erhöhen einfach die Zahl der möglichen Personen dramatisch, die als Täter für die Art von Gewalt, wie sie Lobo und Gladwell beschreiben, in Frage kommen. Wir werden also aufgrund dieser Trends künftig einen immer größeren Pool von Mitmach-Massenmördern haben. Wie Lobo beschreibt, hat ISIS durch nachträgliche Akzeptanz einer Zugehörigkeit, die es vorher gar nicht gab, einen Weg gefunden, diesen Leuten für ihre letzte Tat eine Bühne zu geben – sowas wie ein Anonymous der Gewalt.

Das sind also alles keine Zufälle, das sind die Auswirkungen von Megatrends, die wir unserer gesellschaftlichen Entwicklung verdanken. Eine gesunde Portion Kulturpessimismus ist also angebracht.

  1. Beim Täter von Orlando sieht es so aus, als ob er selber homosexuelle Neigungen hatte, sein Vater aber homophob war.↩︎

Interviewees für CustDev-Interview zum Thema Kalender gesucht

Eine Teilnehmerin eines meiner Customer-Development-Workshops hat gerade einen CustDev-Fragebogen veröffentlicht.

Das sollte aus meiner Sicht nicht ihre einzige CustDev-Maßnahme sein, denn die wichtigsten Erkenntnisse sammelt ihr in persönlichen Interviews, nicht in unpersönlichen Fragebögen. Aber ein Fragebogen kann ja die persönlichen Interviews flankieren und erhöht vor allem die Reichweite.

In Tinis Fragebogen geht es darum, wie ihr Kalender benutzt und ob ihr damit zufrieden seit. Hier nochmal der Link zum CustDev-Fragebogen!

Trump und Frauen

The New York Review of Books schreibt nicht nur über Bücher, sondern z.B. auch über Politik. So schreibt Elizabeth Drew über Trump folgendes (in Trump: The Haunting Question): 

Trump doesn’t have mature relationships with women: he views them as objects. His marriages are those of someone who needs a beauty on his arm in a display of his virility rather than an equal partner who can challenge him. (Compare his choice of wives with those of Bill Clinton and Barack Obama.)

Drew hält den aktuellen Wahlkampf für einen der wichtigsten aller Zeiten, denn dieses Mal ist der Wahlkampf eine Krise:

The crisis will last as long as there’s a possibility that someone totally unsuited for that office could win it.

Trump, so Drew, zeigt Anzeichen einer narzistischen Persönlichkeits-Fehlfunktion: übermässiges Verlangen nach Bestätigung, verbunden mit dem Drang, auf abweichende Meinungen sofort loszuschlagen. Nixon sollte dankbar sein, wenn Trump gewählt wird – nach Trump wird Nixon aussehen wie ein echt netter Kerl.

Napalm kommt aus Harvard

Die Geschichte des amerikanischen Militärs wird nirgendswo in den USA an Unis behandelt: es gibt keine Fächer, die sich damit beschäftigen. Robert Neer schreibt darüber in einem Essay für AEON: The US military is everywhere, except history books. Dabei sollten gerade große, weltberühmte amerikanische Unis doch ganz gut Bescheid wissen, wo sie doch teilweise mitwirken:

Columbia and the University of Chicago gave us atomic weapons, Harvard invented napalm, and MIT and others are major military research centres.

In Harvard hat man also Napalm erfunden.

Warum verdienen Volkswirte die meiste Kohle?

An amerikanischen Unis kassieren Volkswirtschafts-Professoren die höchsten Gehälter. Warum eigentlich, fragt Alan Jay Levinovitz in AEON (The new astrology).

Einige Volkswirte arbeiten beispielsweise ziemlich hochdotiert für Hedge Fonds, kriegen dort aber nicht mal die Performance der Indizes hin. Ein Fond, der von zwei Nobelpreisträgern beraten wurde, kollabierte 1998.

Auch Rezessionen vermeiden klappt anscheinend gar nicht mehr so richtig, selbst bei Leitzinsprognosen liegen die Volkswirte oft komplett daneben. Volkswirtschaft ähnelt der Astrologie, so Levinovitz, weil sich beide mathematisch geben, ohne Mathematik zu verstehen – was man mittlerweile als mathiness bezeichnet.

Frauen verdienen weniger als Männer

Frauen verdienen ca. 21% weniger als Männer in unserem schönen Land, schreibt der Spiegel (Gehälter von Frauen: Das Ausbildungssystem ist das Problem):

21 Prozent verdienten Frauen 2015 weniger als Männer, wenn man Teilzeit, schlechter bezahlte Berufe und anderes nicht herausrechnet. Im Jahr davor waren es rund 22 Prozent. In Kalendereinheiten umgerechnet heißt das: Bis zum 19. März arbeiten sie umsonst, während Männer bereits ab Jahresbeginn bezahlt werden. Deshalb wird der 19. März als sogenannter Equal Pay Day bezeichnet.

Vor kurzem habe ich von Siegfried Kracauer Die Angestellten gelesen. Das Buch erschien 1930, also vor 86 Jahren. Es geht darin um die Klasse der Angestellten: wie es ihnen geht, wie sie sich im Vergleich zu Bürgertum, Arbeitern und Eliten sehen, wie sie sich kleiden, ihr Wochenende verbringen und mehr. Es ist eine soziologische Untersuchung über eine neu entstandene gesellschaftliche Klasse. Darin findet sich übrigens folgende Passage:

Das Einkommen der weiblichen Angestellten ist übrigens in der Regel 10 bis 15 Prozent niedriger.1

Wir haben uns also 86 Jahre über Ungleichheit zwischen Mann und Frau aufgeregt, und heraus gekommen ist bislang eine Verschlechterung? In der Berliner Startup-Szene beträgt der Unterschied in der Bezahlung zwischen Mann und Frau mittlerweile sogar 25%.

Da haben wir wohl noch einiges zu tun.

  1. Aus Siegfried Kracauer: Die Angestellten, 13. Auflage 2013, suhrkamp, S. 13. Für die vielen Instanzen der Zahl 13 kann ich nichts. ↩︎

Mein Lean Startup-Vortrag auf Video

Letztes Jahr irgendwann im Sommer war ich in der wunderschönen Stadt Hamburg am dortigen Coworking-Tempel Betahaus, das übrigens auch wunderschön ist. Dort habe ich mal kurz ein bisschen was an die Wand gemalt und über Lean Startup gesprochen und irgendwer vom Startup Weekend Hamburg 2015 hat das aufgenommen und vor kurzem online gestellt:

Startups, Künstliche Intelligenz, Mensch und Maschine, Bücher