Kopfhörer auf: Isoliert, aber immer online

Amanda Petrusevich schreibt im New Yorker über die vielen Kopfhörer, die wir heutzutage überall auf und an den Köpfen um uns herum sehen (HEADPHONES EVERYWHERE) und fragt sich, was die Gründe dafür sein könnten:

Should we think of headphones, then, as just another emblem of catastrophic social decline, a tool that edges us even deeper into narcissism, solipsism, vast unsociability?

Manche, so findet Petrusevich heraus, wenn sie den Grammy-Gewinner und Produzent Bob Power fragt, mögen einfach ganz doll Musik, die aus Kopfhörern stammt. Es gibt einen erhöhten Stereo-Effekt, gewisse Frequenzbereiche werden verstärkt wieder gegeben, aber am Wichtigsten: die Musik fühlt sich unmittelbarer und persönlicher an, weil sie mitten in Deinem Kopf zu hören ist. Mittlerweile hören sich die Leute, die die Musik mischen1, ihren Sound neben Lautsprechern im Tonstudio sogar sogar auf Kopfhörern an, um zu schauen, ob es dort akzeptabel klingt.

Und trotzdem isoliert uns dieses private Vergnügen zunehmend:

It seems possible, though, that we are slowly reconfiguring music as a private pleasure—that, in fact, all pleasures, soon, may be private. We are all the lone stars of secret films, narrated by and in our own minds, and we seek out music that validates that position: separate, but forever plugged in.

Also mich nicht. Ich höre auf Arbeit irgendwelche Klassik-Streams und sonst eigentlich nie was.

  1. Abmischung ist das Verfahren zur Produktion des finalen Musik-Masters. ↩︎

Unpünktliche Flugzeuge

Ich fahre selber sehr viel lieber Bahn als dass ich mit dem Flugzeug fliege. Ich kann in der Bahn viel besser lesen als im Flugzeug oder beim Warten zuvor auf dem Flughafen. In der Bahn lerne zumindest ich leichter Leute kennen als im Flugzeug, falls ich das statt ungestört Lesen so möchte. Und die Bahn fährt im Stadtzentrum los (wo ich wohne) und kommt dort auch an (wo ich meistens hin will), bei Flugzeugen ist das anders. Und es gibt noch einen weiteren Grund1.

Als ein häufiger Grund gegen die Bahn wird mir immer die Unpünktlichkeit der Bahn genannt. Als ob Flugzeuge pünktlicher wären! Schauen wir mal, was wir dazu in How statistics are twisted to obscure public understanding lesen:

Airlines have become experts at appearance management: by listing flight times as 20-30 per cent longer than what the actual flight takes, flights that operate on a normal to slightly delayed schedule are still counted as arriving ‘early’ or ‘on time’. A study funded by the Federal Aviation Administration refers to the airline tactic as schedule buffering.

Und sind solche gepufferten Flüge dann wirklich pünktlich? Ist das also eine Statistik, die wirklich die öffentliche Meinung für oder gegen die Bahn beeinflussen sollte?

  1. Ich finde Stewardessen und Stewards sind in den meisten Fällen nicht wirklich nett, sondern höchstens kalt, falls nicht sogar voll Verachtung oder provokant. Schaffner sieht man kaum, ich nehme sie kaum als Teil meiner Bahn-Erfahrung war. ↩︎

Gewalt erlaubt dem Rand, das Zentrum zu besetzen

Aus dem New Yorker, von Adam Gopnik, ein Artikel über die Schiesserei in Dallas (THE HORRIFIC, PREDICTABLE RESULT OF A WIDELY ARMED CITIZENRY):

Sometime in the not-too-distant past, annihilation replaced street theatre and demonstrations as the central possibility of the enraged American imagination. Guns allow the fringe to occupy the center.

Der Artikel verlinkt auch aktuelle Forschungsergebnisse, die belegt, was die National Rifle Association zu unterdrücken sucht:

The more guns there are, the more gun violence happens.

But having a nation of men carrying concealed lethal weapons pretty much guarantees that there will be lethal results, an outcome only made worse by our toxic racial history.

5. Leancamp Stuttgart am 23. Juli

Das Leancamp Stuttgart findet am 23. Juli 2016 statt und ist eine Un-Konferenz1 für Gründungs-Interessierte, Startups und Unternehmen, die was über das Suchen und Finden neuer Geschäftsmodelle lernen wollen.

Die Teilnehmer tauschen sich einen Tag lang über ihre Erfahrungen und neue Methoden im Bereich Entrepreneurship, Innovation, (Lean) Startup und Wachstum intensiv aus. Feedback zu Deinen Erfahrungen und neue Ideen sind wesentliche Ergebnisse eines Leancamps!

Wenn es ein Leancamp in Berlin gibt, gehöre ich zum Organisationsteam. Über das Leancamp Stuttgart habe ich auch schon mal geschrieben. Da findet sich folgendes, warum ich Leancamps so mag:

Was eine Un-Conference wie das Leancamp so hoch-energetisch und sehr authentisch macht, ist dass diese Sessions von den Teilnehmern selber geliefert werden.

Durch die unmittelbare Darbietung, oft auch sehr dynamisch in Zusammenarbeit mit den Ko-Kreatoren (den Zuschauern), lernt man die anderen Teilnehmer sehr gut kennen, erfährt viel neue Perspektiven und vor allem: langweilt sich nie.

Das Leancamp Stuttgart findet also am 23. Juli von 9-17:30 Uhr im Robert-Bosch-Krankenhaus statt. Tickets kosten ab 42€.

Ich bin dieses Mal selber nicht dabei, aber ich wünsche euch allen ein tolles Leancamp!

Was? 5. Leancamp Stuttgart

Wann? 23. Juli 2016 von 9-17:30 Uhr

Wo? Robert-Bosch-Krankenhaus, Auerbachstraße 120, 70376 Stuttgart

Tickets? Gibt’s hier!

Anmerkung 1: Der Denkpass vergibt zwei kostenlose Tickets für das 5. Leancamp Stuttgart. Einfach einen Kommentar hinterlassen, dass ihr teilnehmen wollt. Die ersten beiden erhalten die Tickets.

Anmerkung 2: Für alle anderen, die bei den kostenlosen Tickets zu spät kommen, haben wir mit „partner-20“ einen Ticket-Code eingerichtet, der euch 20% Rabatt sichert.

  1. Oder anders gesagt: ein Barcamp. ↩︎

Wie Du mit Ideen umgehen solltest

Ich war letztens zwei Tage bei einem SCRUM-Master-Advanced-Training von Boris Gloger, Deutschlands bekanntestem SCRUM-Autoren. SCRUM ist so ein Projektmanagement-Framework, dass sehr agil ist und bei Projekten hilft, deren optimale Ergebnisse man durch Iteration finden muss.

80% Auslastung bereits bei 3 anstehenden Aufgaben erreicht

Dort habe ich sehr viel über radikales SCRUM gelernt, aber auch einiges über Selbstorganisation. Zum Beispiel, dass die beste Auslastung für uns als Personen und Teams bei 80% liegt1. Mathematisch lässt sich beweisen, dass, sobald Du mehr als 3 Aufgaben in der Warteschlange hast, Deine Auslastung über 80% steigt. Mehr als 3 Projekte in der Warteschlange machen Dich also ineffizient, weil Du anfängst, unter Druck zu stehen und keinen Freiraum mehr für plötzliche Ideen und Anfragen hast. Gleichzeitig sinkt die zur Verfügung stehende slack time, was auch keine guten Konsequenzen nach sich zieht.

Mehr als 3 Ideen sind zu viel

Konsequent zu Ende gedacht, gilt das mit der Zahl 3 auch für unsere Ideen. Wir sollten diese Ideen aufschreiben, damit wir sie aus dem Gehirn kriegen. Aber eigentlich können wir sie danach gleich wieder löschen. Denn eine Ideen-Warteschlange größer als 3 bedeutet dasselbe wie eine Menschenschlange größer 3 an der Kasse oder eine Projektschlange größer 3 für Dein Team oder Deine Arbeit: die Auslastung steigt über 80% und damit entstehen Probleme. Also: Idee aufschreiben, löschen, fertig.

Radikales Loslassen

„Ja, aber dann entgehen mir ja alle coolen Ideen?“

Lasst uns darüber mal nachdenken: jederzeit habe ich 3 Ideen im Kopf, mit denen ich mich beschäftige. Aber was dann als nächstes kommt, lässt sich nicht planen – das entscheide ich, wenn es soweit ist. Ich schaue dann nicht durch meine alten Ideen und nehme die nächste, sondern wir alle nehmen die als nächste dran, die uns zufällig am meisten interessiert zu dem Zeitpunkt, wo wir die alte Idee fertig haben. Versteht ihr? Es ist egal, wie viel Ideen wir speichern und ablegen, wenn wir uns einer neuen Idee widmen, dann meistens nicht, weil sie in einer unserer Listen war. Ist sie wirklich wichtig, widmen wir uns ihr sofort. Ist sie nicht wichtig, weg mit ihr!

Weniger radikales Loslassen

Ich muss sagen, mir hilft es, Ideen festzuhalten. Es stimmt, ich schaue nicht oft durch die Ideenliste, aber manchmal schon, greife Idee/Zitate/Links noch einmal auf. Von daher sieht die nicht ganz so radikale Variante so aus, dass wir die Ideen in eine Liste schreiben (z.B. in Evernote oder was weiß ich) und meinetwegen nochmal alle 6 Monate anschauen, ob uns da was inspiriert. Und wenn nicht: dann löschen.

Auch dabei entsteht kein Schaden: Löschen wir eine wirklich gute Idee aus Versehen, wird sie uns nochmal über den Weg laufen. Keine Angst, das machen gute Ideen immer.

Das heisst also:

  • wenn mich eine Idee so begeistert, dass ich sofort damit anfange, brauche ich sie nicht speichern, weil ich damit sofort los lege
  • Ideen, die ich aufschreibe, werden aber in den seltensten Fällen wieder aufgegriffen: also brauche ich sie eigentlich nicht aufschreiben

Ute sagt yo!

Darüber habe ich mich mit Ute Mündlein unterhalten, einer Bekannten, die Vertriebscoach ist und darüber auf Der Reiche Poet bloggt. Sie sagt folgendes dazu:

Ich lege ohnehin nicht immer sofort los.

Ein Beispiel: Ich überlege gerade, eine Konferenz zu organisieren, aber es gibt noch ein paar Fragezeichen. Gestern habe ich dann mal alles niedergeschrieben. Seitdem beschäftigt mich das Thema nicht mehr so. Vorher hab ich hin- und hergegrübelt, was nicht unbedingt hilft, eine Lösung zu finden. Nun verlasse ich mich darauf, dass die Antworten schon kommen werden, oder es wird nichts draus. Für mich aber hatte bereits das Niederschreiben etwas Befreiendes.

Die Angst vor der Leere

Bleibt noch die Angst, keine Ideen zu haben, wenn ich ein altes Projekt abschliesse und noch was Neues suche, was ich jetzt anfangen kann. Dann lasst uns mal fragen: wie oft war das jemals in unserem Leben der Fall?

Ganz ehrlich: noch nie. Ich habe immer mehr Ideen als Zeit, sie umzusetzen. Fokus ist wichtig, und diese Methode hier hilft, Fokus zu haben. Also los!

  1. Das ergibt sich alles aus der Theory of Constraints. ↩︎

Welchen Trends wir Mitmach-Massenmörder verdanken

Zwei aktuelle Artikel beschäftigen sich mit Mitmach-Massenmördern: Sascha Lobo schreibt gestern auf Spiegel Online über die neue Form des Mitmach-Terrorismus, die wir gerade erleben. Malcolm Galdwell schrieb letztes Jahr im Herbst auf New Yorker darüber, wie sich Schiessereien an Schulen verändert haben.

Ähnliche Tätertypen als Mitmach-Massenmörder

Beides sind ähnliche Tätertypen: sozial isolierte Menschen, die oft sogar von ihren Mitmenschen gedemütigt werden1 (oder sich gedemütigt fühlen) und insgesamt mit unserer Sozialgesellschaft und ihren Werten nichts anfangen können. Sie suchen Bedeutung für ihre Existenz, auch wenn sie am Ende dafür sterben müssen, um diese Bedeutung zu erlangen. Das Leben in gedemütigter Isolation in einer Gesellschaft, die sie nicht mehr verstehen, hat für sie keinen Sinn. Sie beenden ihr Leben und nehmen Rache an Menschen, die sie für ihre Demütigung verantwortlich machen: der Täter von Orlando an den Gästen eines Klubs mit vorwiegend homosexuellen Besuchern, die anscheinend aus seiner Sicht den Grund für die von ihm erfahrene, eigene Inkompatibilität mit der Welt darstellen. In Schiessereien an Schulen, wie sie Gladwell beschreibt, an den Schülern und Lehrern, die das Publikum für die Demütigungen waren, die die Täter erlebt (oder vermeintlich erlebt) haben.

Zeichen der Zeit

Dazu nehmen wir drei Mega-Trends, die unsere Zeit kennzeichnen:

  • Smartphones sind weit verbreitet
  • Zunehmende Ungleichheit benachteiligt immer mehr Menschen
  • Social Media bestimmt unsere Wahrnehmung immer stärker

Smartphones isolieren

Smartphones und das moderne, soziale Web ermöglichen uns, online mit sehr vielen Menschen Kontakt zu halten. Diese vermeintliche digitale Nähe hat aber einen Preis: sie kann zu analoger Entfremdung führen. Oder anders gesagt: soziale Isolation wird zunehmen, denn digitale Kontakte verdrängen analoge, sind aber bei weitem nicht so befriedigend und belastbar wie jene.

Ungleichheit schliesst aus

Die zunehmende Ungleichheit in unserer Gesellschaft führt dazu, dass für immer mehr Menschen der unausgesprochene Vertrag zwischen ihnen und unserer Gesellschaft als nicht eingehalten betrachtet wird. Sie fühlen sich chancenlos und erleben unsere Gesellschaft als hohl und leer. Das wird zunehmen, befürchte ich. Nicht ganz am anderen Ende der Gesellschaft haben wir dann übrigens noch jene, die den ständigen Konsum in unserer Gesellschaft zwar mitmachen können, aber das befriedigt sie nicht mehr. Auch das bleibt eine leere Jagd nach Befriedigung, die nur die eigene Unzufriedenheit kaschieren soll.

Soziale Medien verändern unsere Wahrnehmung

Und die sozialen Medien führen zu immer mehr Polarisierung im Umgang mit anderen Denkansätzen sowie zu einer übergewichteten Wahrnehmung, wie die Welt vermeintlich aussieht. Wenn man sich der sozialen-Netzwerk-Blase nicht bewusst ist, merkt man auch nicht, wie sehr diese Blase unsere Wahrnehmung beeinflusst. Soziale Medien sind ein sehr starker Aufmerksamkeitsfilter.

Und diese Täter lieben diese Aufmerksamkeit, wie Masha Gessen für den New York Review of Books schreibt (Terrorism: The Wrong Conversation):

The message of the terrorist is, “I matter. My cause matters. My hatred matters. My ability to act matters.” We respond by saying, “Yes, you matter.”

Diese Aufmerksamkeit richten wir immer stärker auf die Mitmach-Terroristen, aber nicht so sehr auf die Täter von School Shootings. Bei Massenschiessereien an Schulen trauert das ganze Land, bei Mitmach-Terrorismus wie in Orlando zeigen wir mehr als nur Trauer und geben den Tätern damit auch mehr nachträgliche Bedeutung:

Imagine one day looking, to all the world, like a loser, and probably feeling like one—and the next day, making prime ministers link hands, or presidential candidates declare resolve.

Zeit für Kulturpessimismus?

Alle drei Trends zusammen, so befürchte ich, erhöhen einfach die Zahl der möglichen Personen dramatisch, die als Täter für die Art von Gewalt, wie sie Lobo und Gladwell beschreiben, in Frage kommen. Wir werden also aufgrund dieser Trends künftig einen immer größeren Pool von Mitmach-Massenmördern haben. Wie Lobo beschreibt, hat ISIS durch nachträgliche Akzeptanz einer Zugehörigkeit, die es vorher gar nicht gab, einen Weg gefunden, diesen Leuten für ihre letzte Tat eine Bühne zu geben – sowas wie ein Anonymous der Gewalt.

Das sind also alles keine Zufälle, das sind die Auswirkungen von Megatrends, die wir unserer gesellschaftlichen Entwicklung verdanken. Eine gesunde Portion Kulturpessimismus ist also angebracht.

  1. Beim Täter von Orlando sieht es so aus, als ob er selber homosexuelle Neigungen hatte, sein Vater aber homophob war.↩︎

Interviewees für CustDev-Interview zum Thema Kalender gesucht

Eine Teilnehmerin eines meiner Customer-Development-Workshops hat gerade einen CustDev-Fragebogen veröffentlicht.

Das sollte aus meiner Sicht nicht ihre einzige CustDev-Maßnahme sein, denn die wichtigsten Erkenntnisse sammelt ihr in persönlichen Interviews, nicht in unpersönlichen Fragebögen. Aber ein Fragebogen kann ja die persönlichen Interviews flankieren und erhöht vor allem die Reichweite.

In Tinis Fragebogen geht es darum, wie ihr Kalender benutzt und ob ihr damit zufrieden seit. Hier nochmal der Link zum CustDev-Fragebogen!

Startups, Künstliche Intelligenz, Mensch und Maschine, Bücher