Abhängig vom Smartphone

Der New York Review of Books schaut in We are hopelessly hooked auf unseren Umgang mit elektronischen Geräten wie Smartphones und schreibt folgendes:

“As smoking gives us something to do with our hands when we aren’t using them, Time gives us something to do with our minds when we aren’t thinking,” Dwight Macdonald wrote in 1957. With smartphones, the issue never arises. Hands and mind are continuously occupied texting, e-mailing, liking, tweeting, watching YouTube videos, and playing Candy Crush.

Wir hängen von unseren Smartphones für durchschnittlich 5,5 Stunden am Tag, in Spitzenfällen bis zu 10 oder 12 Stunden. Unsere Bildschirmzeit wird demnächst auf täglich mehr als 24 Stunden anwachsen: einfach, weil wir öfter mal mehrere Bildschirme gleichzeitig benutzen1. Wir checken unsere Smartphones, sobald wir aufwachen (und zwar nicht nur, um den Wecker auszustellen) und von da ab dann im Schnitt 221 mal den Rest des Tages.

Das machen wir alles, um produktiver zu sein. Trotzdem sagen 30% der Smartphone-Nutzer, sie fühlen sich wie angekettet. Frustration und Ablenkung werden oft angegeben. Heisst das, das Smartphone ist einfach noch nicht perfekt? Oder sind wir einfach alle auf dem Holzweg angekommen? Brauchen wir bessere Smartphones oder einfach besser keine Smartphones?

Jacob Weisberg hat vier Bücher gelesen, die sich mit diesem Phänomen beschäftigen:

  • Reclaiming Conversation: The Power of Talk in a Digital Age von Sherry Turkle
  • Alone Together: Why We Expect More from Technology and Less from Each Other von Sherry Turkle
  • Reading the Comments: Likers, Haters, and Manipulators at the Bottom of the Web von Joseph M. Reagle Jr.
  • Hooked: How to Build Habit-Forming Products von Nir Eyal

Turkle beschäftigt sich in ihren Büchern mit den Folgen dieser Abhängigkeit: Teenager haben wegen Smartphones Schwierigkeiten, ihre eigene Persönlichkeit zu entwickeln. Weil sie nicht lernen, mit sich selbst alleine klar zu kommen, fällt ihnen Empathie für andere schwer. Alleine zu sein führt zu Angstzuständen aufgrund von Disconnection.

Trotz all der Zeit, die Teenager connected sind, mit ihren Freunden sprechen tun sie trotzdem nicht:

“I never really learned how to do a good job with talking in person.” “Even when I’m with my friends, I’ll go online to make a point…. I’m more at home.” An Ivy league–bound high school student worries that college is going to require “a fair amount of on-the-spot talking.

Collectively, teens “make it clear that the back-and-forth of unrehearsed ‘real-time’ conversation is something that makes you ‘unnecessarily’ vulnerable,” Turkle writes

Wie geht man dann mit Familienkonflikten um, wenn man idealerweise nicht miteinander spricht? Wie baut man belastbare Beziehungen auf, ohne miteinander zu sprechen? Diesen und ähnlichen Fragen geht Turkel nach.

Wie kommt es aber, dass Smartphones so abhängig machen trotz der weitreichenden, oft auch negativen Folgen?

Some of Silicon Valley’s most successful app designers are alumni of the Persuasive Technology Lab at Stanford, a branch of the university’s Human Sciences and Technologies Advanced Research Institute. The lab was founded in 1998 by B.J. Fogg, whose graduate work “used methods from experimental psychology to demonstrate that computers can change people’s thoughts and behaviors in predictable ways,” according to the center’s website. Fogg teaches undergraduates and runs “persuasion boot camps” for tech companies. He calls the field he founded “captology,” a term derived from an acronym for “computers as persuasive technology.” It’s an apt name for the discipline of capturing people’s attention and making it hard for them to escape.

Das hat also System: unsere Technik wird mit Absicht so entworfen, dass sie abhängig macht. Und das System hat mit Startups zu tun, und mit Geldverdienen im großen Stil:

Aspirations for humanistic digital design have been overwhelmed so far by the imperatives of the startup economy. As long as software engineers are able to deliver free, addictive products directly to children, parents who are themselves compulsive users have little hope of asserting control. We can’t defend ourselves against the disciples of captology by asking nicely for less enticing slot machines.

  1. So z.B. Tatort und Twitter, was ich persönlich für eine der besten Garantien zum Eintritt in die Hölle halte. ↩︎

Außenpolitik im Nahen Osten: Alles versucht, nichts klappt

David Remnick zitiert in seiner Beobachtung von John Kerry (The New Yorker: Negotiating the Whirlwind) folgende Beschreibung des außenpolitischen Dilemmas des Westens:

“In Iraq, the U.S. intervened and occupied, and the result was a costly disaster. In Libya, the U.S. intervened and did not occupy, and the result was a costly disaster. In Syria, the U.S. neither intervened nor occupied, and the result is a costly disaster.”

Einige westliche Außenpolitik-Experten in den USA, so Remnick, fürchten für den Nahen Osten einen dreißigjährigen Krieg, an dessen Anfang wir gerade stehen.

Garry Kasparow über Künstliche Intelligenz und Schachcomputer

Garry Kasparow beschreibt in seinem Artikel The Chess Master and the Computer für den New York Review of Books, wie es damals war für ihn, wenn er gegen Schachcomputer spielte.

Darin stellt Igor Aleksander, ein britischer KI-Experte, mal klar, warum Kasparows Niederlage1 gegen Deep Blue eigentlich doch kein Meilenstein auf dem Weg zu einer künstlichen Intelligenz war:

In the Kasparov defeat they recognized that here was a great triumph for programmers, but not one that may compete with the human intelligence that helps us to lead our lives.

Kasparow sagt dazu:

It was an impressive achievement, of course, and a human achievement by the members of the IBM team, but Deep Blue was only intelligent the way your programmable alarm clock is intelligent. Not that losing to a $10 million alarm clock made me feel any better.

Damals hatte man so einige Befürchtungen, was diese Niederlage eines Großmeisters gegen einen Rechner für Schach bedeuten würde. Nichts davon traf so ein wie befürchtet, schreibt Kasparow. Statt dessen sind doch viele gute Dinge eingetreten. Das Spiel hat sich verändert und die Art und Weise, wie es gelernt und trainiert wird.

So gibt es jetzt Spiele und Turniere, wo Menschen zusammen mit Computern gegen andere Menschen mit Computern spielen. Dabei trat folgende Beobachtung zutage:

Weak human + machine + better process was superior to a strong computer alone and, more remarkably, superior to a strong human + machine + inferior process.

Und von einer wirklichen künstlichen Intelligenz, die versteht, was Schach ist, sind wir immer noch weit entfernt:

The dreams of creating an artificial intelligence that would engage in an ancient game symbolic of human thought have been abandoned. Instead, every year we have new chess programs, and new versions of old ones, that are all based on the same basic programming concepts for picking a move by searching through millions of possibilities that were developed in the 1960s and 1970s.

  1. Kasparow wurde damals übrigens ein Rückspiel verweigert – IBM hatte die gewünschte Propaganda und beendete das Projekt umgehend. ↩︎

Roboter im Haushalt: Macht Technik uns wirklich glücklicher?

Bei mehreren Bekannten auf Facebook lief folgendes Video über einen Roboter im Haushalt, hier für’s Kochen:

Hurra!

Ehrlich gesagt: Ich weiß gar nicht, ob ich sowas will. Klar wäre das dann oft praktisch: ich habe viel zu tun, soll der Roboter kochen. Kann ich mehr schaffen.

Aber mir scheint, als ob für alle Produktivität ein Wert für sich ist. Egal, wobei ich produktiv bin. Klar, ich könnte rund um die Uhr arbeiten und die Kinder werden vom Roboter bekocht. Aber bin ich dann glücklicher? Sind die Kinder dann glücklicher?

Mir macht Kochen Spaß und ich halte es für produktiv, für meine Familie selber zu kochen. Meine Theorie geht noch weiter: alles, was wir selber mit den eigenen Händen machen, macht uns am Ende doch irgendwie glücklich (wenn es freiwillig ist).

Kommen wir zum Einwand, dass ich vielleicht nicht mal halb so gut kochen kann wie ich mir einbilde. Dazu eine Anekdote aus einem SciFi-Buch1, hier mal nacherzählt, wie ich mich dran erinnere:

Da sitzt jemand in dieser SciFi-Geschichte und dreht Töpfe. Kommt jemand vorbei und wundert sich, dass da jemand töpfert und fragt: „Warum machst Du das? Das können Maschinen doch viel besser.“

Da sagt der Typ als Antwort: „Und was ist mit Dir? Gehst Du tauchen im Urlaub? Gehst Du schwimmen im Sommer?“

„Na klar.“

„Aber warum? Fische können das viel besser.“

Ich würde niemals einen Roboter für mich kochen lassen, weil ich das viel lieber selber mache. Denn kochen macht Spaß. Ich würde mir lieber einen Roboter wünschen, der die Teller einsammelt und abwäscht, die Krümel aufwischt und die Stühle ordentlich hinstellt, wenn die Gäste weg sind. Obwohl, für den Abwaschteil habe ich das ja schon – nennt sich Geschirrspüler.

  1. Ich glaube, es war Use of Weapons von Iain M. Banks. Oder es war eins der Bücher aus der Ancillary-Serie von Ann Leckie. ↩︎

Freiheit vor Vollkommenheit

Aus meinem philosophischen Jahreskalendar dieser Satz von Richard Rorty, einem amerikanischen Philosophen:

Wir modernen Erben der Tradition der religiösen Toleranz und der konstitutionellen Regierungsformen [geben] der Freiheit Vorrang […] vor der Vollkommenheit.

Eventuell ist das Grund, warum sich unsere Demokratie oft so unvollständig und unvollkommen anführt. Nur so bietet sie allen und allem den benötigten Freiraum.

Panama Papers: Was reiche Sozialbetrüger von armen unterscheidet

Wer denkt in den letzten Tagen, insbesondere seit den Panama Papers, nicht über Steuerfairness nach? Mir ist, als ich z.B. Taxpayers of the World, Unite! las, dabei etwas klar geworden.

Früher, wenn es um Steuerbetrug ging, habe ich immer gesagt, wir dürfen aber nicht nur gegen die Oberen meckern, die Steuern hinterziehen, sozial schmarotzt wird auch am unteren Ende der Skala. Dort werden keine Auslandskonten eröffnet, aber es wird schwarz gearbeitet und hier und da wird Sozialhilfe in Anspruch genommen, wo es eigentlich gar keinen Grund gibt. Und was die Gesellschaft mehr kostet, ist schwer zu sagen: viele kleine Beträge am unteren Ende oder wenige sehr große Beträge am oberen Ende1.

Reiche wollen bescheissen

Seit den Panama Papers2 ist mir aber ein entscheidender Unterschied aufgefallen, der die Schwere des sozialen Schmarotzens erheblich beeinflusst: ich würde sagen, wenn Leute am unteren Ende der Gesellschaft schwarz arbeiten oder Sozialleistungen in Anspruch nehmen, die ihnen nicht zustehen, so ist zumindest teilweise eine gewisse Notlage vorhanden. Diese Leute müssen schauen, dass sie über die Runden kommen.

Die Leute, die ihr Geld ins Ausland schaffen, damit es in Briefkastenfirmen in Panama landet, um Vermögenssteuer zu umgehen, tun das nicht, weil sie in einer Notlage sind. Sie tun es, weil sie es wollen.

Unser Land ist keine Supermarkt-Gesellschaft

Für solche Leute scheint unser Land eine Art großer Supermarkt zu sein: sie suchen sich das aus, was ihnen gefällt. Polizei, die ihr Eigentum schützt: gerne. Feuerwehr, Gesundheitssystem, Infrastruktur (z.B. gepflegte Autobahnen, damit sie ihre Porsches und Lamborghinis mal auf 250 km/h aufdrehen können): alles sehr, sehr gerne. Kommt mit rein in den Einkaufskorb.

Aber Steuern auf Vermögen zahlen? Nein, wieso? Sehen sie nicht ein. Man zahlt doch schon genug. Das kommt auf keinen Fall in den Einkaufskorb. Wie sagt es Frederik DeBoer in dem verlinkten Artikel oben?

Even referring to the country of origin of the super-rich seems quaint. The rich are their own nation now.

Aber so funktioniert das nicht. Es wird Zeit, dass wir als Gesellschaft uns wehren. Wir machen uns ja lächerlich ansonsten: diese Eliten belügen uns, bescheissen uns und bleiben trotzdem immer an der Macht.

  1. Ich würde als Hypothese formulieren, dass soziales Schmarotzen am häufigsten an den Enden der Gesellschaft passiert, bei den Reichen und den Armen. Natürlich ist auch die Mittelschicht nicht auf den Kopf gefallen, aber zum einen ist die Notwendigkeit nicht so groß und die Möglichkeiten begrenzt. ↩︎
  2. Was mich ja mal interessieren würde: was genau machen die Firmen da alle? In Panama werden zur Zeit 80.000 Firmen pro Jahr gegründet – welche geschäftlichen Inhalte verfolgen sie? ↩︎

Smartphone als Gesprächskiller

Nir Eyal1 tritt dafür ein, dass Schluss sein soll mit unserer Akzeptanz, wenn andere während eines Gesprächs das Smartphone checken: Why People Check Their Tech at the Wrong Times (and the Simple Trick to Stop It)..

Es passiert auf Arbeit:

At almost every corporate meeting I attend, someone (typically the highest-paid person in the room) starts using his or her personal technology. The behavior is toxic in many ways: it sends a message to everyone in the room that gadget time is more important than their time; it distracts people who assume the boss is sending work their way; and, perhaps worst of all, it prevents the person using the device from participating in the discussion, which means the meeting wasn’t worth having in the first place.

Gegenmittel: das Meeting gerätefrei erklären. Das werde ich in meiner Firma ab sofort tun (obwohl ich meistens das Problem bin).

Im privaten Umfeld gibt es folgende Idee: Smartphones stapeln. Alle Telefone kommen auf einen Haufen, wer zuerst nach seinem greift, bezahlt die Rechnungen für alle.

Wir haben das in der Familie, bei Treffen mit anderen Familien, so gehandhabt und es hat geklappt. Allerdings schlief es irgendwann ein.

Nir empfiehlt, jemandem eine Frage zu stellen, der gerade auf sein Smartphone schaut:

Posing a direct question does the person a favor by pulling him back while sending a clear message. The technique works like a charm. For one, the unexpected question elicits an entertaining reaction — sort of like what happens when you hold someone’s nose when he’s dozing off. He gasps and sputters, but in this case it’s not your fault, because you, as questioner, can play dumb. “Oh, sorry, were you on your phone? Is everything O.K.?” If there really is an emergency, the person can excuse himself, but more often than not, he’ll tuck it back into his pocket and start enjoying the night.

Es ist Zeit, dass wir uns wehren. Es geht um uns, nicht um unsere Technik. Wer sich mit mir treffen will, soll bitte vollständig Zeit für mich haben oder es einfach sein lassen.

  1. Witzigerweise ist Nir Eyal der Autor des Buchs Hooked: How to Build Habit-Forming Products, was ja in diesem Zusammenhang schon bezeichnend ist. Aber er hat vollkommen Recht. ↩︎

Startups, Künstliche Intelligenz, Mensch und Maschine, Bücher