Stell Dir mal vor, Dein Gott besucht Dich. Du bist außer Dir vor Freude, und bestätigt im Glauben an Deine eigene Bedeutsamkeit. Du feierst und zeigst Zaubertricks – und Gott, voll Enttäuschung über alle anderen Menschen, außer Dir, findet an einem Deiner Kunststücke Gefallen. Zeigt richtige Begeisterung dafür, wie Du einen Pfennig unter einer mit Wasser gefüllten Flasche optisch verschwinden lässt. Und erklärt Dir allen Ernstes, er wolle dasselbe mit der Welt machen, in der Du lebst. Du mögest eine Arche bauen, um zu überleben, wenn er seinen Wasser-Trick abzieht.
Stell Dir vor, Du bezahlst Knechte und Bauarbeiter und jeden anderen, der Dir greifbar ist. Dingst sie, Dir ein riesiges Schiff zu bauen. Aber wenn sie Dich fragen, wofür das Ganze? Was antwortest Du? Erzählst Du ihnen vom Untergang der Welt? Wie sagst Du Deiner Frau, dass bereits zwei Katzen an Bord seien – und ihre Lieblingskatze gebrandopfert werden müsse, weil es sonst Verschwendung wäre, da sie ohnehin sterben muss? Und, erlaubst Du Deinen Schwiegertöchtern, sich zu verabschieden von ihren Familien?
Stell Dir vor, Du bist die Lieblingskatze Deiner Herrin, der Frau des berühmten und berüchtigten Doktor Noah. Einem Tierquäler, der vor keiner Art von Versuch zurückschaut, um seinem göttlichen Freund bei der Schöpfung über die Schulter zu schauen. Du hast Freunde unter den Tieren auf dem Hof, und Freunde im Wald. Denn so wie Menschen sprechen auch Tiere. Und Du bist läufig, als Gott kommt. Und schwanger, als er wieder geht und seine beiden Katzen seinem besten menschlichen Freund übergeben hat.
Stell Dir vor, Du bist die Frau eines Tyrannen, eines herrschsüchtigen, rechthaberischen, völlig vernagelten Mannes. Du lebst seit 670 Jahren an seiner Seite, hast mehr als zehn Kinder von ihm – von denen nur drei überlebt haben. Du trinkst Gin, wenn keiner zusieht – und weil Du Deine Familie kaum noch ertragen kannst, entfernst Du dich oft und gerne von ihnen. Stell Dir vor, Du erlebst die Sintflut als Gefangene an Bord der Arche. Siehst, wie sich Deine Kinder gegen Dich wenden. Und am Ende, als alles vorbei ist – wünschst Du Dir noch mehr Regen, noch mehr Wasser, alles. Bloß nicht wieder eine neue Welt für Deinen Mann, auf dass er sie zerstören möge.
Stell Dir vor, Du bist eins der Kinder dieses Paares. Weil Du von Menschenfressern gekocht wurdest, hast Du nun blaue Haut. Du willst ein großer Krieger werden wie Michael Archangelis, der Kämpfer des Herrn. Du willst Respekt, den ansonsten nicht mal Deine Frau vor Dir hat. Am Ende kämpfst Du gegen Luzifer und gewinnst. Freuen wirst Du Dich aber nicht, denn Luzifer überlebt die Sintflut trotzdem. Du bist der Mensch, der das Einhorn tötet.
Hat sich jemals jemand vorgestellt, was los war auf der Arche Noah? Ich nicht. Noahs Arche ist eine Geschichte aus der Bibel, zu der ich bislang nur komischen Zugang hatte (Erich Schmitt: Die Arche Noah). Dabei ist es doch eigentlich eine interessante Situation, die sich da auftut. Typisch unbarmherzig halt. Timothy Findley erzählt uns diese Geschichte ausführlich. Findley ist ein großer kanadischer Autor und Die letzte Flut war sein erstes veröffentlichtes Buch.
Ein ziemlich gutes Erstlings-Werk. Leicht, locker, verspielt am Anfang. Dann wuchtiger und schneller. Am Ende riesig. Lesenswert.
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