Hauptstreitmacht

Mark Kukis schreibt auf Aeon.co über The Myth of Victory. Seine These ist, dass die Amerikaner, was die öffentliche Wahrnehmung ihres Militärs angeht, immer noch so denken wie zu Zeiten des 2. Weltkriegs. Sie nehmen fälschlicherweise an, mit viel Technik und Personal können sie Kriege gewinnen:

The very nature of war has changed so much in recent decades that military victory as we tend to imagine it, with winners and losers emerging after a fight with an unambiguous end, is utterly obsolete.

Den Satz würde ich aber so nicht stehen lassen. Diese Art von Sieg wäre immer noch möglich und ist nicht obsolet, allerdings ist das bei Feinden wie im Irak oder in Afghanistan nicht so leicht umzusetzen.

In Größenwahn von Lee Child, dem ersten Buch aus der wirklich lesenswerten Jack-Reacher-Reihe, wird gezeigt, warum. Reacher, der sich einer gigantischen Verschwörung gegenüber sieht und nach und nach erst hinter die Geheimnisse und somit den Umfang der Verschwörung kommt, sagt an einer Stelle in etwa folgendes: In seiner Zeit bei der Armee, während der Ausbildung zum Offizier der Militärpolizei, hatte sich Reacher auch mit Militärphilosophie zu beschäftigen. Militärphilosophie ist ein Steckenpferd alter, deutscher Generäle, so Reacher, bei denen man sich fragt, ob sie nix anderes zu tun hatten.

Aber eine Erkenntnis blieb bei Jack Reacher haften: Um einen Feind zu besiegen, muss man früher oder später seine Hauptstreitmacht schlagen.

Und das ist das Problem in Afghanistan und Irak gewesen. Wo genau befindet sich die Hauptstreitmacht des Feindes? Was genau ist die Hauptstreitmacht für eine Guerilla-ähnliche, dezentrale Organisation wie die Taliban in Afghanistan?

Es passt übrigens auch zu dem Ergebnis in Vietnam: weil die nordvietnamesischen Truppen sich nur selten einem offenen Kampf stellten und oft sogar im Nachbarland untertauchten, konnte man sie nie schlagen (so nachlesbar im übrigens besten Anti-Kriegsbuch aller Zeiten, Matterhorn von Karl Marlantes).

Mir scheint es, als ob die Taliban sich mit Militärphilosophie besser auskennen als die amerikanische Armee: wenn wir keine Hauptstreitmacht haben, so ihr Umkehrschluß, dann kann man uns auch nicht besiegen.

Warum Gemüse Gemüse heisst

Die guten alten Germanen, unsere versoffenen, Römer verprügelnden Vorfahren, haben da ihre Hände im Spiel. Gemüse nannten sie all das Zeug, das man zu Mus kochen konnte1.

Nun kann man Obst ja auch zu Mus kochen, was man dann beispielsweise Apfelmus nennt. Aber Obst wuchs bei den Germanen nicht so richtig: der Grund für all das zynische Rumgesaufe und den Frustabbau mithilfe des Römer-Verprügelns war ja das oft nicht allzu tollste Wetter: hier oben im Norden musste man das Land dem Wald abgewinnen und es dann lange und ausgiebig bestellen, bis was wuchs (anders am Mittelmeer, wo man einfach die Pflanzensamen aus dem Fenster warf, sich dann wieder ins Römische Bad verzog und ein paar Monate später die Sklaven hinaustrieb, auf dass sie die Ernte einfahren). Obst wuchs hier nicht. Wer Obst essen wollte, liess sich geschickterweise als Sklave einfangen und konnte dann vielleicht mal einen Apfelgriebsch finden, der den Römern beim Orgienfeiern vom Tische fiel.

Bei den Germanen lief das wie folgt ab: alles, was als fressbar und nicht tödlich eingestuft wurde, landete im Kochtopf und wurde mehrere Stunden lang weich gekocht. Die Pampe wurde dann zusätzlich weich gedroschen, und heraus kam Mus.

Und alles, was da vorher in den Kochtopf rein ging, heisst seitdem Gemüse. So oder so ähnlich muss es einfach gewesen sein.


  1. Wer nur wissen will, warum Gemüse Gemüse genannt wird, kann jetzt mit dem Lesen aufhören. Der Rest ist nicht wirklich durch fundamentale wissenschaftliche oder historische Erkenntnisse gestützt. Er liest sich aber ganz nett, finde ich. Also warum nicht weiter lesen? 

Betapitch Berlin 2015

Gestern war ich als Jury-Mitglied beim Betapitch Berlin 2015. Ich hatte das ja mal irgendwo geschrieben, dass oft genau die Events am besten sind, auf die man so richtig gar nicht hin will. Betapitch ist ein cooles Projekt von Madeleine und Katka vom betahaus berlin, aber ich bin eigentlich grundsätzlich skeptisch bei all diesen Startup-Events. Ich finde, wir alle gehen mit Startups, ihren Produkten und ihren (Wert-)Versprechen viel zu unkritisch um. Alle klatschen, jubeln, feiern ihre Helden, aber oft verpufft das alles kurze Zeit später oder es ist nur alter Wein in neuen Schläuchen (und oft versetzt mit richtig viel Essig).

Und auf solch hysterische Ausblendung jeglicher kritischen Einsichten im Gruppen-Modus hatte ich keine Lust. Ging aber hin, weil ich's versprochen hatte. Und wurde belohnt mit einem richtig coolen, unterhaltsamen, lehrreichen Event. Dank Katka und Madeleine, die das organisiert haben. Dank einer Jury, deren Zusammenarbeit witzig, erkenntnisreich und zielführend war (und die mit vier Frauen und zwei Männern neue Maßstäbe für Women in Tech gesetzt hat): Stefania Druga mit ihren Produkten rund um Elektronik und Bildung, Jewell Sparks mit ihren Fragen zu strategischen Partnern, Herstellungs- und Lieferzyklen und einfach ihrer Präsenz, Bettine Schmitz von Axel Springer Plug'n'Play, deren Kategorienpreis dann letzten Endes ein gemeinsames Kaffee-Wett-Trinken mit einem Startup wurde, das beim Pitch erklärt hatte, sein Geschäftmodell könne in einem Jahr Quatschen nicht vollständig erklärt wurden (gemeint ist ingen.io, und das Geschäftsmodell in einem Satz war dann “ingeni.io is an API that reads between the lines”), Fabiola Hochkirchner, mit der ich mich über unkritisches Startup-Bejubeln, negative Eugenik und den besten Umgang unserer Gesellschaft mit neuen Technologien unterhalten konnte (das alleine war den Abend wert) und Paul von Bünau, der sich noch viel mehr als ich mit künstlicher Intelligenz und Deep Learning und solchen Sachen beschäftigt. Das war die stressfreiste, unterhaltsamste, lehrreichste Jury ever. Danke, dass man beim Zusammenstellen dieses Line-Ups an mich denkt.

Kommen wir zu den Startups. Betapitch Berlin fand mit den Themen #BigData, #SmartThings and #IoT statt.

  • Senic baut eine Gestensteuerung, mit der Du alles in Deinem Leben bedienen kannst
  • Swocket bastelt am #Smarthome und dabei zuerst an einer smarten Steckdose
  • Keydock will die Schlüsselübergabe für Privatvermieter vereinfachen
  • Mnmnt bietet Deine private Foto-Speicher-und-Vertaggungs-Lösung mit verschlüsselter Cloud-Anbindung
  • Insulin Angel arbeitet an einer Hardware, die Diabetes-Kranken hilft, ihre Medikation sicher zu verwahren und regelmässig einzunehmen (der Gewinner des betapitch 2015)
  • das oben beschriebene ingen.io
  • Portal Mod mit ihrem Mod für Gitarrenspieler auf der Bühne (und die den Kategorienpreis von alpha-board erhielten)
  • Vai Kai, die Kindern den Umgang mit Technologie vereinfachen wollen
  • Miito, die Wasser für Tee kochen einfach schöner machen

Vorher war ich also skeptisch. Heute morgen muss ich sagen, dass ich mich einfach wunderbar fühle – und ich glaube, das liegt daran, dass ich gestern beim betapitch war. Das hat einfach Spaß gemacht!

Macht Wählen Sinn?

The New Rambler schaut sich das Buch ENLIGHTENMENT 2.0: Restoring Sanity to Our Politics, Our Economy, and Our Lives, by Joseph Heath an (Is Capitalism making us stupid?). Darin findet sich folgende rationale Betrachtung des Verhaltens eines Wählers:

In a large electorate, no individual’s vote is likely to change the outcome of an election. As a result, it doesn’t pay to be informed about politics nor to think about politics in objective and rational terms. Consider an individual who spends time and effort to be informed about politics. What does this individual receive in return for their investment? The same thing as the uninformed individual. Since better information doesn’t lead to better consequences, it doesn’t pay an individual to be informed.

Startup Weekend in Paderborn vom 8. bis 10. Mai

Vom 8.-10. Mai wird es ein Startup Weekend in Paderborn geben. Paderborn ist dieser Ort in NRW, wo erst der Papst hin kam, weswegen die dann in die 1. Bundesliga aufgestiegen sind. Oder so ähnlich war das wohl.

Was passiert auf dem Startup Weekend Paderborn?

Ein Startup Weekend geht über drei Tage (von Freitag bis Sonntag). Die Teilnehmer sind idealerweise gründungsaffine Designer, Entwickler, Studenten, Naturwissenschaftler und Ingenieure, die gemeinsam im Laufe des Wochenendes daran arbeiten, ihre Ideen in die Realität umzusetzen.

Begonnen wird am Freitag mit dem Ideen-Pitch. Um die besten Ideen sammeln sich Teams, die dann ab Freitag Abend gemeinsam ans Umsetzen der Ideen gehen. Am Samstag und Sonntag stehen dafür auch Mentoren und Experten zur Verfügung, die die Teams und ihre Ideen unterstützen.

Das Ziel ist, übers Wochenende die Idee soweit zu entwickeln, dass sie idealerweise ab Montag auf die Strasse gebracht wird. Am Sonntag-Abend gibt es einen Wettbewerb der Ideen, bei dem die besten Teams von einer Jury ausgezeichnet werden. 

Damit man das auch ein ganzes Wochenende aushält, ist für Essen und Trinken gesorgt. Die Tickets sind von der Sparkasse Paderborn gesponsort und kosten 50€.

Was? Startup Weekend Paderborn

Wo? Universität Paderborn, Warburger Straße 100, Gebäude Q

Wann? 8. Mai (ab 18:30 Uhr) bis 10. Mai (21 Uhr)

Tickets? kosten 50€, hier lang (inklusive Essen, Trinken und Material)

Computer-Vision lässt sich täuschen

Studenten des University of Wyoming Evolving Artificial Intelligence Laboratory arbeiten daran, Bilder zu erzeugen, die für Menschen wie weißes Rauschen aussehen, für KIs und DNN (deep neural networks1) aber als Bild gedeutet werden. Hier ein paar Beispiele aus dem Artikel von Cornell University (Images that fool computer vision raise security concerns):

Cornell University: Bilder, die KIs zur falschen Antwort bringen

Das zeigt, dass KI/DNNs auch getäuscht werden können, somit nicht unfehlbar sind. Diese Täuschungen können verwendet werden, um zu erfahren, was genau die KI/DNNs gelernt haben, so die Studenten.

Das rührt an eine der ältesten Diskussionen rund um künstliche Intelligenz: begreift ein Algorithmus, was er da tut – oder nicht? Und wenn nicht, welchen Sinn hat es, diesen Algorithmus zu bauen, da wir ja nichts Neues über sein Einsatzgebiet lernen.

Die untersuchten Algorithmen haben keine Ahnung, was genau eine Feuerwehr ist, aber sie können Feuerwehren von anderen Fahrzeugklassen unterscheiden. Also funktioniert die Täuschung der KI in diesem Fall so, dass diese Unterscheidungsmerkmale geliefert werden, aber eben nicht alle anderen Eigenschaften der Klasse. Das sieht man gut an dem Baseball oben, der nicht rund ist, aber die Nähte eines Baseballs vortäuscht.

Warum ist das relevant? Nun, auf diese Art und Weise würden sich beispielsweise auch DNNs im Bereich von Zugangssystemen täuschen lassen. Und wer nun behauptet: kein Problem, einfach das DNN auch mit Täuschungen füttern, das lernt es dann schon auszusortieren! Die Studenten haben das auch gemacht, und konnten die DNNs danach immer noch täuschen.

“The field of image recognition has been revolutionized in the last few years,” Yosinski said. “[Machine learning researchers] now have a lot of stuff that works, but what we don’t have, what we still need, is a better understanding of what’s really going on inside these neural networks.”


  1. Deep Neural Networks sind mehrstufige Neuronen-Netzwerke. Ein Netz von simulierten Neuronen wird durch Input erregt und erzeugt Signale. Dieser Vorgang wird angelernt, indem beispielsweise Testszenarien ausgewertet werden, bei denen die Signale mit der wirklichen Deutung des Szenarios verglichen und bewertet werden. Das Neuronen-Netzwerk verbessert so seine Ergebnisse, indem es lernt, wann es richtig und wann es falsch “gefeuert” hat. Ein tiefes Neuronen-Netzwerk entscheidet zuerst, ob es ein Tier oder einen Gegenstand sieht, dann welche Tierkategorie und dann welches Tier: Tier –> vierbeinig, groß –> Pferd –> Hannoveraner, beispielsweise.  

Faul oder brilliant

Was viel arbeiten und lange im Büro sitzen angeht, denke ich natürlich, ich weiß es besser als alle: weniger lange arbeiten, aber dafür hochkonzentriert, ist das Beste, was ich tun kann. Manchmal frage ich mich aber, ob ich nicht zu wenig arbeite. Ob ich nicht auch knüppeln sollte bis zum Umfallen.

Ich denke, dass es Gründe gibt, warum ich so arbeite, wie ich arbeite. Ich glaube nicht daran, dass man man mehr als 8 Stunden hochkonzentriert arbeiten kann. Ich halte selbst 6 Stunden konzentriert hintereinander denken für fragwürdig. Nach einer Weile kommen keine neuen Gedanken, und die Fehler nehmen einfach zu. Ich werde langsamer.

Allerdings muss man nicht den ganzen Tag am Stück mit hoher Konzentration arbeiten, sondern macht dann eben Mails oder Meetings oder was Lesen.

Ich sehe allerdings wenig Sinn darin, diese Arbeiten mit wenig Konzentration unnötig auszudehnen. Wenn ich da wenig pro Zeiteinheit schaffe, warum sollte ich das dann lange tun? Besser ist doch, nächsten Tag wieder kommen und hochkonzentriert diese Dinge schnell abarbeiten. Und es gibt zwar immer was zu tun, aber es bleibt ja nichts liegen.

Und ob die anderen erfolgreicher sind mit ihrer Vorgehensweise, weiß ich ja auch nicht. Klar, sie tun beschäftigt. Klar, sie schieben eine Welle, wie gut es ihren Unternehmungen geht und wie beschäftigt sie sind. Aber das heisst ja nicht, dass es ihnen und ihren Unternehmen wirklich gut geht und sie wirklich so viel tun müssten. Eventuell sind sie ja bloß damit beschäftigt, die Leere in ihrem Leben mit Aktivitäten zu füllen, die sie bestätigen. Und was die gutgehenden Unternehmen angeht, so wird da leider immer gelogen, so meine Erfahrung.

Tja, keine greifbaren Erkenntnisse hier. Ich bin entweder gefährlich faul oder zumindest was dieses Thema angeht ausnahmsweise brilliant. Was meint ihr?