13.10.05

Verlierermentalität im Kanzleramt

Das Handelsblatt schrieb gestern über Angela Merkel, ihre größte Stärke und Berufung sei die Fähigkeit, Niederlagen wie Siege aussehen zu lassen. 2002 hatte sie die Niederlage Stoibers in einer als sicher gewonnen geglaubten Wahl mit den Worten kommentiert, "die CDU hat das Erstaunliche geschafft, auf gleicher Augenhöhe mit der SPD zu stehen". Derzeit ist sie dabei, im Bundestag eine Koalition der Wahlverlierer zu knüpfen mit dem Ziel, Deutschlands erste Kanzlerin zu werden. Obwohl sie eines der schwächsten Ergebnisse für ihre Partei in der Geschichte der Bundesrepublik einfuhr. Obwohl sie das Ergebnis Stoibers von 2002 noch um sagenhafte zwei Prozent unterbieten konnte.

Gerade die Bedeutung dieser zweifelhaften Errungenschaft ist kaum in Worte zu fassen. Hat sich doch Stoiber, sei es aus Liebe zur bayrischen Staatskanzlei oder aus Liebe zur Münchner Weißwurst, doch seinerzeit alle Mühe der Welt gegeben, um mit Vorsatz und in voller Absicht nicht ins Kanzleramt nach Berlin zu müssen. Nicht die Flut oder der Irakkrieg haben damals die Waage zu Gunsten von Schröder ausschlagen lassen - wer das glaubt, lässt sich durch persönlichen Frust die Sinne trüben. Es war Stoiber ganz allein, der auf der Zielgeraden das Tempo verweigerte.

In der Tat. Und so darf Angela Merkel in die Geschichtsbücher eingehen als erste Frau im Kanzleramt. Als erste Ostdeutsche an der Spitze der vereinten Republik. Böse Zungen würden anfügen, mit ihr wird zugleich das erste Mitglied der Freien Deutschen Jugend im Kanzleramt Platz nehmen. Verdient hat sie von all diesem Ruhm jedenfalls nichts.

Andererseits ist es natürlich nur passend, wenn im Jahre 2006 mit Angela Merkel eine Frau an der Macht ist, die von der angesehensten Wirtschaftszeitung des Landes dahingehend charakterisiert wird, daß sie Niederlagen gewöhnt ist. Denn immerhin wollen wir im WM-Jahr die Gastfreundschaft unseres Landes in der Art unter Beweis stellen, daß unsere Nationalmannschaft in Stoiberscher Manier das Tempo verweigert und sicherstellt, wirklich jedes Spiel zu verlieren. Auch, wenn es sich um das letzte große Fußballturnier in diesem Land für mindestens eine Generation handelt.

Es gibt nur eins, was daran traurig ist: Als Wähler oder Fußballfan verlieren wir alle mit.

chiefpedro in Politische Notizen | TrackBack(0)
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