Zu Wahlkampfzeiten wird in Deutschland immer wieder über die Attraktivität des Wirtschaftsstandortes gesprochen. Zu Recht, denn ohne eine Diskussion über dieses Thema kann es auch keine kritische Reflektion über Erreichtes und noch zu Erreichendes geben. Zu Unrecht jedoch, wenn in diesem Zusammenhang einzig und allein über die vermeintlich zu hohen Lohnkosten in Deutschland gesprochen wird.
Führen wir die Diskussion auf die Fakten zurück: Lohnkosten sind die Summe aller Löhne, die in einem bestimmten Zeitraum von Arbeitgebern an Arbeitnehmer transferiert werden. Um sie jedoch nicht nur arbeitsplatz-, firmen- oder branchenübergreifend, sondern auch über Ländergrenzen hinweg vergleichen zu können, sind die Lohnkosten auf die erbrachte Leistung zu beziehen. So kann es Unterschiede in Qualität und Quantität geben, die bei einer reinen Betrachtung der Lohnkosten nicht erfasst würden. Lohnstückkosten sind somit die Lohnkosten je erbrachter Leistung.
Peter Bofinger erklärt diesen Zusammenhang in Wir sind besser, als wir glauben wie folgt:
In den Hochlohnländern werden in der Regel pro Arbeitsstunde sehr viel mehr Güter hergestellt als in den Regionen mit billigen Stundenlöhnen. Entscheidend für die Beschäftigung sind also die Lohnkosten je Produkteinheit, die man auch als Lohnstückkosten bezeichnet. Ein Land mit niedrigen Stundenlöhnen kann somit relativ hohe Lohnstückkosten haben, wenn seine Produktivität sehr gering ist.Obwohl die Löhne seit 1991 in der Bundesrepublik gestiegen sind, sinken die Lohnstückkosten kontinuierlich. So lautet jedenfalls das Ergebnis einer Studie des DIW vom April des vergangenen Jahres. Im Vergleich mit anderen Industrienationen sind bundesdeutsche Lohnstückkosten sogar sehr günstig - besser als in Japan und den USA, und nicht schlechter als in Großbritannien und Frankreich.
Um ein Produkt mit genügend Marge zur Abdeckung der allgemeinen Geschäfts- und anderer Kosten wie Forschung und Entwicklung verkaufen zu können, sind außerdem natürlich die Material-, Produktions-, Energie- und Logistikkosten zu berücksichtigen. Daß die Summe all dieser Kosten - unter ausdrücklicher Hervorhebung der niedrigen Lohnstückkosten - in der Bundesrepublik durchaus wettbewerbsfähig ist, darauf weist das Handelsblatt im Artikel Zurück ins Hochlohnland hin. Es wird über den Tresorhersteller Format, den Tastaturhersteller Cherry und dem Blitzschutzspezialisten Dehn & Söhne berichtet, die ihre Produktionsstätten in Deutschland ausbauen und dafür sogar Fertigungen im osteuropäischen oder asiatischen Raum schliessen. Gründe hierfür seien niedrige Lohnstückkosten, Qualitätsfragen und die hohe Qualifikation der einheimischen Facharbeiter.
Anstatt sich also nur auf eine Diskussion zur Senkung der Löhne einzulassen, wie es neoliberale Politiker von CDU/CSU und FDP gerne unternehmen, sollten sie sich lieber Gedanken darüber machen, wie man die vorhandenen Vorteile des Standorts Deutschland ausbaut.
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