21.07.05

High Fidelity

Es gibt sie unter uns, die Leute, für die eine gute, ausgezeichnete, sagenhafte HiFi-Anlage den Lebensmittelpunkt darstellt. Am Wochenende hat Andreas Wendenroth in der Berliner Zeitung über einige von ihnen berichtet:

Es ist ihnen egal, wie sie herumlaufen und wenn eine neue Endstufe ansteht, essen sie notfalls ein halbes Jahr aus der Büchse. Meistens leiden ihre Beziehungen ein bisschen darunter, ihre Interessen sind etwas einseitig ausgerichtet, und ich kenne wirklich keine Frau, die sich in einen Typen wegen seiner Hornlautsprecher verliebt hätte. Auch eine Schallplattenwaschmaschine im Schlafzimmer muss eine Beziehung erst einmal verkraften. Hifi-Freunde ticken anders. Eigentlich sind es harmlose Menschen, ihre Aggressivität richtet sich in der Regel gegen sich selbst.
Zu einem Teil sind von dieser Aggressivität allerdings auch die Mitbewohner der Häuser betroffen, in denen die HiFi-Freunde sich neben ihren Anlagen kärglich eingerichtet haben. Aber das nur am Rande. Wendenroth erzählt jedenfalls die Geschichte einiger dieser Sonderlinge, an deren Ende einem davon klar wird, daß es etwas besseres als HiFi geben möge.
Neulich rief mich Gerhard mit dem Handy vom Ostseestrand Warnemünde an, wo er das erste Mal in seinem Leben ein klassisches Konzert besucht hatte. Er hatte eine Aufführung des dortigen Kurorchesters mit Ausschnitten aus Vivaldis "Jahreszeiten" gehört und war nun der Meinung, dass es viel vernünftiger war, sein Geld für Konzertkarten als für "Hifi-Scheiße" auszugeben. Der Cellospieler hätte sich oft verspielt, aber wie Gerhard sagte, am Ende "immer wieder seinen Weg zurückgefunden", was ihn offenbar sehr beeindruckt hatte. Ein Livecello klänge auch völlig anders als auf der Anlage. "Die vergessen doch alle worum's geht", sagte Gerhard und sprach von Spinnern. Er wollte seine Anlage jetzt verkaufen.
Das ist mit Sicherheit zu dramatisch. Man kann ja auch beides haben, oder? Guten Sound zu Hause und von Zeit zu Zeit live in der Philharmonie.

Lesenswerter Artikel, in dem sich eigentlich jedermann zu einem Teil wiederfinden kann.

chiefpedro in Lebensächliches | TrackBack(0)
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