17.06.05

Über die Schönheit eines Gleichnisses im Rätsel des Philosophen

Ich gebe es zu. In einem tief verborgenen Winkels meines Gehirns schlummert der Traum in mir, einmal ein Buch zu schreiben. Letzten Endes war der Denkpass einmal konzipiert worden, mich der Erfüllung dieses Traumes einen kleinen Schritt näher zu bringen. Inwieweit ich dieses Teilziel erreichen konnte, überlasse ich dem Urteil des Lesers. Für mich jedenfalls hat das Betreiben dieses seltsamen Blogs jedenfalls viel an Erkenntnis über das Schreiben, über Blogs und über mich selber eingebracht. Spaß macht es übrigens auch.

Was mich nun von der Autorenschaft eines Buches trennt, ist zu aller Erst einmal die Idee für einen Roman. Viel mehr, die zielgerichtete Umsetzung derselben. Ideen gibt es zu Haufe, für Romane, Erzählungen und Essays. Über Themen, die von der Bewältigung meiner Jugend im geteilten Deutschland über Science-Fiction bis zu politischen Phänomenen reichen.

Es sind aber auch andere Punkte, in denen mir die benötigte Aussagekraft eines Schriftstellers häufig abgeht. Nehmen wir zum Beispiel diese Passage aus dem lesenswerten Roman Das Rätsel des Philosophen von Jose Carlos Somoza:

"Du glaubst also, die Menschen lassen sich nicht von der evidenten Gegenwart der Ideen, sondern von irrationalen Trieben lenken?"

Statt einer Antwort entgegnete Krantor: "Da du sokratische Fragen so magst, Speusippos, will ich dir eine stellen. Wenn du über die Kunst der Bildhauerei sprechen müsstest, würdest du da die wunderschöne Gestalt eines Jünglings auf einer Amphore als Beispiel nehmen oder die scheußliche, abgewetzte Darstellung eines sterbenden Bettlers in Ton?"

"Bei dieser Alternative, Krantor", erwiderte Speusippos, ohne groß zu verbergen, wie sehr ihm die Frage mißfiel, "lässt du mir keine andere Wahl als die Tonfigur, weil das andere keine Skulptur, sondern Malerei ist."

"Reden wir also von Tonfiguren, und nicht von schönen Malereien.", Krantor lächelte.

Sich einer Frage stellend, deren Beantwortung Krantor als müßig empfindet, richtet er den Blick auf zwei Gleichnisse, die sich auf ebenjene Frage beziehen. Da ist zum einen die Malerei, die aber mit der Bildhauerei gar nichts gemein hat, und zum anderen die scheußliche, abgenutzte Darstellung eines sterbenden Bettlers in Ton. Die Malerei nimmt die Stellung der evidenten Gegenwart der Ideen ein, der sterbende Bettler den Platz der irrationalen Triebe.

Da aber die Malerei nicht der Bildhauerei zugerechnet werden kann, sagt Krantor hier eigentlich, daß die evidente Gegenwart der Ideen auch nicht den Handlungsmotiven entspricht, von denen Menschen sich lenken lassen. Der sterbende Bettler, also die irrationalen Triebe, für die er steht, aber schon. Da er ihren irrationalen Trieben, diesem einzigen Handlungsmotiv der Menschen, dabei ein so scheußliches, abgewetztes Bild verleiht, schafft es der Autor sogar noch, dieses Handlungsmotiv und damit die Menschen zu werten. Er zeichnet ein Bild der Realität, das wir kennen und fürchten. Reden wir also von den irrationalen Trieben, und nicht der evidenten Gegenwart der Ideen, wenn wir über Menschen und ihre Motivation sprechen wollen.

Und das, werte Leser, ist eine Technik, die der Denkpass zugegebenermaßen noch nicht beherrscht.

chiefpedro in Literatur | TrackBack(0)
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