Aus der Toilette drang plötzlich ein dumpfes Gebrülle, gefolgt von einigen Schlägen gegen die Tür. O. überlegte sich kurz, ob er eingreifen sollte. Aber selbst der Gedanke daran, auch nur eines seiner Gliedmaßen bewegen zu müssen, schreckte ihn ab. Und warum auch? Die Nachbarn hatten das Wochenende bislang ruhig über sich ergehen lassen. Sie waren, soviel schien mittlerweile klar zu sein, sehr tolerant gegen drogeninduzierten Lärm.
"Halt´s Maul!", schrie O., um wenigstens etwas zur Rettung seiner Wohnungseinrichtung zu unternehmen.
"Wieso?", fragte ihn G. sanft. Er stand in Unterhosen im Wohnzimmer. Hinter ihm schien Licht durch die offene Toilettentür in den Flur. Auch das Laufen des Wasserhahnes war noch zu vernehmen.
"Whhmmmmmpfff.", winkte O. ab und griff nach einem der Gläser auf dem Tisch.
"Alter! Ick schieb ´ne Optik.", fuhr G. fort, "Eens meener Oogen fehlt."
O. hatte mittlerweile ein halbvolles Glas gegriffen und riß es hoch, wobei er etwas Flüssigkeit verspritzte, "Echt? Welchet denn?"
"Det weess ick noch nich so jenau.", antwortete G. und setzte sich.
O. trank etwas und rülpste dann, "Ick will´n Film kieken. Kannste mal die Fresse halten?"
Der Film lief bereits seit einigen Stunden. Wie sie dazu gekommen waren, sich gerade dieses Machwerk auszuleihen, konnte keiner der beiden mehr sagen. Optisch, da waren sie sich einig, gab es nichts auszusetzen. Das Drehbuch war es, das ihren Zorn erregte - zuviel Liebe, zuwenig animalischer Sex und bislang nicht ein Alien weit und breit. Titanic schien nicht für sie gedreht worden zu sein, soviel dämmerte ihnen bereits.
"Wesste woran de erkennen kannst, det de richti´ in ´ne Scheiße steckst?", fragte G.
"Woran´n?"
"Wenn de uff´n Vordeck von den Scheißkahn stehst, und´n Eisberg an deiner Backbordseite langschrammt, der sich zu den übrigen Eisbergen, die man so kennt, verhält wie´n Sumoringer zu´ne Eintagsflieje, denn is det erstmal keen jutet Zeichen, wür´ick sachen."
"Det seh ick ooch so. Und wenn det janze Schiff anfängt zu wackeln, noch viel wen´jer."
O. versuchte, sich aufrecht hin zu setzen. Er kramte einige Sekunden unter dem Tisch herum, holte eine Uhr hervor und blickte drauf.
"Wir brauchen Spaghettis!", brüllte er, sprang auf und lief in die Küche. "Richti´ vülle Spaghettis."
"Noch mehr als wa schon ha`m?", schrie ihm G. hinterher und grinste.
"Ja. Jenau.", war O. zu hören. Aus der Küche drang das Geklapper von Geschirr und Töpfen, unterbrochen von kurzen Hustenanfällen und einigem Geschrei. Nach einer Weile kam O. mit zwei Schüsseln voll dampfender Spaghettis und rotbrauner Soße ins Wohnzimmer und stellte sie auf den Tisch.
"Wir brauchen viel mehr.", sagte er, "Viel, viel mehr. Mehr als uns in unserer Situation lieb sein kann."
O. tänzelte mit einigen Schritten zur offenstehenden Balkontür, schrie "Juchhu!" hinaus und schloß die Tür geräuschvoll. G. aß bereits.
"Det is übrijens ´n weiteret Zeichen, det det nich jut aussieht.", sagte O.
"Wat denn?", blickte G. auf.
"Na, dette da.", O. zeigte mit seiner Gabel auf den Fernseher und kaute weiter. Einige Spaghettis fielen auf den Teppich, "Wenn´e Ratten schneller als de Passagiere den vorgeschriebenen Notausjängen zueilen, dann würd´ ick mir ´n Kopp machen."
G. rülpste und nickte. Sie aßen weiter.
"Und det dürfte det endjültije Zeichen sein, det wat nich in Ordnung is.", sagte O. schließlich. Im Film war der Kapitän gerade ins Funkschapp getreten und hatte den Funkoffizier angewiesen, ein Notsignal abzusetzen.
"Nur der letzte Depp schnallt jetz nich, wat los is."
"Det is keene Übung mehr. Jetz´ wird´s Zeit für Plan B."
"Jenau, Alter. Jetz´ is höchste Zeit, in´ne Kapitänskajüte zu latschen, den bekackten Safe zu sprengen und Plan B raus zu holen."
"Wann willste den Scheißplan holen, wenn nich jetze? Der ursprüngliche Plan is offensichtlich im Scheitern begriffen."
"Aber die sehn nich so durch wie wir, verstehste? Die sin´ völlich bekloppt, die Schädel!"
O. rülpste, steckte seine Gabel hochkant in den verbliebenen Berg von Spaghettis auf seinem Teller und lehnte sich zurück. Er lächelte. Nach einer Weile holte er unter einem Stapel Zeitungen eine Zigarette hervor und zündete sie an.
"Scheiß Videothek.", sagte er, "Die hätten uns uff den Scheiß vorbereiten soll´n."
"Jenau. Man hätte uns nich´ einfach so losschicken dürf´n.", antwortete G. und aß weiter. "Irgendwelche präzisen Anweisungen brauchen wa schon, wie wir mit dieser Scheiße umjehen sollen."
"Mindestens ´n A4-Blatt mit ´ner kurzen Übersicht oder wat? ´N paar klare Instruktionen. Wat willste mehr?"
"Ick weeß et ooch nich´."
chiefpedro in Lebensächliches | TrackBack(0)