29.04.05

Kuschelig war an der DDR rein gar nichts

Für alle, die denken, die DDR war kuschelig: Sie war es nicht. Darauf hat Martin Schröder in seiner Polemik gegen den Jubelsturm der Erinnerung vor fünf langen Jahren bereits hingewiesen und er hat auch heute damit recht:

Die DDR war eine am Ende nicht mehr lebensfähige Diktatur, und es ist unmoralisch, sich aus der Diktatur Bröckchen zum Gutfinden rauszufingern. Und was sind das auch für Bröckchen! Jede Subvention war in Wahrheit ein nächster Schritt in den Bankrott, jede fürsorgliche staatliche Geste hatte ein ideologisches Motiv. Auch über das Ende der DDR ist ein Vereinnahmen von Meinungen ehemaliger DDR-Bewohner nicht zulässig. Der Anteil der "Bürgerrechtler" (ohne Mandat) am Ende der DDR tendiert gegen null; keinerlei staatlich geduldete, mit staatlich finanzierten Künstlern und ein paar Inoffiziellen Mitarbeitern (Bürgerrechtler und IM Wolfgang Schnur, Bürgerrechtler und IM Ibrahim Böhme, Widerstandsprenzlauerberglyriker und IM Sascha Anderson) und SED-Mitgliedern bestückte "Demonstration" eines romantischen 4. November hat die DDR erledigt. Auch keine unter dem Schutz westlicher Fernsehkameras stattfindende "Montagsdemonstration". Eine wirkliche Revolution hat es ebenso wenig gegeben wie auch nur einen echten Revolutionär oder eine ausformulierte revolutionäre Idee. Dieses verkommene, ärmliche, gammlige Land, dessen meiste Intellektuelle geflohen waren und das seinen "Bürgern" die Waren täglichen Bedarfs kaum liefern konnte, war schlicht pleite. [..]

Die DDR war doch der Staat, der auf Korruption und mit sich gegenseitig waschenden schmutzigen Händen aufgebaut worden ist unter dem Deckmantel des Sozialismus, ohne öffentliche Kontrolle. Heute müssen sich korrupte Politiker zur Rechenschaft ziehen lassen. Es war die DDR jenes Land, in dem sich moralischer Anstand nur durch Hinnehmen von Nachteilen erkaufen ließ. Es waren die Volkskammerwahlen der Kandidaten der "Nationalen Front" (sic!) eine politische Farce. Es war die DDR, deren Hausdächer jahrzehntelang undicht waren. Es war die DDR, deren Geheimdienst sich bis in die kleinste Zelle der Gesellschaft, die Familie, ausbreitete. In der DDR gab es Zwangsadoptionen, Wehrkundeunterricht für Halbwüchsige und eine Erziehung zum Hass auf den vermeintlichen Klassenfeind, die bis heute nachwirkt. Es gab keine Papiertaschentücher, keine Erdbeeren, die ja doch hier wuchsen, und keine Telefone.

Oh, du seliger, heulend reklamierter Gemeinsinn, wo warst du eigentlich, als Kindern aus religiösen Familien das Recht auf Bildung vorenthalten wurde? Kuschelige DDR-Solidarität, wo warst du, wenn junge Männer keinen Dienst an der Kalaschnikow leisten mochten? Östliche Wärme und Fürsorge, wo wart ihr, wenn jemand das Land verlassen wollte und dafür erschossen wurde? DDR-Fleiß, wo warst du, da sich die DDR-Wirtschaft als lebensunfähig erwies? Und DDR-Intelligenz, wie konnte eine Zensur so lange hingenommen werden?

Wie zum Beispiel erging es Jugendlichen, die aus allen möglichen Gründen (und nicht nur wegen ihrer Straffälligkeit) in den Jugendwerkhof eingeliefert wurden und die dort zerbrachen? Beispielhaft berichtet darüber Matthias Lohre nach einem Interview mit Stefan Lauter, einem Insassen des berüchtigsten Jugendwerkhofs in Ostdeutschland, der sich in Torgau befand. Alle Besorgungen im Laufschritt erledigen, gemeinsam auf die Toilette gehen, Prügelstrafe und Einzelhaft für Jugendliche und keinerlei Intimsphäre waren die Seiten, die die DDR dort ihren Problemkindern zeigte:
Schlimmer kann es nicht mehr kommen, dachte er, als die zwei Männer mit ihm im grünen Wartburg Kombi durch den Wintermorgen fuhren. Schlimmer als das vergangene Vierteljahr im Jugendwerkhof Freital, die verzweifelte Flucht, die Festnahme und die Einzelzelle, in der der 17-Jährige schlief - bis sie ihn abholten. Die Männer um Stefan Lauter sagten nicht, wohin sie ihn brachten. Auch nicht, als ihr Wagen bereits die imposante alte Häuserfront passiert hatte und sich das wuchtige Schleusentor hinter ihnen schloss. Über Stunden stand der schmächtige Junge auf einem Büroflur, Menschen gingen wortlos an ihm vorüber. Als er einen der Unbekannten fragte, wo er sei, schlug der ihm mit einem Schlüsselbund ins Gesicht. Jetzt wusste Stefan Lauter, es würde noch schlimmer kommen.

An diesem 8. Februar 1985 kam der junge Berliner in den Jugendwerkhof Torgau: den einzigen Geschlossenen Jugendwerkhof der DDR. Zwischen 1965 und 1989 schleuste das von Margot Honecker geleitete Volksbildungsministerium etwa 4.000 Jugendliche durch das ehemalige Gefängnis. Die Kontrolle über die Jugendlichen auf dem 4.000 Quadratmeter großen Areal war nahezu perfekt. Wer in anderen Jugendhilfe-Einrichtungen aus der Reihe tanzte, wurde hierher geschickt. Auch Stefan Lauter, der zu fliehen versucht hatte.

Was ihm in den folgenden vier Monaten widerfuhr, erlitten auch die anderen Insassen, rund 40 Jungen und 20 Mädchen zwischen 14 und 17 Jahren: Zur Begrüßung kam er drei Tage lang in Einzelarrest, die Haare wurden ihm abrasiert. In Einheitskluft leistete er stupide Handwerksarbeit in der hauseigenen Werkstatt, Prügel und bis zu 14 Tage Einzelarrest waren gängige Erziehungsmittel.

Nur, daß man das niemals vergißt...

chiefpedro in Politische Notizen | TrackBack(0)
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