Heute ist es an der Zeit, über ein Thema zu sprechen, das ich lange verdrängt und vor mir her geschoben habe. Es ist ein schlechtes Zeichen, wenn einem das passiert, sobald man über seinen Lieblingsverein schreiben möchte - muss -, aber die aktuelle Tabellensituation am Ende der Regionalliga Nordost lässt mir keine Wahl. Der 1. FC Union Berlin, so weh mir das tut, spielt eine verkorkste Saison, hat ein ängstliches, zu keinerlei Selbstvertrauen fähiges Team und steht zu Recht dort, wo er derzeit hingehört - am Ende der dritten Liga und damit auf dem Weg in die Viertklassigkeit.
Wir - die Fans - fragen uns nun natürlich nach dem Sinn dieser Sache. Steckt hinter all dem ein großer Plan? Ist diese Demütigung, diese niederträchtige und verdammenswürdige Wendung des Schicksals, das unseren Verein seit fast anderthalben Jahren befallen hat, Teil eines großen Schemas, das wir am Ende einmal irgendwann verstehen lernen? Gibt es in all diesen grausamen Fußballspielen, die uns unsere Mannschaft anzuschauen zwingt, die Spur eines uns in bald wieder ins Gesicht lächelnden Glücks, dessen wir in all unserer Verzweiflung nicht gewahr werden wollen?
Kann es wirklich stimmen, daß uns die grausamsten aller Götter, nämlich die des Fußballs, zwingen wollen, in die Liga abzusteigen, in der unser größter Erzfeind gefestigt seine Runden zieht? Auf daß wir wieder in ihre dumm grienenden, eingebildeten Gesichter schauen mögen, wenn sie sich endlich wieder auf einer Höhe mit uns glauben, diese Fans des BFC. Ist es das, was man mit uns vorhat? Wer weiß das schon. Gnade uns Gott, wenn wir auch gegen die noch verlieren. Niemand in dieser vergeßlichen Stadt gäbe einen Pfifferling auf das Pokalendspiel vor ein paar Jahren, das ein Gelsenkirchener Vizemeister mit viel Glück gegen uns gewann. Niemand erinnerte sich an die tollen Spiele im UEFA-Pokal, als wir den finnischen Zuschauern Respekt abverlangten für die begeisterten Fans, die dieses unbekannte Team da mitgebracht hatte. Und zu Recht - wir hätten es nicht anders verdient.
Aber vielleicht haben die Götter ja Großes mit uns vor. Vielleicht sollen wir am letzten Spieltag der nächsten Saison gegen eben diesen unseren Erzfeind gewinnen, die weinrotweiße Fussballsch... in die fünfte Liga schicken und selber aufsteigen. Vielleicht soll dann unser Stadionneubau fertig werden, wir durch neu entfachte Begeisterung den Schwung des Aufstiegs nutzen und gleich weiter steigen. So daß uns ein Jahr später die Fußballbundesliga zu Füßen liegt während wir von Sieg zu Sieg taumeln und Hertha BSC - eine weitere Truppe hochbezahlter Gurken, die man als Unioner unbekümmert hassen darf in dieser Stadt - zweimal mit 5:0 aus dem Stadion fegen. Vielleicht sollen wir ein Jahr später zuerst Chelsea und Inter, im Achtelfinale dann ManU, danach Barcelona, anschließend Juve und im Finale Real Madrid zur Sau machen und uns mit Champagner und Bier die Birne zuhauen können und danach die Straßen im Umfeld des Endspielstadions in irgendeiner europäischen Großstadt in Kotze und heiserem Gebrüll versinken zu sehen. Und das alles, um für dieses Jahr entschädigt zu werden.
Und anschließend steht jeder von uns Fans auf seiner eigenen, etwa einhundert Meter hohen Pyramide. So weit das Auge reicht überall diese Pyramiden, mit den nur in einem leinernen Hemd gekleideten Fans darauf, und auf den Hängen jeder einzelnen dieser riesigen Pyramiden unzählige, von Sexsucht besessene Frauen, die wie rasend darum kämpfen, als erste die Spitze zu erklimmen, einzig und allein, um vor den Anderen über uns herzufallen und uns in sexueller Hinsicht aufs Allerheftigste verwöhnen zu dürfen.
Das wär doch was. Dann wäre das alles, zugegebenermaßen, eigentlich gar nicht so schlecht. Ich glaube, so sollte ich es sehen.
chiefpedro in Fussballerisches | TrackBack(0)