03.03.05

Das Geschäft mit dem Tod

Daß in deutschen Gaststätten weiter graucht werden darf, wissen wir nun. Der Präsident des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (DEHOGA) Ernst Fischer, die Bundesministerin für Gesundheit und Soziale Sicherung Ulla Schmidt sowie die Drogenbeauftragte der Bundesregierung Marion Caspers-Merk haben eine entsprechende Vereinbarung unterschrieben.

Um nicht zu viele Raucher zu erfassen, sind von der Vereinbarung generell nur die Mitglieder des DEHOGA betroffen, und von denen auch nur die Speisebetriebe, deren Fläche 75m² übersteigt oder die mehr als 40 Plätze vorhalten. In Kneipen, Bars und Diskotheken darf gleich ganz weiter gepafft werden.

Folgende Schutzzonen wurden von der Bundesgesundheitsministerin und der Drogenbeauftragten für Raucher festgeschrieben (in Umdrehung der Zahlen für Nichtraucher):

• bis zum 1. März 2006 sind maximal 70 Prozent der Restaurants vollkommen für Raucher frei, in den verbliebenen Lokalitäten sind maximal 70 Prozent des Platzes für Raucher vorzuhalten

• bis zum 1. März 2007 sind maximal 40 Prozent der Restaurants vollkommen für Raucher frei, in den verbliebenen Lokalitäten sind maximal 60 Prozent des Platzes für Raucher vorzuhalten

• bis zum 1. März 2008 sind maximal 10 Prozent der Restaurants vollkommen für Raucher frei, in den verbliebenen Lokalitäten sind maximal 50 Prozent des Platzes für Raucher vorzuhalten

So weit also die Ergebnisse der vereinten Bemühungen von Bundesgesundheitsministerium und Drogenbeauftragter.

Was wir noch nicht wissen, ist der Grund, warum nicht ähnlich wie in Italien Rauchen komplett verboten wird. Dazu erst einmal einige Fakten.

In der Ausgabe vom 17.1.2005 befasste sich die Zeitschrift des Bundestages, Das Parlament, schwerpunktmäßig mit Sucht und Drogen. Dort findet man neben interessanten Artikeln über die Entstehung von Sucht, dem Umgang mit Sucht, verschiedenen Auffassungen von Drogenbekämpfung auch wissenswerte Zahlen zum Thema Nikotin:

Fast 17 Millionen [Deutsche] rauchen regelmäßig, und 5,8 Millionen von ihnen brauchen über 20 Zigaretten täglich für ihre Sucht. Der Konsum von Tabak und Alkohol beginnt immer früher, der Ausstieg ist schwierig.
Man kommt auch auf die Kosten des Nikotinkonsums zu sprechen:
Klar ist, dass jährlich über 110.000 Menschen an den Folgen ihres Tabaksucht sterben, sehr viele durch Krebs. Darüber hinaus sterben etwa 37.000 durch Kreislauferkrankungen und 20.000 durch Atemwegserkrankungen - das sind insgesamt über 1,5 Millionen verlorene Lebensjahre. Der volkswirtschaftliche Schaden durch die Raucherei ist enorm: Die Deutsche Hauptstelle für Sucht schätzt die Kosten durch Arbeitsausfälle, belegte Klinikbetten, Kuren und aufwendige Krebstherapien auf rund 17,3 Milliarden Euro, das sind über ein Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Trotzdem verlangt keine Krankenkasse bisher einen Raucherzuschlag.
In einem anderen Artikel kommt der Autor zu dem Schluß, daß die betriebswirtschaftlichen Ausfälle durch unbezahlte Angehörigenpflege oder Raucherpausen in den genannten Zahlen nur ungenügend berücksichtigt sind:
Bei den Kosten des Arbeitsausfalls spielen wegen der früheren Mortalität die Krebserkrankungen die wichtigste Rolle (44 Prozent). Ungefähr ein Drittel des Arbeitsausfalls entsteht durch frühzeitigen Tod, zwei Drittel gehen auf Arbeitsunfähigkeit und Frühverrentungen nach einer Erkrankung zurück. Die Kosten der unbezahlten Arbeit, die zum Beispiel dadurch entstehen, dass ein Angehöriger einen Lungenkrebskranken betreut, müssen noch dazu addiert werden. Sie liegen derzeit bei etwa 19,5 Milliarden Euro.

Ein weiterer Aspekt sind die "Raucherpausen" in Betrieben. Die dadurch bedingten Arbeitsausfälle werden auf etwa 30 bis 50 Minuten pro Tag und Raucher geschätzt. Diese Berechnungen sind allerdings sehr problematisch. Vielleicht liegt der betriebswirtschaftliche Schaden sogar noch höher.

Tabak erzeugt aber auch Einnahmen. So sammelte der Bund 2003 etwa 14 Mrd. € an Tabaksteuern ein.

Ganz deutlich soll in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen werden, daß Einnahmen und Ausgaben im Zusammenhang mit Nikotinkonsum nicht aus demselben Geldtopf stammen. Während der Bund die Steuern einsammelt und für seine Zwecke verwendet, werden die Ausgaben für medizinische Versorgung von den Krankenkassen, für Arbeitsausfall von den jeweiligen Unternehmen getragen. Da der Staat also die Kosten nur indirekt spürt - über finanzielle Beihilfen für verschuldete Krankenkassen oder verminderte Steuereinnahmen der betroffenen Unternehmen -, die Einnahmen aber direkt in seine Taschen fließen, würde er von steigenden Raucherzahlen sogar profitieren.

Für den Bund ist die Bilanz des Geschäftes mit dem Tod durch die Nikotin also glänzend. Ist man deswegen in Regierungskreisen nur halbherzig an Eingrenzungen des Tabakkonsums interessiert? Auf die Frage nach dem Grund für den laschen Umgang mit Rauchern, zitiert die Berliner Zeitung die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marion Caspers-Merk folgendermaßen:

Man müsse schließlich die schwierige wirtschaftliche Situation bedenken.
Krebstod fürs Vaterland lautet also die Devise. Die Krankenversicherten der Bundesrepublik werden es schon zahlen.

chiefpedro in Politische Notizen | TrackBack(0)
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