01.02.05

Von unbekannt zu gleichgeschaltet

Über ein typisches Erlebnis des deutschen Alltags berichtet Eva Dorotheé Schmid heute in der Berliner Zeitung:

Sie wohnt legal in dem Altbauhaus im Prenzlauer Berg, steht in gutem Kontakt mit der Hausverwaltung und hat immer pünktlich ihre Miete bezahlt. Eines Tages jedoch war sie spurlos verschwunden. Alle Spuren ihrer Existenz waren entfernt. Besucher fanden ihren Namen nicht mehr an der Klingelanlage. Der Briefkasten war leer, denn der Postbote musste seine Briefe wieder mitnehmen, weil an keinem der Briefkästen mehr ihr Name stand. Und auch das Schild an der Wohnungstürklingel war weg, so dass sie sich beim Nachhausekommen nicht ganz sicher war, ob sie auf der richtigen Etage gelandet war - in ihrem Mietshaus sieht eine Etage aus wie die andere - und ob der Schlüssel noch ins Schloss passen würde. Er passte.

In der Wohnung war zum Glück alles noch beim Alten. Bei näherem Hinsehen fiel ihr auf, dass der Nachbar plötzlich ein anderes Schild auf seiner Wohnungstürklingel hatte, das handgeschriebene war durch ein maschinengeschriebenes ersetzt worden. Alle Bewohner des Hauses hatten dieses neue Schild. Nur sie hatte gar keins mehr. Um die Anonymität der Großstadt nicht noch schlimmer zu machen, griff sie zu Stift und Papier und fertigte drei neue Schilder. Selbstgemachte sind sowieso viel individueller. Da erkennt man schon von Weitem, dass man in der richtigen Etage angekommen ist. Doch am nächsten Tag waren die Schilder wieder verschwunden. Nach der Anonymität herrschte nun die Uniformität.

chiefpedro in Berlinerlei | TrackBack(0)
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