27.12.04

Glamour und der Weihnachtsmann

Folgende Erklärung gibt die Zeitschrift Glamour auf die Frage nach dem Unterschied zwischen Weihnachtsmann und Nikolaus (Heft 01/05, S. 80):

Hinter den beiden Namen steckt ein und derselbe: Bischof Nikolaus von Myra. Der lebte im 4. Jahrhundert und war bekannt für seine Großzügigkeit. Ihm zu Ehren gab es von seinem Todestag an, dem 6.12.343, Geschenke für die Kinder. Im Zuge der Reformation (1535) schob Luther die Bescherung vom Nikolaustag auf den 24.12. und säkularisierte das strenge Bild vom Bischof mit Mitra und Stab zu unserem netten weltlichen Weihnachtsmann.
Gehen wir mal der Reihe nach den Blödsinn durch, den sich die "Sex and the City"-Generation mit ihren Magazinchen da so antut:

Zur Zeitangabe der Reformation (auf dieser Webseite oder besser: aus diesem Buch von Heinz Schilling):

• Die Reformation begann am 31. Oktober 1517, als Martin Luther seine Thesen per Brief an einige katholische Würdenträger verschickte (der Sachverhalt wurde im Denkpass seinerzeit dargestellt).

• Eine Klärung des Konflikts war von Karl V., der sich später als letzter deutscher Kaiser vom Papst krönen ließ, für den Reichstag zu Worms vom 17./18. April 1521 vorgesehen worden. Luther verwies auf sein Gewissen und verweigerte einen Widerruf seiner Lehre. Daraufhin belegte der Kaiser den sächsischen Mönch und seine Anhänger mit der Reichsacht. Allein seine Macht reichte zu diesem Zeitpunkt nicht mehr aus, diese im Wormser Edikt festgehaltene Reichsacht durchzusetzen und überall im Reiche aufrecht zu erhalten.

• Bereits fünf Jahre später, auf dem Reichstag zu Speyer 1526, wurde das Wormser Edikt de fakto außer Kraft gesetzt - jedem Reichsstand war der Glauben in eigener Verantwortung übertragen worden, bis ein Konzil die endgültige Klärung brachte.

• 1529, auf dem zweiten Reichstag zu Speyer, setzte des Kaisers Bruder das Edikt wieder in Kraft. Fünf Fürstentümer und vierzehn Reichsstädte jedoch, die zu diesem Zeitpunkt bereits im Aufbau einer evangelischen Landeskirche begriffen waren, nutzten ein altes Reichsinstrument der Stände, die "protestatio", dagegen zu protestieren. Luthers Bewegung sollte fortan Protestantismus heißen.

• Weil die Türken zum wiederholten Male bis kurz vor Wien marschiert waren, konnte der Kaiser seine gebündelten militärischen Kräfte nicht gegen die evangelische Minderheit im Reiche zur Geltung bringen. 1532 sah er sich veranlasst, im Nürnberger Anstand einen zeitlich befristeten Religionsfrieden festzulegen.

• Erst sehr viel später, am 25. September 1555, kam es zum Augsburger Religionsfrieden, der das Nebeneinander der Konfessionen garantierte.

Einen Grund, warum die Reformation exakt 1535 stattgefunden haben sollte, kann man im geschichtlichen Abriß nicht erkennen.

Zu Bischof Nikolaus von Myra als Vorbild für den Nikolaus:

• Wie uns diese Seite mitteilt, lässt sich der Todestag des Bischofs Nikolaus von Myra nicht belegen. Ja, selbst sein Leben im vierten Jahrhundert lässt sich nicht exakt verifizieren.

• Weiter noch, weiss man aufgrund kritischer Analyse vorhandener Textpassagen, daß es einen wirklichen Nikolaus nicht gegeben hat. Nikolaus ist eine Kompilation aus zwei historischen Personen: dem Bischof Nikolaus von Myra im kleinasiatischen Lykien, der wahrscheinlich im 4. Jahrhundert gelebt hat, und einem gleichnamigen Abt von Sion, der Bischof von Pinora war, und am 10. Dezember 564 in Lykien starb.

Fakten und Legenden zum Nikolaus werden von Glamour in einer Klarheit angegeben, die die Aktenlage nicht hergibt.

Zum Verschieben der Bescherung auf den 24.12.:

• Zwar hatte Luther wohl versucht, Christus im Mittelpunkt der Frömmigkeit auch dadurch zu unterstreichen, indem er einen Heiligen Christ einführte, der am Heiligabend die Kinder beschenkte. Weil der Begriff aber nicht angenommen wurde, änderte sich der Name bald auf Christkind.

• In Matthäus 2 liest man:

Der Stern, den sie schon bei seinem Aufgehen beobachtet hatten, ging ihnen voraus. Genau über der Stelle, wo das Kind war, blieb er stehen. Als sie ihn dort sahen, kam eine große Freude über sie. Sie gingen in das Haus, fanden das Kind mit seiner Mutter Maria, warfen sich vor ihm nieder und huldigten ihm. Dann breiteten sie die Schätze aus, die sie ihm als Geschenk mitgebracht hatten: Gold, Weihrauch und Myrrhe.
(Zur Verwendung dieser Gaben verweise ich auf Jim Henley, der sich darüber - und über einige andere Sachen - so seine Gedanken gemacht hat.) Jedenfalls dürfte ein Ursprung der Bescherung zum Heiligabend ganz klar im Matthäusevangelium zu suchen sein (auch, wenn beispielsweise erst Luther diesen Gedanken aufgegriffen haben mag).

Zum strengen Bild von Bischof mit Mitra und Stab:

• Zur Zeit der Gegenreformation war man in katholischen Kreisen offensichtlich bestrebt, auch zum Weihnachtsfest einen Kontrapunkt setzen zu müssen. Der Brauch, am 6. Dezember durch den Nikolaus Geschenke zu erhalten, kam erst um diese Zeit auf. Begleiter des Nikolaus war sein Knecht Rupprecht, der im beigeführten Sack die Geschenke trug und mit seiner Rute Kinder auch bestrafen konnte.

Die Bilder haben sich heute vermischt. Nicht nur, daß Bischof Nikolaus von Myra laut der Legende nach (und der Aussage von Glamour zufolge) ein großzügiger, den Kindern zugewandter Bischof gewesen sein soll, wozu Strenge nun wenig passt, scheint die disziplinarische Faszette des Weihnachtsmanns vom Knecht Rupprecht zu stammen.

Die Vermischung setzt sich übrigens bei der Kleidung fort. Vom Bischof stammt der rote Mantel, vom Knecht Rupprecht Kapuze und Pelzbesatz, so diese Seite.

Fazit:

Nach all den verdrehten Fakten in nur dreizehn Viertelzeilen lässt sich eins feststellen: Wer Glamour kauft, zählt zur intellektuell etwas defizitären Schicht unserer Bevölkerung. Und nachdem man es gelesen hat, wird sich das Defizit wohl erhöht haben.

Ach. Noch was. Der Weihnachtsmann ist nicht nett.

chiefpedro in Lebensächliches | TrackBack(0)
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