30.10.04

Reformation oder Von Einem, der auszog, die Welt zu ändern

Die ehrgeizigen Bauvorhaben der Renaissancepäpste Julius II. und Leo X. - allen voran der Petersdom - verschlangen Geldmengen, über die selbst Päpste nicht verfügten. Den Betriebswirten der Kurie kam die pfiffige Idee, die unaufgeklärte Gutgläubigkeit der Schäfchen ihres Kirchenhirten auszunutzen, indem man den Widerspruch zwischen geduldetem und provoziertem Mißverständnis der Gläubigen vertiefte.

Denen war damals noch nicht klar, daß die Sündenschuld bereits durch das Sakrament der Buße vergeben war. Die Kirche nutzte dieses fehlende Verständnis und erfand mit dem Ablaß ein Instrument, des dem Sündigen gegen Almosenspenden oder ähnliche Leistungen die der Buße folgenden Bußübungen erließ. Höhepunkt und vorläufiges Ende dieser Entwicklung sollte der am 31. März 1515 erlassene Jubiläumsablaß werden, der fortan von Hunderten von Ablaßgesandten unter der Führung des Dominikanermönches Johannes Tetzel verkündet und eingetrieben wurde.

Weil nun aber der zweite Sohn des Montanunternehmers und Bürgerschaftsvertreters Hans Luther im Juli 1505 auf dem Heimweg von einem Besuch seiner Eltern von einem Blitzschlag so sehr verängstigt wurde, daß er fortan das Studium der Jurisprudenz gegen das Mönchsleben eintauschte, sollte sich der verschärfte Ablaßhandel später als der Funken erweisen, der das Pulverfaß Deutschland - und mit ihm die christliche Welt - entzündete.

Am Anfang von Martin Luthers kirchlichem Weg stand also die Angst vor Gottes Willkür, deren Herr zu werden er durch Wachen, Beten und Selbstkasteiungen gedachte. Die wirkliche Antwort auf die Frage seines Lebens sollte Luther indes erst Jahre später finden. 1512 war er ins neugegründete Augustinerkloster nach Wittenberg gezogen, wo er an der jungen Landesuniversität eine Professur für Bibelkunde übernahm. Dabei aber gab sich der zugleich mit dem Gottesdienst an der Wittenberger Stadtkirche betraute Gottesmann mit dem herkömmlichen Verständnis der heiligen Schriften nicht zufrieden und verließ die eingetretenen Pfade der Deutung des Wortes Gottes. Statt zu den Kommentaren griff Luther zur Bibel selber und gelangte zu folgender Erkenntnis:

Errettet wird der Mensch nicht durch fromme Werke oder Selbstpeinigung, sondern allein durch den Glauben.
Das bis dahin herkömmliche Bild eines absolut souveränen und willkürlichen Herrschers über alle Gläubigen war damit durch das eines gnädigen Gottes ersetzt worden, der den im Glauben Gerechten errettet und wiedererweckt. Der Zündfunke war geschlagen. Nun brauchte die Lunte nur noch Feuer zu fangen.

Dies sollte geschehen, als Luther am 31. Oktober 1517 einen Brief an den für den Ablaßhandel in Deutschland zuständigen Kirchenfürsten Albrecht von Brandenburg schickte, indem er eindeutig Stellung gegen das Geschäft mit der Buße bezog. Er beklagte, daß der Ablaß ein falsches Verständnis beim Volk fördere, daß zu der Meinung gelangen könne, dadurch sein Seelenheil erreichen zu können. Dem Brief fügte er 95 Thesen bei und wies drohend darauf hin, daß vielleicht jemand hervortrete, der die Ablaßinstruktionen zur Schmach der Kirche und ihrer Obrigkeiten widerlegen werde. Damit war der Streit verkündet.

Daß es nicht zu einer innerkirchlichen Auseinandersetzung kam, liegt an Albrecht von Brandenburg. Statt das glimmende Feuer über den Weg einer internen Diskussion in den Griff zu bekommen, entschied sich der Kurfürst von Mainz dafür, die Ausführungen Luthers erstmal zu ignorieren. Als Abkömmling der Hohenzollern stand er mit Sachsens Landesfürsten auf Kriegsfuß - eine alte Familienfehde - und hatte sich zudem finanziell verhoben, als er sich den höchsten Bischofstitel Deutschlands zulegte. Der Ablaß war ihm willkommene Einnahmequelle. Die Meinung eines sächsischen Mönches spielte da keine Rolle.

Luther indes gab den Brief an einige Bekannte weiter, die ihn prompt ohne sein Wissen veröffentlichten. Die Thesen wurden Gegenstand der öffentlichen Diskussion im Reich - und konnten von der Kirche und ihrem Bischof zu Mainz nicht länger ignoriert werden. Die Lunte brannte.

Den Tag aber, an dem ein kleiner sächsischer Mönch sein Glaubensheil zu finden suchte, indem er die Welt in Brand setzte, feiern wir seitdem als den Reformationstag.

chiefpedro in Politische Notizen | TrackBack(0)
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