29.10.04

Habana Viejo oder Ernests goldenes Dreieck

Jeden Abend um neun Uhr ist die Altstadt von Havanna für einen Moment ein Ort bedächtiger Ruhe, bevor ein lang anhaltender Trommelwirbel die Bühne bereitet für ein Schauspiel, das selbst auf einem Kontinent wie Lateinamerika als einzigartig gelten dürfte. Von den Mauern der Festung Havanna löst sich dann unter mächtigem Getöse ein Geschoß aus einer mittelalterlichen Kanone, fliegt im Licht des Mondes über die sanft im Wasser schaukelnden Fischerboote und landet am Ende seiner parabelförmigen Flugbahn im warmen Wasser des karibischen Meeres.

Auf der anderen Seite der Bahia gelegen, bietet die oberste Terrasse des Hotel Ambos Mundos die wohl beste Aussicht auf diese Darbietung der Alten Garde. Dieser Ansicht war auch Ernest Hemingway, der dort, im Zimmer 501, einige Jahre seines Lebens verbracht hat. Den Abend eröffnete er, so erzählt man sich, im kleinen Kreise im Restaurant des Ambos Mundos, den zwei Welten, mit etwas Cuba Libre und einer kräftigen Zigarre und machte sich anschließend auf seinen Rundgang. Er ging über die Plaza Veijo, vorbei an El Gordo und El Flako, den verschiedenen Kirchtürmen der selben Kirche, die ihre unterschiedliche Größe dem mangelnden Platzangebot in Havannas Altstadt verdanken, bog dann scharf nach links und ließ sich für einige Zeit in einer mit urzeitlichen Möbeln bestückten, winzigen Bogedita nieder.

Dort ließ er sich Mojitos servieren, genoß die laue Brise des dreißig Grad warmen Nachtwindes und vertiefte sich in die unzähligen Unterschriften auf den Wänden des kleinen Lokals, die die Besucher dort hinterlassen hatten. Unter anderem findet sich dort ein Bild von Salvador Allende mit dem vielsagenden Wunsch nach einem freien Kuba, das aus dem Jahre 1973 stammt - eine der letzten Auslandsreisen des chilenischen Sozialisten.

Gegen Ende des Abends, selten vor Mitternacht, wandte sich Ernest Hemingway dem Floridita an der Celle Orispo zu, wo er den Abend mit Daiquiri beschloss. Von dort hatte er es auch nicht mehr weit zurück ins Ambos Mundos, Ausgangspunkt und Ziel seines eigenen goldenen Dreiecks.

Und damit endete die Erzählung meines mit reichlich Kuba-Erfahrungen ausgestatteten Tischnachbarn. Faszinierend, nicht? Ich würde sie gerne mal sehen, die Altstadt von Havanna.

chiefpedro in Lebensächliches | TrackBack(0)
Comments
Post a comment









Remember personal info?