Um 1356, so wissen wir heute, verfasste Karl IV. die Goldene Bulle. Im bedeutendsten Verfassungsdokument des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation wurde damals das Wahlrecht der Kurfürsten bei der Königswahl festgelegt. Die Wahl erfolgte mehrheitlich und bildete den Ausgangspunkt der Entwicklung unseres heutigen Wahlsystems, da später - ganz abstrakt betrachtet - Schritt für Schritt eigentlich nur die Zahl der zugelassenen Wähler erhöht wurde. Die Ziele, die Karl IV. mit der Goldenen Bulle verfolgte, wurden erreicht: Thronfolgefehden sowie die Aufstellung von Gegenkönigen gehörten der Vergangenheit an.
So gesehen, wäre Angela Merkel froh, ein ähnliches Dokument vorweisen zu können. Konnte sie bislang die Landesfürsten in der CDU/CSU im Zaume halten, fällt ihr dies umso schwerer, umso näher die Bundestagswahlen im Jahre 2006 rücken. Denn mindestens zwei ihrer Kurfürsten, der hessische und der bayrische nämlich, schielen unverhohlen selber auf den Thron. Aber auch den anderen passt es überhaupt nicht in den Kram, sich selber von einer ostdeutschen Frau überholt zu sehen. Folgerichtig zeigen die Landesfürsten langsam ihr wahres Gesicht, so daß man kaum noch von einer Union sprechen kann. Der Ton innerhalb der Führungsetage der Christdemokraten wird rauh - Thüringens Ministerpräsident Dieter Althaus spricht gar von einer Intrige.
Geschickter Schachzug, übrigens. Denn zum einen glaubt nun niemand, daß Dieter Althaus Teil eben jener Intrige sein könnte. Wär ja schön blöd von ihm, als erster von etwas zu sprechen, was doch lieber geheim bleiben sollte, oder? Und sollte die amtierende Königin doch noch genügend Macht haben, um zurückschlagen zu können, fällt zumindest äußerlich kein Verdacht auf Dieter Althaus. Zum anderen, und dieses Pfund wiegt schwerer, ist nun wirklich jeder bundesdeutsche Wähler davon überzeugt, daß es in der CDU Probleme gibt. Probleme, mit denen die amtierende Königin ganz offensichtlich nicht mehr fertig wird. Und warum seine Stimme jemanden geben, der nicht mal von seiner eigenen Partei unterstützt wird?
SPD-Generalsekretär Benneter stellt unter diesen Umständen folgerichtig fest: "Es wird einsam um Frau Merkel." Der Königin laufen die Untertanen davon. Die Probleme, deren sich Karl IV. im Jahre 1356 zu wehren wusste - Thronfolgefehden und die Aufstellung von Gegenkönigen - werden für Angela Merkel akuter denn je. Oder anders gesagt: Die letzte Runde hat gerade angefangen.