David hatte lange dafür gearbeitet - hart und gründlich. Mit täglichen Überstunden, häufig auch am Wochenende und dem völligen Verzicht auf Privatleben hatte er es mit dreißig Jahren geschafft, in die Konzernspitze nach Frankfurt/Main versetzt zu werden. Die Stadt war ein außergewöhnlich teures Pflaster, aber die Bezüge für Leute wie seinesgleichen standen dem nicht nach. Bereits begrifflich waren sie derselben Kategorie zuzurechnen: außergewöhnlich. Außergewöhnlich war auch die Vorstellung, in einem der fast einhundert Bürohochhäusern der Frankfurter Innenstadt ein Büro für sich allein zu haben, daß sich in einem Geschoß mit einer höheren Nummerierung als sein Alter befand. Er hatte die feste Absicht, es bis ganz nach oben zu schaffen - erst kurz vor der Rente wollte David sein eigenes Alter die Etagennummer seines Büros überwinden lassen.
Und bis zu jenem Morgen hatte er felsenfest daran geglaubt, daß es für nichts und niemanden eine andere Art zu leben geben könne. Daß da draußen alle voller Neid auf die Früchte von Davids harter Arbeit schauten, zu ihm aufblickten, wenn sich die Folgen seiner Entscheidungen in der bundesdeutschen Realität manifestierten. Dieser sein Weg durchs Leben, einzig und allein der eigenen Karriere verpflichtet, war die wirkliche Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens. Wenn es etwas gab, von dem David felsenfest überzeugt war - das Fundament des Hauses seines Lebens sozusagen-, dann waren es diese zwei Dinge: Geld bestimmt die Welt. Vorwärtskommen ist alles.
Da stand er also an diesem Morgen an einer Ampel im Frankfurter Bankenviertel. Es war kurz nach halb acht, und um ihn herum standen mehr als dreißig ihrer bedeutsamen Arbeit zustrebende Entscheidungsträger. Er sah um sich herum dreißig teure, faltenfreie Anzüge, dreißig hervorragend auf die jeweilige Hemdfarbe abgestimmte Seidenschlipse und dreißig spiegelblank polierte Herrenschuhe, deren quietschender Ledersohlenchor vor einigen Sekunden still geworden war. Die Ampel hatte auf rot geschaltet und den Vorwärtsdrang einer ganzen Brigade von Wirtschaftsbossen - wenn auch nur vorübergehend - zum Erliegen gebracht. Das alleine war eine Erfahrung, die der hier an dieser Straßenkreuzung zufällig versammelte Teil der Finanzelite Europas nicht oft machen mußte. Stillstand statt ungebremster, rücksichtsloser Dynamik war nichts, woran sich diese Herren und vor allem David gewöhnen konnten. Mal ganz davon abgesehen, daß sie es nicht wollten.
Eine weitere Erfahrung, die er sicher nicht machen wollte, stand David kurz bevor. Von irgendwoher aus dem Geflecht der Straßen, die sich wie Ameisenpfade zwischen den Hochhäusern wanden, war lauter Gesang zu hören. Die ohrenbetäubenden Geräusche kamen näher, bis neben der Ampel ein Fahrrad anhielt. Auf ihm saß ein junger Mann mit nacktem Oberkörper. Wild gestikulierend stieß er Sangesfetzen hervor und röchelte die Melodien dazu. Von Zeit zu Zeit schrie er wild auf, spuckte in hoher Tonlage einzelne Wörter hervor und fiel dann in sein allgemeines Summ-Röcheln zurück. Seine roten Augen, die wild hin und her zuckten, ohne dabei wirklich zu fokussieren, zeugten von häufigen Kollisionen des Radfahrers mit den Bestimmungen des Betäubungsmittelgesetzes.
Ein Handy fing an zu klingeln. Erst nach einiger Zeit bemerkte der Sänger, daß es sein eigenes Gerät war und fing an, in den Taschen seiner knielangen Hose danach zu suchen. Als er es fand, schrie er hinein: "Entschuldigen Sie bitte, ich stecke hier mitten in einer Aufnahme." Anschließend ließ er das Handy wieder in seiner Hose verschwinden und fuhr unbekümmert fort, vor sich hin zu brüllen. Als die Ampel umschaltete, setzte er sein Rad in Bewegung und verschwand. Einfach so. Sein melodisches Gebrülle war noch zu hören, als man ihn schon lange nicht mehr sehen konnte. David schien es, als ob ihn das Geräusch von nun an immer verfolgen würde.
Er blieb stehen. Neunundzwanzig Krawatten und Anzüge setzten sich in Bewegung, neunundzwanzig Ledersohlenpaare nahmen ihren quietschenden Chor wieder auf. Nur eines blieb stehen. Für lange Zeit. Wie lange er da stand, wußte er später nicht mehr. Er war schließlich nach Hause gegangen, hatte sich krank gemeldet und einen riesigen Espresso aufgesetzt. Welchen Sinn hatte sein Leben, wenn eine Null - ein Nichts - wie dieser Fahrradfahrer es nicht respektierte, ja nicht einmal bemerkte?