Wie verhält sich ein Politiker, wenn er sich unangenehmen Fragen ausgesetzt sieht? In jedem Rhetorikkurs lernt man, in diesem Fall den Sachverhalt entweder zu ignorieren, sofort einen Gegenangriff zu starten, alles zu leugnen oder aber auf ein anderes Thema auszuweichen. Politiker wissen das, die besuchen Rhetorikseminare oder leisten sich gar einen persönlichen Diskutier-Coach. Vielleicht haben sie aber auch die Landesmeisterschaft im Debattierklub gewonnen, als sie noch - denn es gibt auch Politiker, die mal jung waren - die gymnasiale Schulbank drückten.
Jedenfalls reichen ihnen diese vier Taktiken, um heiklen Situationen in deutschen Talk Shows aus dem Weg zu gehen. Selten, daß da mal was anbrennt. Talk Show-Stars wie Sabine Christiansen kassieren zwar bis zu 30.000 Euro pro Sendung, lassen sich aber regelmäßig von den Politprofis einseifen, wenn es darum geht, bei Antworten nachzuhaken. Zu schnell folgen sie den geschickt ausgestreuten Ködern, die das Publikum und die Talk Master auf eine andere, weniger heikle Fährte locken sollen.
Nur einer liess den Politikern ihr Spiel nicht durchgehen, nahm ihren rhetorischen Waffen die Schärfe, machte die Jäger zu Gejagten und schwang sich selber zum unbarmherzigen Richter auf. Michel Friedman, selber rhetorisch hochbegabt und unnachahmlich eloquent, hakte nach bei Ausweichmanövern und fuhr dazwischen, wenn sich seine Gäste zu weit vom eigentlichen Thema entfernen wollten. Die lange siegreiche Taktik, auf Fragen zu reagieren, indem man "nur schnell noch" auf andere Sache hinweisen wollte, über die man dann so lange redete, bis auch der letzte unter den Anwesenden nicht mehr folgen konnte, wollte bundesdeutschen Politikern bei Michel Friedman nicht gelingen.
Und mit seiner unnachgiebigen Weise, unangenehme Fragen zu besprechen, mit seiner gewichsten, überlegenen Art drehte er den Spieß - für viele Politiker wahrscheinlich zum ersten Mal in ihrem Leben - um. Lockte sie aus ihrer rhetorischen Deckung einstudierter Redewendungen und gesprächstaktischer Manöver und führte sie aufs freie Feld. Entledigte sie dort ihrer parteipolitischen Panzerungen, stellte sie bloß vor den Augen des Publikums und versetzte ihnen dann den Todesstoß. Gregor Gysi, wahrhaft ein Mann, der in Talk Shows glänzen kann, war sichtbar froh, daß seine Sendung auf der roten Couch keine fünf Minuten länger ging. Andere, weniger begabte Rhetoriker hatten da nicht so viel Glück und wurden vor laufender Kamera seziert.
Doch das Ende kam schneller als erwartet. Wer sein Geld damit verdient, andere Leute öffentlich vorzuführen, muß sich bei jedem Schritt der wachsamen Augen gewiß sein, die ihm überall hin folgen werden. Zu viele Feinde, zu viele Neider schaffte sich Michel Friedman mit seinem herablassendem Lächeln, den schmierigen Haaren und seinen halb geöffneten Augenlidern, als daß er sich selber allzuviele Fehler leisten könnte. Und was hat er schon angestellt? Gesteigert durch Substanzen eine Talkshow im vertrauten Kreise veranstaltet, bei der man letztendlich auch Hand anlegen durfte. Verwunderlich nur, daß jemand von seiner Intelligenz sich nicht im Klaren darüber war, wie nah er dem Feuer ständig kam, als er damit spielte. Und so verpuffte Deutschlands einziger Talk Master und mit ihm die einzig sehenswerte deutsche Talk Show.
Aber das Warten hat ein Ende. Nach den ersten Schritten im Pay-TV wird es ab Oktober auf N24 wieder Albträume für deutsche Politiker geben. Und der Denkpass freut sich.
chiefpedro in Politische Notizen | TrackBack(0)