31.05.04

Fussbroichs

Am Freitag abend, gegen dreiviertel Zehn, lief eine neunzigminütige Zusammenfassung des Flaggschiffes deutscher Doku-Soaps, der Fussbroichs. Die im Sommer 2002 eingestellte Sendung begeisterte ihre Anhänger durch den schonungslosen Blick hinter die Kulissen einer Kölner Arbeiterfamilie. 1979 gestartet, wanderten die Fussbroichs mit ihrer offen zur Schau gestellten Banalität einen scharfen Grat entlang und blieben dabei immer interessant: Die Familie wegzuschalten fiel schwer.

Dabei ist es gerade die Normalität und Beliebigkeit der Fussbroichs, die ihre Sendung so aus der deutschen Fernsehlandschaft abhebt. Wir Zuschauer möchten uns hüten, so zu sein wie Vater Fred, Mutter Annemie und Sohn Frank und erkennen uns doch ständig wieder. Bereits die erste Folge zeigt deutlich die Absurdität typischer westeuropäischer Verhältnisse. In den zutage tretenden Widersprüchen sind die Ursachen des späteren Scheiterns der Erziehung ihres Sohnes für die Außenstehenden leicht wahrnehmbar:

Es geht um den Alltag des damals zehnjährigen Frank in seinem Kinderzimmer. Auf etwa zehn Quadratmetern hat er alles, was die Spielzeug- und Unterhaltungsindustrie zu bieten hat. Während er mit Raketen, Schlümpfen und Carrera-Bahn spielt, singt er Schlager und Werbung im Fernsehen mit. Annemie und Fred sitzen nebenan vor ihrem Fernseher. Fred: "Dann kann er den schielenden Löwen gucken und ich die Sportschau." Gemeinsam mit den beiden Omas haben sie ihren Frank rundum ausgestattet. Annemie wünscht sich, dass aus ihm einmal "was Besseres" wird, er nicht wie bisher die Männer in der Familie in die Fabrik geht. "Irgendwie was Besonderes", meint sie, während Fred schon zufrieden wäre, wenn er wenigstens im Büro landete.
Damals fingen die Fussbroichs an, einer Kamera zu gestatten, ihr Leben aufzuzeichnen. Damit war sicherlich ein Gefühl der Auserwähltheit verbunden, das den Eltern Annemie und Fred geschmeichelt haben wird. Sie waren Doppelverdiener in einem aufstrebenden Land, das Medium Fernsehen war noch relativ jung und sie sollten im Mittelpunkt einer eigenen Sendung stehen. Das die schonungslose Offenheit der Kameralinse später in immer zunehmendem Grade Peinlichkeiten einfangen würde, hatte niemand bedacht. Da war Familie Fussbroich allerdings schon zu sehr dran gewöhnt, Medienstar zu sein - auch wenn nicht nur mit ihnen gelacht wurde, sondern immer öfter über sie.

An den ähnlichen verlaufenden, aber bislang gegensätzlich endenden Schicksalen von Fred und Frank Fussbroich lässt sich dann auch einiges über den Wandel der Gesellschaft erfahren. Vater und Sohn haben einen ähnlich begrenzten Geisteshorizont. Kann sich der Vater jedoch als Arbeiter ausreichend finanziellen Rückhalt schaffen, läuft die Karriere des Sohnes auf untertourigen Drehzahlen. Die Zeiten haben sich geändert: Wenig spezialisierte und ungebildete Arbeitskraft findet sich in Asien und Osteuropa genügend, gibt sich dort aber mit einem Fünftel des Lohnes zufrieden. Harte Arbeit zahlt sich auch heute aus, nur sind gute Ausbildung und lebenslange Fortbildung mittlerweile ein Muss. Im Falles des Sohnes zeigt sich denn auch, daß es ohne diese Zutaten immer schwerer wird, überhaupt einen Job zu behalten. Die Sendung wird hier zum Spiegel unserer Gesellschaft.

Und so bleibt zu sagen, daß die Naivität der Fussbroichs trotz allem ehrlicher Natur ist. Die Familie ist harmlos und somit letzten Endes sympathisch. Von den Ozzbournes kann man das nicht behaupten: Die sind peinlich, ekelerregend und arrogant. In der Summe ist diese Mischung sogar eindeutig gefährdend. Und das ist auch der Unterschied zwischen diesen eigentlich so ähnlichen Dokusoaps. Und auch der Grund, warum mir die Fussbroichs fehlen werden.

chiefpedro in Allgemein | TrackBack(0)
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