Die gewohnt kritische Beurteilung des Denkpasses die Reiseeindrücke von Moskau betreffend ist - das ist mir bewußt - überfällig. Wenn sich auch die Leserschar des vielleicht am schwersten zu ertragenden Blogs in überschaubaren Grenzen hält, so bin ich mir meiner Verpflichtung bewußt, solch kolossale Erlebnisse wie eine Geschäftsreise in das Herz des Russischen Reiches nicht unkommentiert vorüberziehen zu lassen. Denn überschaubare Grenzen hin und schwer zu ertragen her, die Leserschar gibt es nichtsdestotrotz, und sie besteht nicht nur aus Leuten die hier ungebeten von Google hereingeschleust werden, weil sie Uma Thurmans Arsch oder Angela Merkels Titten suchen (womit ich übrigens glänzend in der Lage war, unauffällig weitere Google-Ströme anzuzapfen). Aber zum eigentlichen Inhalt dieses Beitrags:
Moskau ist die Hauptstadt Russlands. Russland ist das größte Land der Erde und liegt auf zwei Kontinenten - Asien und Europa. Im Kern leitet sich alles Weitere aus diesen beiden Sätzen ab. Den Anspruch, den Moskau an sich und seine Bewohner stellt, kann man mit dem Titel Hauptstadt des größten Landes der Welt erklären. Die Arroganz und Unfreundlichkeit, mit denen Offizielle von der Klofrau über die Passkontrolleurin bis zum Polizisten die Menschen behandeln, steht im Zusammenhang mit dem Stolz und der Gewißheit, dem größten Reich der Erde zu dienen. Die Fremdartigkeit, die Unterschiede zu Mitteleuropa (die besonders auffallen, weil die Moskoviter selber sehr mitteleuropäisch aussehen), die die Stadt aufweist, erklären sich aus der Schnittstellenfunktion zwischen Asien und Europa. Und so weiter...
Die Stadt ist ein Schmelztiegel hunderter Völker. Das Fernsehprogramm im Hotel wies acht russische Sender, zwei französische, fünf deutsche, drei englische und einen japanischen Sender auf. In den Straßen begegnet man den vielen Völkern der ehemaligen Sowjetunion ebenso wie Westeuropäern und Asiaten. In einem Schmelztiegel findet sich aber nicht nur eine Vielfalt verschiedenster Zutaten, sondern manchmal auch einige ungewollte Nebenprodukte, kurz: Schmutz. Die Stadt präsentiert sich (außer rund um den Kreml) schmutzig und ungepflegt. Dabei ist es die Nähe von güldenem Glanz und abstoßendem Schmutz, die Westeuropäer überrascht. Keine drei Minuten Fußweg vom Hotel finden sich Ruinen und kaum begehbare Bürgersteige und gleich um die Ecke - ein hochmodernes, sündhaft teures, in Berlin unvorstellbares Appartmenthochhaus. Die Bebauung generell läßt eine ordnende Hand vermissen - hier wird gebaut, wie der Investor es für richtig hält.
Auf den Straßen sieht man so ungefähr alles, was drei, vier oder mehr Räder hat. Zweirädrige Fortbewegungsmittel sind eher selten, was zum großen Teil an der aggressiven und regelverletztenden Fahrweise der Moskoviter liegt. Die hat auch Einfluß auf fehlende Hunde im Stadtbild, die geringe Anzahl sichtbarer Kinder und das Nichtvorhandensein von Bäumen am Straßenrand. Beispiele für diese Aggressivität gefällig? Der Sinn von Ampeln, Einbahnstraßen, Fußgängerüberwegen oder Fahrstreifenbegrenzungen erschließt sich dem Betrachter nicht. Moskoviter Autofahrer folgen eigenen Regeln. Dafür sind die Staus unvergleichlich: Bei der Rückfahrt zum Flughafen benötigte die Hotellimousine für 500m etwa eine halbe Stunde. Wegen der Importe aus allen Himmelsrichtungen sind häufig auch Lenkräder auf der rechten Seite des Wagens zu sehen. Ansonsten sieht man alles: uralte Schrottkarren aus Zeiten des Kommunismus und blitzende Maybach-Nobelkarossen. Wegen der schlechten Straßen und des billigen Benzins sind riesige Geländewagen sehr beliebt. LKW sind seltsamerweise im Vergleich zu Deutschland eher selten. Tankstellen habe ich keine einzige gesehen, war aber meistens im unmittelbaren Innenstadtbereich unterwegs.
Hauptsächlich findet der Personentransport aber in der Metro statt. Die hat riesige Rolltreppen, fährt pünktlich alle neunzig Sekunden und funktioniert einwandfrei. Einige der Bahnhöfe sehen einzigartig aus und würden den Betrachter zum Verweilen und Erkundschaften einladen, wäre da nicht das ewige Gedränge und die schlechte Luft. Auch die Zeiten, die man zum Umsteigen benötigt, sind beachtlich. Denn Stationen, die auf dem Metroplan als übereinander liegend dargestellt sind, befinden sich in Wirklichkeit in mehr als fünfhundert Meter Entfernung.
An den Autobahnen finden sich riesige Werbeschildtürme, über den Straßen der Moskauer Innenstadt prangen Werbebanner und Leuchtreklamen. Werbung findet sich auch sonst überall: In der Metro (wo man auch beschallt wird), im größten Kaufhaus GUM und an jedem freien Quadratzentimeter Fassade. Der Eindruck verstärkt das Chaos der Bebauung. Wegen der Vielzahl der Werbung nimmt man das einzeln allerdings gar nicht wahr. Man sieht nur überall ein farbiges Schimmern. Hauptsächlich wird für Banken und Mobiltelefonie geworben.
Trotz der Vielzahl zahnmedizinischer Kliniken verwundert die Anzahl schlechter Zähne, die man zu sehen bekommt. Sie dürfte weltrekordverdächtig sein. Träger von Gold- oder anderen Metallzähnen, einst Kennzeichen Osteuropas, sterben mittlerweile im wahrsten Sinne des Wortes aus. Was auch auffällt: Chirurgen, die sich auf Fehlstellungen von Füßen spezialisieren, werden in Moskau steinreich. JEDE Moskauer Frau unter 40 Jahren trägt mindestens fünfzehn Zentimeter hohe Absätze. JEDE. Das fing am Zoll an, wo eine der Beamten ihren Minirock mit kniehohen High-Heel-Lederstiefeln komplettierte und setzt sich quer durch Moskau fort. Grund dafür ist offensichtlich die Hoffnung vieler junger Frauen, so entdeckt zu werden. Ansprechen hübscher Frauen auf der Straße mit anschließender Einladung zum Mittagessen seien durchaus normal, so russische Verwandte. Weiterführendes Abend- und Nachtprogramm sehr oft auch. In der Hotelbar saßen denn abends auch immer professionell aussehende Damen mittleren Alters, die von sich aus auf die anwesenden Westeuropäer zugingen.
Fazit: Es war aufregend. Berlin ist verglichen mit Moskau ein Dorf. Und ich bin Berliner und liebe meine Stadt. Moskau brodelt rund um die Uhr, man sieht viele haarsträubende und unglaubliche Dinge und spürt den Puls des Lebens. Hier bewegt sich etwas, hier ist Geld im Spiel. Letztendlich möchte man in Moskau aber nur Urlaub machen. Zum Kinder aufziehen bin ich dann gerne wieder zurück in Berlin.