Eine der faszinierendsten Textstellen von Johann Wolfgang Goethe, die ich kenne, lautet:
Geh! gehorche meinen Winken,Der einzigartige, Goethe´sch perfekte Rhythmus unterstützt die kräftigen Bilder dieser Zeilen. Beim lauten und betonten Lesen der letzten Zeile beispielsweise strafft sich wie gezwungen die Stimme. Der starken Wirkung wegen, die das von Goethe so hervorragend gewählte Bild ausübt, spannen sich die Muskeln des Armes, als ob sie einen Hammer zu führen hätten.
Nutze deine jungen Tage,
Lerne zeitig klüger sein:
Auf des Glückes großer Wage
Steht die Zunge selten ein;
Du mußt steigen oder sinken,
Du mußt herrschen und gewinnen,
Oder dienen und verlieren,
Leiden oder triumphieren,
Amboß oder Hammer sein.
Bemerkenswert finde ich aber auch, daß Amboss und Hammer hier gleichen Wertes sind: Ohne Amboss ist der Hammer nur halb so nützlich. Beide brauchen einander. Dieses Kennzeichnen der lebenswichtigen Symbiose geht weiter: ´herrschen und gewinnen´ und ´dienen und verlieren´ stehen in klarer Zuordnung, die aber in ´Leiden oder triumphieren´ und bei ´Amboß oder Hammer´ auf den Kopf gestellt wird. Ist ´herrschen und gewinnen´ nun mit leiden oder mit triumphieren verbunden? Dient der Herrscher als Amboß und die Diener führen den Hammer? Austauschbar, weil so sehr voneinander abhängig, benötigen beide gegensätzlichen Aspekte menschlichen Lebens einander, um in vollem Glanz erstrahlen zu können.
Mehr will ich auch gar nicht sagen. Nur noch, daß ich gerne Hammer wäre, wenn ich oft nur Amboss bin. Nur? Eben nicht. Auch der Amboss hat seinen Platz im Leben...
chiefpedro in Literatur | TrackBack(0)