Die Geschichte um Joseph und seine Brüder, im Alten Testament im ersten Buch Mose - der Genesis - zu lesen, erregte bereits Goethes Interesse aufs Außergewöhnlichste:
Höchst liebenswürdig ist diese natürliche Geschichte, nur erscheint sie zu kurz, und man fühlt sich versucht, sie in allen Einzelheiten auszuführen.Thomas Mann nahm sich dieser "höchst liebenswürdigen" Geschichte an und arbeitete sechzehn Jahre an einem Roman, der zweifellos zu den besten Büchern aller Zeiten und Sprachen gerechnet werden darf. Aufgeteilt in vier Bände, führt das Werk den Leser durch die Stationen des Lebens Jaakobs und seines Sohnes Josephs.
Die Geschichten Jaakobs, der seinem Bruder Esau das Erstgeborenenrecht abkaufte und ihm später den Segen stahl, sind Teil des ersten Bandes. Vor dem Zorn seines Bruders auf der Flucht, verdingt sich Jaakob auf sieben Jahre bei Laban, um als Schwiegersohn für dessen Tochter Rahel Anerkennung zu finden. Hier aber wird der Betrüger Jaakob selber Opfer eines Betrugs: In der Hochzeitsnacht findet er sich im Bett nicht mit der Geliebten, sondern mit ihrer älteren Schwester Lea. Nach erneuter Dienstzeit für Rahel und deren längerer Unfruchtbarkeit wird ihm Joseph statt als erster somit als elfter Sohn geboren - steht in den Augen Jaakobs seinen Brüdern aber bevor.
Diese Auszeichnung Josephs vor seinen Brüdern (auch dem zwölften: Benjamin, dem zweiten Rahel-Kind, bei dessen Geburt die Einzige stirbt), ist Gegenstand des zweiten Bandes Der junge Joseph. Eitel und hochmütig zerstört Joseph die Familienbande, weil er die Bevorzugung offen akzeptiert. Die Brüder antworten mit roher Gewalt: schlagen Joseph und zerreißen seine Kleider, werfen ihn in die Grube und verkaufen ihn anschließend als Sklaven. Um dem Verdacht des gemeinsamen Vaters vorzubeugen, tränken sie das zerrissene Kleid im Blute eines Tieropfers und entweichen Jaakobs Vorwürfen mit dem Hinweis auf wilde Bestien.
Joseph in Ägypten ist der Titel des dritten Bandes. Joseph, verkauft an Handelsleute, zieht vom Lande Kanaan zum Nil und nilaufwärts nach Theben. Dort wird er als Haussklave dem Eunuchen Potiphar weiter gegeben, einem "Ersten Freund des Pharao". Die Frau Potiphars, Mut-em-enet, lebte bis dahin in religiöser Keuschheit in einem im Wandel begriffenen Weltzentrum. Joseph, auf dem der Segen des Herrn ruht, arbeitet sich an die Spitze des Hauses und - nebenbei - in den Tempel des Herzens der bisher von Liebe unberührten Hausdame. Der Betrug ihres Ehemannes scheitert am religiösen Widerstand Josephs, führt letztendlich aber zu dessen erneutem Wurf in die Grube: Joseph landet im königlichen Gefängnis.
Dort - an der Spitze des Gefängnisses - wohl verwahrt, beobachtet Joseph den Wandel des Nillandes. Der alte Pharao entgeht nur knapp einem Umsturz, tritt aber kurze Zeit später aus natürlichen Gründen seine letzte Nilreise an. Sein Sohn übernimmt als Minderjähriger die Regierungsgeschäfte und hat von des Landes Religion eigene Vorstellungen. Ein Traum, von Gott gesandt und nur durch Joseph deutbar, katapultiert den mittlerweile zum Manne gereiften Joseph fast bis an die Spitze des damaligen Zentrums der Welt. Joseph, der Ernährer Ägyptens, sieht sich im vierten Band endlich in der Lage, seine Brüder und seinen Vater wieder zu sehen.
Soweit zum Inhalt. Eine Auseinandersetzung mit der Wertung des Werkes erfolgt in einem zweiten Beitrag, dessen Erscheinen für morgen geplant ist.