30.03.04

Joseph und seine Brüder - Wertung

Goethe sollte Recht behalten: In Kürze die Geschichte Josephs zu erzählen, wird dem Stoff nicht gerecht. Thomas Mann sagte selber:

"[..] das wird ja wieder mal kein Roman im herkömmlichen Sinn, sondern der Versuch eines epischen Werkes von unmodisch langem Atem, zu dessen Herstellung eine zähe Geduld gehört."
Ägypten materialisiert, dank Thomas Manns unermüdlicher dichterischer Schaffens- und Beschreibungsgabe, vor den Augen des Lesers. Der Eindruck wirkt so real, als ob der Leser das Land am Nil unter der Herrschaft Echnatons und Nofretetes, dem Pharaonen-Ehepaar an Josephs Seite, bereist. Man kennt Joseph, man spürt den Sand der am Horizont beginnenden Wüste in der warmen Luft und unter den Füßen. Man wird vorübergehend zum Ägypter, zu einem Teil der Geschichte von Joseph und seinen Brüdern.

Auch deshalb, weil die Motive, die den Handlungen der Romangestalten zugrunde liegen, dem Leser einleuchtend vor Augen geführt werden. So einleuchtend, daß nicht nur ihre Handlungsweise verständlich wird, sondern die Handlungsweise eines jeden Menschen in dieser - oder jeder anderen - Situation begreifbar ist. Joseph und seine Brüder ist ein Buch über Menschen - und zwar über uns alle.

Hans Mayer, vielleicht der bedeutendste Literaturhistoriker des 20. Jahrhunderts, sagte einmal über Gesine Cresspahl, Titelfigur in Uwe Johnsons Jahrestage:

Aber Gesine Cresspahl ist kein biblischer Joseph, dessen Geschichte ausführlich berichtet werden mußte, weil der Sohn des Jaakob und der Rahel ungewöhnlich genannt werden durfte: hübsch und schön und klug. Es wäre bei Uwe Johnsons umfangreichem Erzählbuch - einer ungewöhnlichen literarischen Leistung, die es zuläßt, daß Vergleiche bemüht werden aus hoher Sphäre der Schriftstellerei - eher an ein Gegenstück zu den Buddenbrooks zu denken als zu Thomas Manns biblischer Tetralogie.
Biblisch also - auch in umfänglichen Sinne - ist der Joseph, und er stammt aus hoher Sphäre der Schriftstellerei, so Hans Mayer. Warum erwähnt Hans Mayer aber bei der Auseinandersetzung mit Uwe Johnsons Hauptwerk den Joseph, über den Thomas Mann selber sagte:
"... ich bin sehr geneigt, den Stimmen zu glauben, die dafür halten, daß der Joseph den Höhepunkt meines Lebenswerkes bildet."
Der Denkpass glaubt, weil Hans Mayer diese ansonsten nicht zu vergleichenden Lebens-Werke, an denen ihre Autoren mehr als anderthalb Jahrzehnte arbeiteten, neben einander erwähnen will. Zu Recht, denn sie sind beide von einzigartiger Qualität und Bedeutung. Sind die Jahrestage laut Hans Mayer
unvergleichbar mit allen anderen Erzählbüchern deutscher Sprache seit dem Jahre 1945,
so ist Joseph und seine Brüder eben unvergleichbar mit allen anderen Erzählbüchern deutscher Sprache vor 1945. Wir münzen eine Aussage Hans Mayers über die Jahrestage auf Joseph und seine Brüder um, weil wir sie so passend finden:
Wenn es bei Bewertung von bedeutender Literatur auf Sprachkraft ankommt und Sorgfalt der Konstruktion, auf Kenntnis von Dingen und Menschen, literarische Bildung, Humor und Empfindungskraft: dann [ist Thomas Manns Joseph und seine Brüder] ein bedeutendes Buch.
Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen.

Nur noch dies: Sollte man sich vor den fast zweitausend Seiten, über die sich Josephs Geschichte erstreckt, scheuen, so sei zumindest die Lektüre der dem Werk vorangestellten Höllenfahrt empfohlen. Dem geneigten Leser bietet sie eine Zusammenfassung großer Teile des Alten Testaments. Darüber hinaus beleuchtet sie den Ursprung der Menschheit und des Menschen - in uns wie auf der Erde. Wie fand Gott zum Menschen und der Mensch zu Gott? Dort steht es auf knapp fünfzig engbedruckten Seiten geschrieben, als Einstieg in das gewaltigste Buch eines Lese-Lebens.



Warum der Denkpass dem Beispiel Hans Mayers folgt und die Werke Johnsons und Manns neben einander erwähnt? Nun, ein Teil der Hartnäckigkeit beim Lesen des Joseph verdanken wir dem Fakt, Platz schaffen zu wollen - zu müssen - für die Jahrestage. Auf dem Bücherbord und in unserem Geiste. Letztendlich haben wir uns anders entschieden: Um einen chronologischen Einstieg in Uwe Johnsons Erzählwerk zu finden, werden wir mit der Lektüre seines erstgedruckten Buches beginnen. Das trägt übrigens den passenden Namen Mutmaßungen über Jakob.

chiefpedro in Literatur | TrackBack(0)
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