Träge von Strich zu Strich schleichend, schlief der Minutenzeiger bei seiner Runde ums Ziffernblatt ein. Abwechslung bot allein das Klingeln der Nummernanzeige, dessen doppelter Klang von Zeit zu Zeit die Augen der Anwesenden auf die gelb leuchtenden Ziffern lenkte. Die Hoffnung, die die Wartenden mit den Klängen des Zählwerks verbanden, wurde mit jedem Blick aufs Neue enttäuscht. Die Segmente, deren Zusammenspiel die Ziffern ergab, folgten unbarmherzig der Zahlenreihe. Etwaige die Wartezeit verkürzende Sprünge blieben aus.
Neu Hinzukommenden kündete der Zettel, den die Maschine unter dem Zählwerk ihnen mit einem leisen Rattern entgegen spuckte, vom bevorstehenden Martyrium. Kleingedruckt stand dort unter anderem, wieviele Wartende vor ihnen an der Reihe wären. Als der junge Mann sein Billett entgegennahm, benötigte die dort abgebildete Zahl zu ihrer Darstellung bereits drei Ziffern.
Die stickige, verschwitzte Luft, die ihm aus dem Warteraum entgegen schlug, ließ ihn seine Schritte den vollbesetzten Gang hinunter leiten. Um ihn herum wurde gelesen, geschrieben, telefoniert, geredet und gegähnt. Man schlief hier und da. Die Wartenden langweilten sich und glotzte müde aneinander vorbei. Als er endlich Platz vor einem der verschlossenen, staubigen Fenster gefunden hatte, schlug er sein Buch auf und fing an zu lesen. Über den Rand des Papiers hinweg nahm er die vorbeiziehenden Schuhe wahr. Es war ein Kaleidoskop von Braun- und Schwarztönen, Absätzen, flachen Sohlen, neuem oder abgetragenem Schuhwerk, das da am Rande seines Blickfeldes zu tanzen anfing.
Mundgeruch machte ihn auf die beiden Frauen neben ihm aufmerksam. Die Ältere hatte blaßbraunes, überstrapaziertes Haar, trug einen Ledermantel und war etwa 60 Jahre alt. Wenn sie sprach, kündete der Hauch ihrer krebskranken Stimme vom Ursprung des nach Zigaretten stinkenden Fäulnisgeruchs. Auf dem Boden vor ihren hellbraunen Schuhen stand ein übergroßer, quaderförmiger, blaß karierter Plastikbeutel, wie man ihn häufig auf dem Lichtenberger Bahnhof sieht, wenn Züge aus Osteuropa eintreffen. Als ihr Handy klingelte, öffnete sie umständlich die Tasche, wartete ein weiteres Klingelzeichen ab und ließ sich dann in ungenierter Lautstärke auf ein fernmündliches Gespräch ein.
Ihre Begleiterin war um einiges jünger, um die vierzig etwa. Sie war kräftig gebaut: Ihr Körper strahlte den Charme einer Serviererin vom Oktoberfest aus. Dem, was das Leben ihr hinwarf, trat sie auf hohen Absätzen gegenüber. Ihr fettiges Haar ließ erahnen, daß es vor langer Zeit blond gefärbt worden war. Mit ihren in billigem Blau geschminkten Augen suchte sie ruhelos den Korridor ab. "Scheiße" war eines der Wörter, die am häufigsten die verfaulten Zähne hinter ihren dünnen Lippen passierten.
Sitzenbleiben war dem jungen Mann nur möglich, wenn er sich unauffällig die Nase zuhalten würde. Der Gestank von billigen Zigaretten und Alkohol, durch jahrelange Gewohnheiten zur Unerträglichkeit verdichtet, war auf so kurze Distanz nicht auszuhalten. Dabei keine Aufmerksamkeit zu erregen und weiter zu lesen, war ihm aber nur für wenige Minuten möglich. Danach stand er auf und lief den Gang hinunter. Er stand lieber. Der Stuhl, den er zurückließ, war noch leer, als er eine Stunde später aus dem Büro kam und nach Hause ging.
Die beiden Frauen hatten ihre Isolation nicht mal mitbekommen.
chiefpedro in Lebensächliches | TrackBack(0)