Können wir überhaupt noch glücklich werden?

Was kennzeichnet unsere heutige Welt? Alles soll messbar sein: unsere Projektziele, die Zahl der Tassen Kaffee, die wir trinken, unsere Schritte, unsere körperlichen Aktivitäten, unser Puls am Tag und bei Nacht und und und 1. Algorithmen mit künstlicher Intelligenz durchforsten diese Datenberge nach Mustern, aus denen sie dann für uns Tipps ableiten können: wie werde ich besser? Wie kann ich schneller abnehmen? Wie effizient arbeiten meine Angestellten? Aber natürlich auch: Wer im Flugzeug hat terroristische Absichten?

Dieser Artikel hier auf Medium: The Secret to Happiness Is 10 Specific Behaviors (von Benjamin Hardy, lief auch im Observer), zeigt nun ein klitzekleines Problemchen dabei auf. Die erste Empfehlung2, die Hardy zum Glücklich-Sein gibt, lautet „Von spezifischen Zielen solltest Du los lassen“.

Mein Gefühl sagt mir, dass diese Welt und wir alle irgendwie gerade nicht so oberglücklich sind. Aber vielleicht ist das auch nur eine Annahme. Mir selber geht’s eigentlich mehr als gut, finde ich. Aber da draussen nehme ich eine Kakophonie des Jammerns wahr, die resonant vor sich hin schwingt und dabei Geräusche macht wie der Magen eines Braunbären am Ende seines Winterschlafs.

Ist es möglich, dass wir einfach zuviel Wert auf messbare Werte legen und deswegen nicht mehr glücklich sein können? Haben wir mit Wissenschaft und Produktivität Gott vom Kutscherbock gestossen und gedacht, wir könnten jetzt die Zügel übernehmen, weil wir die Kutsche besser fahren können? Einfach, indem wir alles messbar machen und Produktivität zum Selbstzweck erklären?

Tja, weiß ich auch nicht. Keine Ahnung. Wissen und Produktivität sind gut. Glücklich sein aber auch. Es sieht so aus, als ob wir das eine nur erreichen können, wenn wir uns durch das andere nicht komplett beherrschen lassen.

  1. Demnächst werden wir mehrdimensionale Tabellen haben – was sage ich – BRAUCHEN!!!, in der Dein persönliches Glücksgefühl (täglich erfasst auf einer Skala von 1-5), Konsistenz und Gewicht Deines Stuhlgangs und die Zahl der Likes auf Deine Artikel übereinander aufgetragen werden können, damit Dir eine künstliche Intelliganz sagt, wann Du am besten auf Toilette gehen solltest, um Erfolg beim nächsten Date zu haben.

    Wer hat Bock, so ein Startup mit mir zu gründen? Wir nennen es Shitcount oder so. ↩︎

  2. Ich weiß leider nicht, ob sich Hardys Erkenntnisse auf Studien oder sein eigenes Bauchgefühl verlassen. ↩︎