Auf Imgriff.com gibt es einen Artikel über Extrem-Minimalisten. Das sind Leute, die sich ganz minimal in ihrem Leben eingerichtet haben, um so der großen Freiheit ein Stück näher zu kommen. Es sind nicht nur Aussteiger, es gibt auch digitale Minimalisten, die CDs, Bücher und Dokumente aus ihrem Leben verbannt haben und durch MP3, eBooks und Evernote ersetzt haben, so wie Kelly Sutton, über den BBC berichtet.

Das finde ich irgendwie cool. Aber ich sehe einige Probleme, das auf viele andere Lebensentwürfe anzuwenden. Ich glaube, Kinder sammeln gerne Spielzeug, obwohl auch da oft weniger mehr sein kann. Erkläre denen dann mal, dass das ganze Zeug jetzt raus fliegt – oder sorge dafür, dass sie beim Einschlafen dem MP3 vom Laptop lauschen und nicht heimlich im Internet surfen. Ein weitaus größeres Problem steht chronologisch vor dem mit den Kindern – ich bezweifle, dass viele potenzielle Ehefrauen auf diesen Lebensansatz stehen. Was schenkt man sich denn zum Hochzeitstag? Dateien? Nach der Braut, die das akzeptiert, wirst Du aber einige Zeit suchen.

Wie immer das auch sein mag, ich könnte am allerwenigsten auf gedruckte Bücher verzichten. Dabei lese ich zu jedem Zeitpunkt mindestens ein Buch per Stanza auf meinem iPhone. Das macht mehr Spaß, als ich anfangs glauben wollte und liest sich besser, als ich jemals gedacht hätte. Es ermöglicht mir, in Momenten zu lesen, wenn ich kein Buch zur Hand habe, aber sich die Zeit bietet, z.B. im Warteraum beim Arzt, in der Supermarkt-Schlange oder auf der Toilette im Büro. Ich habe immer eine kleine Bibliothek dabei und kann so immer das lesen, was zu meiner jeweiligen Stimmung passt.

Aber nur noch eBooks lesen? Niemals! Und dafür habe ich einige sehr, sehr gute Gründe.

Ich habe immer mehrere Lieferungen von Amazon laufen, inklusive einiger Vorbestellungen meiner Lieblingsautoren. Das heisst, dass ich nicht immer weiß, um welches Buch es sich bei jeder einzelnen Lieferung handelt. Auf die Vorfreude beim Pakete-Aufreißen müsste ich ja dann verzichten. Wenn ich Bücher im Buchladen kaufe, fällt das ganze Stöbern weg. Stöbern bei Amazon oder auf Fictionwise kommt in keinster Weise an das Stöbern in einem guten Buchladen heran.

Wenn ich ein neues Buch in die Hand kriege, rieche ich erst mal daran. Die Dinger riechen alle anders, und bereits am Geruch erkennt man, was man vor sich hat. Billige Kaufhaus-Hochglanz-Reisebücher riechen anders als wissenschaftliche Publikationen riechen anders als amerikanische Paperbacks riechen anders als alte Bücher aus dem Bücherregal.

Ich habe einen doch recht ausladenden Bücherschrank. Weil mein Wohnzimmer recht großzügig geschnitten ist, wirkt es trotzdem nicht überfrachtet. Wohnzimmer ohne Bücher finde ich doof. Das sieht leer aus, und wie ich finde, macht es auch einen eher ungebildeten Eindruck. Mit fast jedem Gast kommt man über einige Bücher ins Gespräch, das würde wegfallen. Bücher im Regal haben zudem, das kann ich als Bauingenieur fundiert behaupten, einen guten Einfluss auf Raumklima und Schalldämmung.

Ich will aber auch in Büchern blättern, wenn ich was suche. Ich kenne mich aus in meinem Schrank, aber ein bisschen suchen gehört dazu. Und bei jeder Suche fällt einem auch immer was in die Hand, was man nicht gesucht hat – und trotzdem ein Gespräch wert ist.

Schön ist auch, dass Bücher nach regem Gebrauch abgenutzt sind. Nicht zerfleddert, aber die Seiten sind benutzt worden. Wenn ich so ein Buch in die Hand nehme, dann stellt sich ein Gefühl der Vertrautheit ein, eine Erinnerung wie an eine Jugendliebe. Manchmal finde ich alte Lesezeichen. Auch die erzählen eine Geschichte und rufen Erinnerungen wach.

Auf das alles soll ich verzichten? Niemals. Ich werde Stanza nicht löschen. Aber ich werde auch nicht auf meine Bücher verzichten. Den Cult of Less finde ich ganz cool, aber was Bücher angeht, tun mir die Typen richtig leid.

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  • IckesKumpel

    Hört dem Mann zu! … und lest ihn!