Ich kann es betrachten, wie immer ich will, aber Lesen ist und bleibt eines der größten Vergnügen in meinem Leben. Das Schöne daran ist, dass egal was immer ich lese, mir die Zeit danach nicht vertan vorkommt. Das ist der Unterschied zum Fernsehen: Lesen bildet.

In den letzten Wochen habe ich zwei Bücher mit großer Freude gelesen: Verglühte Schatten von Kamila Shamsie und The Big Short von Michael Lewis. Weil beide so gut waren, will ich sie kurz vorstellen.

Verglühte Schatten

Eine Frau überlebt den Abwurf der Atombombe in Nagasaki und verliert dabei ihren Geliebten. Sie landet in Indien, wo die Briten gerade ihre Kolonialmacht beenden. Ihr Sohn wird später in den Afghanistan-Krieg gegen die Sowjets hineingezogen, bevor die Frau sich in New York wieder findet, kurz nach den Anschlägen auf das World Trade Center. Die Geschichte zweier Familien in den Wirren eines Jahrhunderts, in dem kleine Leute ausbaden, was die Mächtigen so anrichten. Sowas kann nicht gut enden, und das tut es auch nicht.

Verglühte Schatten von Kamila Shamsie (Bildquelle: Amazon.de)

Verglühte Schatten von Kamila Shamsie (Bildquelle: Amazon.de)

Atmosphärisch dicht, mit einer fesselnden, abwechslungsreichen Story, ist das vielleicht das beste Buch, das ich in diesem Jahr gelesen habe. Es handelt von der Sinnlosigkeit eines zweiten Atombombenabwurfs, von dem religiösen Wahn, der Indien zerreisst und Pakistan hervorbringt, vom Ende einer Großmacht und dem Anfang einer neuen. Und mitten drin von Menschen, die einfach nur in Frieden leben wollen und sehen, wie ihre Kinder aufwachsen. Und die trotz der Umstände weiter das Leben lieben. So gesehen ein positives Buch, wenn auch mit einem traurigen Ende. Aber das gehört bei dieser Geschichte einfach dazu. Einziger Makel: die Übersetzung von Ulrike Thiesmeyer wird erst im Laufe des Buches akzeptabel.

Fazit: Mehr als lesenswert – das Buch des Jahres sogar!

The Big Short

Michael Lewis kann wirklich schreiben. Das hat er bei Moneyball bewiesen und auch bei Blind Side, beides fesselnde Bücher über amerikanischen Sport. Jetzt kehrt er zu seinen Wurzeln zurück: The Big Short kann durchaus auch als eine Fortsetzung von Liars Poker aufgefasst werden, jenem Buch aus dem Jahre 1989, das Michael Lewis als Schriftsteller berühmt machte und das seine Abrechnung mit seiner Karriere in der Finanzwelt war. Immerhin ging es damals um das gleiche Problem wie heute: das Bündeln von Kredit-Risiken durch amerikanische Banken und die daraus entstehenden Folgen.

The Big Short by Michael Lewis (Bildquelle: Amazon.de)

The Big Short by Michael Lewis (Bildquelle: Amazon.de)

Es geht um die Ursachen der Finanzkrise: was steckt dahinter? Wie kann es sein, dass faule Kredite an Leute vergeben werden, die nicht mal die erste Rate bezahlen können? Wie funktioniert diese Maschine, die wertlose Kredite in Höhe von mehr als 1.000 Milliarden Dollar weiter verkauft? Wer kauft diese Kredite und warum?

Michael Lewis geht diesen Dingen auf den Grund. Hervor tritt eine Industrie, deren Ziel die persönliche Bereicherung aller ihrer Mitarbeiter ist – und zwar auf Kosten der Armen im Land (die nach der Krise weiterhin ohne Häuser, aber dafür nun mit sehr viel Schulden da stehen). Lewis nennt die Namen von Leuten, die besonders ruchlos handeln. Und er zeigt uns einige Wall-Street-Akteure, die lange vor der Krise erkannt hatten, dass der Kaiser in Wirklichkeit nackt umher lief.

Das Ganze ist wie bei Michael Lewis immer sehr persönlich, sehr detailliert und vor allem sehr hands-on geschrieben. Ich habe mich köstlich amüsiert und hatte Schwierigkeiten, das Buch aus der Hand zu legen. Es kommt vom Inhalt nicht ganz an Janet Tavakolis hervorragendes Buch Dear Mr. Buffett heran, aber es ist etwas unterhaltsamer. Tavakoli dagegen darf sich rühmen, die Krise vorhergesagt zu haben – Michael Lewis selber hatte diesen weisen Vorausblick übrigens nicht.

Fazit: Unterhaltsam und lehrreich.

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