Die Anzahl der Nervenzellen in unserem Gehirn beläuft sich auf etwa 100 Milliarden. Diese Zahl ist aber nicht fest vorgegeben – z.B. durch regelmäßigen Alkoholmissbrauch können wir Nervenzellen abtöten, so dass die Zahl sinkt. Die Frage, die ich mir schon immer gestellt habe: wachsen Nervenzellen im Gehirn nach?

Nervenzellen wachsen nach

Aktuelle Forschung zeigt, dass in unserem Gehirn ständig Nervenzellen nachwachsen. In Tierversuchen wurde nachgewiesen, dass im Hippocampus von Ratten zwischen 5-10.000 Nervenzellen pro Tag entstehen. Dieser Vorgang heisst Neurogenese. Wie im Denkpass-Artikel Wie unser Gehirn funktioniert aufgezeigt, ist der Hippocampus (der Ort, an dem die meisten neuen Nervenzellen entstehen) für folgende Sachen verantwortlich:

  • Überführung von Erinnerungen aus dem Kurzzeit- ins Langzeitgedächtnis
  • Koordinierung verschiedener Gedächtnisinhalte, z.B. zur Orientierung

An diesem Ort, der für unser Lernen so wichtig ist, produzieren wir also die meisten neuen Nervenzellen. Eine Warnung für Alkohol-Freunde: die Erzeugungsrate neuer Nervenzellen wird durch übermäßigen Alkoholkonsum stark beeinträchtigt (haben die Forscher also echt Ratten mit Alkohol abgefüllt?). Ein Weg, die Produktion neuer Nervenzellen zu steigern, ist übrigens viel Sport zu treiben. Auch das fand man bei den Ratten heraus.

Warum die Neuronen entstehen, darüber besteht Unklarheit. Eine Theorie sagt, dass es sich wahrscheinlich um eine Art Backup handelt, Neuronen, die man produziert, falls man sie mal brauchen KÖNNTE. Zum Beispiel bei anspruchsvollen, neuen Aufgaben. Und wenn wir die neuen Nervenzellen nicht sofort benutzen, sterben sie auch gleich wieder ab. Damit unsere neuen Nervenzellen eine Überlebenschance haben, müssen wir unser Gehirn benutzen wie ein American Football-Profi seinen Körper benutzt:

  • Herausforderungen meistern
  • oft und viel trainieren
  • öfter ans Limit führen

Ein Leben lang lernen

Die ständige Produktion von Neuronen und ihr Überleben kann Hirnkrankheiten wie Alzheimer und Demenz verlangsamen. Nicht viel ist derzeit bekannt, warum das Gehirn in bestimmten Bereichen neue Nervenzellen erzeugt und wie diese am besten überleben. Die Forschung fragt sich, ob man dieses Wachstum auch gezielt in anderen Regionen des Hirns forcieren kann. Interessant ist auch, wie man die Überlebenschances neuer Nervenzellen steigern kann.

Dazu hat ein Forscherteam um Elizabeth Goulds (Princeton University) und Tracey Shors (Rutgers University) Versuche mit Ratten durchgeführt. Die Ratten bekamen eine Substanz verabreicht, die neuen Nervenzellen markiert. Dann wurden die Ratten aufgeteilt in zwei Gruppen: eine, die nichts tut und eine, die eine Lernaufgabe bewältigen soll. Bei den Ratten, die die Lernaufgabe erfolgreich hinter sich brachten, war die Zahl der markierten Nervenzellen größer als bei denen, die nichts lernen konnten und den anderen Ratten, die nichts tun brauchten. Umso besser das Tier lernte, umso mehr Neuronen blieben am Leben. Lernen bewahrte die neuen Nervenzellen vor dem Tod.

Leider sind nicht alle Arten zu lernen gleichwertig. Ratten, die einfache Aufgaben zu bewältigen hatten, profitierten nicht von neuen Nervenzellen. Lernen, einfache Probleme zu bewältigen, reicht nicht aus: Kreuzworträtsel und Sudoku verlängern den Fortbestand unseres Hirns kaum. Wir müssen, wie die Ratten in den Versuchen, komplexe Aufgaben bewältigen. Interessanterweise haben die Langsamlerner mehr davon: weil das Lernen für sie anspruchsvoller ist, bleiben mehr neue Neuronen am Leben als bei Schnell-Lernern.

Die Aufgaben, die wir bewältigen müssen, sollen herausfordernd und komplex sein. Wie gesagt, Kreuzworträtsel fallen damit aus. Violine oder E-Gitarre spielen lernen oder eine neue Sprache lernen sind Aufgaben, die unsere neuen Nervenzellen erhalten. Ich persönlich hoffe, dass die Beschäftigung mit Kreativität, die ich für den Denkpass aufbringe, hinreichend komplex und anspruchsvoll ist. Das ist nämlich aktuell das, wo ich am meisten Neues lerne.

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