Google sei sehr kreativ, so Google-CEO Eric Schmidt in einem Interview der Financial Times, das sei Teil der Unternehmenskultur. Mitarbeiter können sich ihre Lieblingsprojekte frei aussuchen, ihnen stehen dafür 20% der Arbeitszeit zur freien Verfügung, so Schmidt (noch mehr darüber hier: Wie Google kollektive Intelligenz nutzt). Das Ergebnis sind Produkte wie die Suchmaschine, Google Earth und GMail. Ist diese Innovationsfähigkeit gut oder schlecht für uns Nutzer?
Ist Google denn erfolgreich mit seiner Kreativität?
Nun muss man diese Erfolgsgeschichte auch mal ökonomisch betrachten. Die Suchmaschine, wo Google de facto ein Quasi-Monopol hat, liefert beeindruckende Umsätze und Profite. Google Earth und Gmail liefern gar keine Umsätze, sondern der Suchmaschine einfach weitere Informationen. Eric Schmidt stellt das der Financial Times gegenüber so dar, als ob Google mit seiner kreativen Kultur von einem Erfolg zum nächsten eile. Umsatz liefert bei Google aber nur deren erste Kreation – das Suchen. Und es gibt genügend Beispiele, wo Google-Produkte schnell wieder vom Markt verschwanden, wie z.B. Google Notebook, das sich nicht gegen Evernote durchsetzen konnte (Imgriff.com: Evernote – Erfolgreich gegen Goliath Google).
Langfristige Folgen von Googles Kreativität
Was für eine Rolle spielt der monetäre Erfolg, wenn die Nutzer von den kostenlosen Diensten neuer Google-Angebote profitieren. Langfristig betrachtet handelt Google nicht aus Großzügigkeit, sondern Eigennutz. Denn auch auch wenn ihre neuen Produkte kostenlos sind, profitiert Google davon langfristig. Google breitet sich aus und füllt umgebende Nischen, siehe Financial Times (Spaces Invader). Das hat Vorteile für Google:
- Rund um seine Suchmaschine entstehen weitere Anwendungen, die der Datenkrake Google Daten liefern – das oft, ohne dass die Nutzer es merken.
- Es entsteht ein Niemandsland für andere, innovative Firmen, weil Google eine Umsonst-Kultur fürs Web verbreitet, die es selber mit seinem Quasi-Monopol bei Suchwerbung querfinanziert.
Langfristig führt das dazu, dass die Konkurrenz ausdünnt. In seinem Buch Power Laws – The Science of Success wendet Richard Koch u.a. die Evolutionstheorie auf die Wirtschaft an. Sie erklärt, welche Spezies langfristig Erfolg haben wird – und welche nicht. Wenn zwei Spezies im Wettbewerb stehen, entscheidet sich ihr Schicksal anhand ihrer Möglichkeiten, sich gegenseitig ihre Lebensräume streitig zu machen. Kann die eine Spezies sich erfolgreich im Lebensraum der anderen ausbreiten und die andere kann nicht entsprechend antworten, wird mittelfristig die erste Spezies dominant werden und die zweite Spezies aus allen Nischen verdrängen. Niemand kann Google in deren Lebensraum angreifen, die tun aber alles, um Microsoft und Apple in deren Lebensräumen anzugreifen. Somit wird Google dominant werden. Es scheint, als ob Google-CEO Eric Schmidt aufmerksam die aktuelle Business-Literatur verfolgt.
Und wenn Google dann rund um seine Suchmaschine auch in angrenzenden Bereichen ein Quasi-Monopol hat? Nur um die Welt zu verbessern, macht Google das alles nicht. Das glauben die Leute bei Google zwar, weil eins ihrer Mottos ist “Don’t be evil.” Nur weil man sich sowas auf die Fahnen schreibt, ist negatives Sozialverhalten aber nicht ausgeschlossen. Einer der Mitarbeiter ist deutlich übers Ziel geschossen, als er den WLAN-Verkehr aufzeichnete, während die Google-Streetview-Fahrzeuge durch die Gegend kutschierten. Da will Eric Schmidt im Interview mit der Financial Times nicht so gerne drauf eingehen, genauso wenig wie auf die Privatsphären-Verletzung bei Google Buzz. Das seien Ausrutscher und einfach nur das Werk von einzelnen Ingenieuren, die sich sich nicht an festgelegte Routinen hielten. Unter uns, damit Routinen so leicht auszuhebeln sind, müssen aber ziemlich viele Leute auf mehreren Augen blind sein. Und es handelt sich beim Aufzeichnen von WLAN-Datenverkehr nicht um einen Klick in einem Programm, sondern um spezielle Programmroutine, deren Programmierung mehr als nur einen Mausklick erfordert.
Wird Don’t be evil irgendwann zu Let’s try not to be evil most of the time?
Vielleicht sind das doch die Folgen der Unternehmens-Kultur? Google sei nicht so arrogant und unsensibel, wie von Gegnern behauptet, so Eric Schmidt. Im Übrigen sei es für die Kreativität im Unternehmen wichtig, erst Produkte zu starten und sie dann später bei Bedarf zu korrigieren. Und im übrigen seien die Gesetze kaum eindeutig und oft überholt – und gewisse Entscheidungen, z.B. eines italienischen Gerichts, beleidigen die Firma und ihre Angestellten. Für mich klingt das wie eine Eigengruppe – es gibt ein drinnen und ein draußen. Und manchmal führen Eigengruppen auch dazu, dass die Denkprozesse gestört werden. Bei Investment-Bankern hat das jedenfalls wunderbar hingehauen (Denkpass: Investment-Banker und das Phänomen der Eigengruppe).
Wenn diese Eigengruppe dann noch denkt, sie sei nicht evil, dann fühlt sie sich selbst dann gerechtfertigt, wenn sie offensichtlich falsch handelt – dieses Phänomen des Ablasshandels zeigt sich bereits beim Kauf grüner Produkte (der Denkpass berichtete). Diese vermeintliche Befreiung von künftigen Sünden, weil man ja was Gutes getan hat, ist vielleicht der Grund, warum Google und Eric Schmidt sich selber kaum hinterfragen. Das kann immer noch eine Kultur sein, die kreativ ist – aber es ist definitiv keine Kultur, die immer nur das Beste für die Kunden will.
UPDATE: Lars Reppesgard schreibt auf Googlereport.de über die seiner Ansicht nach betriebsblinde Firmenkultur bei Google (Link zum Artikel). Passend, weil es zu einem ähnlichen Schluss kommt – die Kultur, die niemals böse sein wollte, fängt an, sich selbst als unfehlbar zu betrachten.
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Tags: Eric Schmidt, Google







