Auf Imgriff.com hat Thomas Mauch einen Test unserer Fähigkeit zum Multi-Tasking vorgeschlagen (Link zum Artikel). Der Test ist sehr einfach und zugegebenermaßen vielleicht nicht wirklich geeignet, unsere Fähigkeit zum Multi-Tasken abschliessend zu beurteilen:
Nimm zunächst ein Blatt Papier und zeichne mit Linien drei – noch leere – Spalten darauf. Die drei Projekte haben folgende Ziele:
- In der ersten Spalte sollen untereinander die Buchstaben A bis J stehen.
- In der zweiten Spalte sollen untereinander die Ziffern von 1 bis 10 stehen.
- In der dritten Spalte sollen untereinander die römischen Ziffern i bis x stehen.
Das Endergebnis sollte ungefähr so aussehen:
A | 1 | i
B | 2 | ii
C | 3 | iii
und so weiter. Nun geht’s los. Fülle die Spalten nach folgendem Muster:
- Zuerst mit Multitasking: Du arbeitest von links nach rechts, beginnst mit A, füllst dann in der zweiten Spalte die 1 ein und schreibst i in die dritte Kolonne. Anschließend machst Du Dich nach demselben Schema an die zweite Zeile, und so weiter bis ans Ende.
- Die zweite Runde im «Singletasking»: Zuerst füllst Du die linke Spalte von oben nach unten mit A bis J, dann die zweite mit 1 bis 10 und am Ende die dritte mit i bis x.
Warum unser Hirn nicht multi-tasken kann
Thomas’ Artikel wurde bereits 10x mit Flattr belohnt, in den Kommentaren geht’s aber hoch her. Der Test bewerte irgendwas, nur nicht die Fähigkeit des Multi-Taskings. Was passiert im Hirn, wenn wir versuchen, mehrere Aufgaben gleichzeitig zu bearbeiten? Das Handelsblatt hat dazu einen interessanten Artikel veröffentlicht (Link zum Artikel).
Eine Untersuchung der Stanford University fand keine Menschen, die besonders für Multi-Tasking geeignet waren. Im Gegenteil, die Leute, die sich selbst als besonders gute Multi-Tasker beschrieben, hatten unterdurchschnittliche Ergebnisse. Sie liessen sich durch die vielen Medien, die sie gleichzeitig konsumierten, besonders leicht von der Arbeit abhalten. Mit Ablenkung waren sie langsamer, ohne Ablenkung nicht schneller. Ein weiteres Problem der Multi-Tasker: sie taten sich offensichtlich schwer damit, Informationen als wichtig oder unwichtig einzustufen. Die Konzentrationsschwäche könnte eine Folge des Multi-Taskens sein, so der Leiter der Untersuchung, Clifford Nass. Oder es ist umgekehrt: die Leute mit Konzentrationsschwächen fühlen sich zum Multi-Tasken und den vielen Medien hingezogen.
Für die Steuerung bewusster Prozesse ist in unserem Hirn der präfrontale Kortex zuständig. Der liegt direkt hinter unserer Stirn und empfängt verarbeitete sensorische Signale, verknüpft sie mit Gedächtnis-Inhalten und emotionaler Bewertung aus dem limbischen System, um auf der Basis all dieser Eindrücke Handlungen zu initiieren. Der präfrontale Kortex ist der Aufpasser über unsere situationsangepasste Handlungssteuerung. Und anscheinend arbeitet der präfrontale Kortex Vorgänge nacheinander ab – und nicht gleichzeitig. Eine weitere Handlung wird solange aufgeschoben, bis die erste ausgeführt ist, so der Hirnforscher Rene Marois von Vanderbilt University. Die Schwierigkeit ist, gleichzeitig etwas wahrzunehmen und darauf zu reagieren.
Zwar können wir unseren präfrontalen Kortex trainieren, aber er wird wohl niemals in der Lage sein, zwei Handlungen wirklich gleichzeitig zu bewerten. Die Reaktionszeit wird verbessert, wodurch wir glauben, zu multi-tasken. Offensichtlich beginnen wir dann aber, uns mit verschiedenen Reizen zu überladen. Und sind damit nicht schneller als zuvor, aber wir neigen dazu, diese Schnelligkeit mit Multi-Tasking-fähiger Intelligenz zu verwechseln.
Im Gegenteil, das Gehirn kann beim Multi-Tasking auch dafür sorgen, dass wir nicht zuviel Informationen aufnehmen. So reduziert unser Hirn unser Sehvermögen auf den sogenannten Tunnelblick, wenn wir beim Autofahren telefonieren, wie der Spiegel schreibt (Link zum Artikel). Dabei spielt es keine Rolle, ob wir nebenbei noch das Handy halten oder eine Freisprechanlage nutzen: die Zahl der Unfälle wird durch beides gesteigert. Reizüberflutung führt auch zu erhöhten Stresswerten.
588 Milliarden Dollar Verlust durch konsequentes Multi-Tasking
Multi-Tasking ist ein volkswirtschaftliches Problem: die amerikanische Beratungsfirma Basex ermittelte in einer Befragung, dass allein der US-amerikanischen Wirtschaft 28 Milliarden Arbeitsstunden durch die vielen Ablenkungen des modernen Arbeitslebens verloren gehen. Umgerechnet mit knapp 21 Dollar pro Stunde ergibt das einen volkswirtschaftlichen Schaden von 588 Milliarden Dollar im Jahr, der allein dadurch entsteht, dass wir unsere Arbeit aufs Multi-Tasken ausgerichtet haben – dass wir aber offensichtlich gar nicht beherrschen können!
Die Gefahr ist, dass wir durchs ständige Multi-Tasken unserem Hirn unsauberes Denken antrainieren. Wenn unser Hirn ständig von vielen Seiten beeinflusst und abgelenkt wird, hat es vielleicht auch bald Schwierigkeiten, konzentriert zu arbeiten, wenn wir nicht abgelenkt werden. Und was bei Konzentrationsschwäche anfängt, kann bis zum Verlust des Kurzzeitgedächtnisses führen, so der Münchener Hirnforscher Ernst Pöppel im Spiegel-Artikel. Wir sind auf dem besten Weg, einen “unzusammenhängenden, schizoiden Denkstil” zu entwickeln, so Pöppel.
Tipps, um die negativen Folgen von Multi-Tasking zu vermeiden
Was können wir dagegen tun? Pöppel schlägt vor, jeden Tag mindestens eine Stunde unterbrechungsfrei zu arbeiten. Für mich ist das immer die erste Stunde auf Arbeit, wenn ich meine Mailprogramme und Twitter noch nicht anhabe. In dieser Stunde schreibe ich gerne Artikel wie diesen hier. Das unterbrechungsfreie Arbeiten macht Spaß, bringt sehr viel Ergebnisse und hilft mir, mich zu entspannen. Erst danach öffne ich meine Mailprogramme und reagiere auf Telefonate.
Es ist auch sonst wichtig, sich auf eine Aufgabe zu konzentrieren. Damit das klappt, folgende Tipps:
- Setze Dir Prioritäten bei Deinen Aufgaben. Wichtig geht vor dringend! Bearbeite Deine Aufgaben der Reihe nach.
- E-Mail und Telefon lenken am meisten ab. Setze Dir feste Zeiten, in denen Du Deine Mails kontrollierst. Arbeite ansonsten ohne Mail-Benachrichtigung.
- Setze Dir ebenso feste Zeiten fürs Telefon. Erledige in diesen Zeiten Deine Telefonate, und lass Dich außerhalb dieser Zeiten am Telefon vertreten.
- Schliesse bei manchen Aufgaben die Tür und hänge ein Schild davor: Bitte nicht stören. Klappt nicht immer, aber schafft den Freiraum für konzentriertes Arbeiten.
- Multi-Tasken klappt umso leichter, umso besser wir die Aufgaben kennen. Bei leichten Routine-Aufgaben darfst Du also ungeniert multi-tasken!
UPDATE: Auch darüber geschrieben haben Blokster (Multi-Tasking: Der Selbsttest) und die Karriere-Bibel (A1I – Der Multitasking-Selbttest). Zusammengefasst: Beide finden den Test gut, um den Unsinn von Multi-Tasking zu demonstrieren.
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