Ich bin einer der letzten Digital Immigrants. Meine Söhne sind Digital Natives, obwohl bislang nur der Ältere eine ungefähre Ahnung hat, was das für ihn bedeutet. Ich twittere und bin auch auf Facebook, XING und LinkedIn zu finden. Ich blogge hier und da und derzeit auch dort. Ich bin ziemlich Web2.0-affin, würde ich sagen.
Aber diese Einstellung ist bei uns Digital Immigrants nicht mehrheitsfähig. Zwar gibt es viele wie mich, aber es gibt noch mehr, die bereits kaum Anbindung ans Web haben. Die sich fragen, ob diese vielen Kontakte im Web auf Hunderten von Plattformen, dieser Massen-Exhibitionismus des Durchschnitts-Surfers, diese Long-Tail-Kommunikation mit der ganzen Welt überhaupt Sinn hat. Einige wundern sich nur, andere sind verängstigt, wieder andere begreifen es nicht und schotten sich ab. Zurück zu unseren Wurzeln und den guten alten Friss-oder-Stirb-Zeiten: entweder Flucht oder Panik. Politiker, die Facebook und VZ nicht verstehen und wahrscheinlich nie selber benutzen, diskutieren harte Regeln für den Umgang mit Daten. Ob aber die Nutzer von Facebook ihre Daten geschützt haben wollen, fragt sich keiner.
Unsere Generation versteht Facebook und seine Äquivalente nur schwer. Dabei ist Netzwerken mit vielen keine Erfindung des 3. Jahrtausends. Meine Großeltern hatten kein Telefon. Sie lebten in Pommern und in ihrem Dorf gab es nur einen Apparat. Wenn man fernmündlich kommunizierte, fasste man sich kurz. Das war wie beim Telegramm, nur ohne Papierstreifen. Eine Generation später haben Kinder stundenlang am Telefon gehangen und nebenbei ihre Hausaufgaben erledigt. Wäre die Technik vorhanden gewesen, hätten sie auch Telefonkonferenzen gemacht mit ihren Kumpels. In den 80er Jahren, als das Usenet erfunden wurde, gingen die ersten von uns online und haben mit wildfremden Menschen auf anderen Kontinenten gechattet. Bereits damals gab es Chatforen, wo man zufällig mit anderen verbunden wurde, so wie das heute bei Chatroulette per Video läuft (naja, nicht ganz so). Keiner aus der damals älteren Generation hat je verstanden, wozu das gut sein soll. Genau so wie wir nicht alles verstehen, was unsere Kinder da beim Chatten, per SMS, auf Facebook, MySpace und VZ machen.
Aber das ist normal. Jede Generation von Eltern versteht kaum, wie sich ihre Kinder sozialisieren. Aber eins bleibt gleich: nach einer Weile verlieren die Kinder das Interesse an riesigen, unpersönlichen Massen-Netzwerken. Nicht weil sich die Technologie ändert und die erwachsen werdenden Kinder nicht mehr mitkommen. Sondern weil sie nach den vielen Experimenten mit großen sozialen Netzwerken so wie alle Generationen zuvor am Ende etwas mehr Struktur in ihrem sozialen Umfeld besorgen. Das ist der Lauf der Dinge und er wiederholt sich seit ewigen Zeiten.
Was heisst das für Facebook und Co.? Wir werden bald die erste Generation sehen, die mit Facebook aufwuchs und sich wieder verabschiedet. Entweder Facebook findet einen Weg, sie zu halten und ihnen etwas mehr Struktur zu bieten. Oder Facebook und VZ werden ewig neue Mitglieder suchen müssen. Und jemand anderes wird ein soziales Netzwerk mit etwas mehr Struktur erfinden und das im Internet oder mobil oder eben da anbieten, wo es gebraucht wird. Das dürfte spannend werden.
(inspiriert von Jem Eskenazi und seinem Leserbrief an die Financial Times)
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Tags: Facebook, Generation, Netzwerken







