Malcolm Gladwell ist ein Journalist, der nebenbei Bücher zu sehr faszinierenden Themen schreibt. Seine Bücher Blink und Tipping Point sind Welterfolge, auch sein neuestes Buch Outliers (in deutsch: Überflieger – Warum manche Menschen erfolgreich sind und andere nicht) liest sich fantastisch und beschäftigt sich mit einem Thema, das uns alle fasziniert: Was macht Menschen erfolgreich?
Erfolg ist eine Folge der Umstände
Gladwell vertritt eine interessante These. Er sagt, wir seien im Zusammenhang mit Erfolg viel zu ehrfürchtig vor den Leuten, die den Erfolg haben. Wir geben uns große Mühe, den Erfolg einzig und allein den Fähigkeiten dieser Leute zuzuschreiben. In Wahrheit, so Gladwell, ist der Erfolg von Menschen wie Bill Gates oder Lakschi Mittal eine Konsequenz der Umstände – und ihres Fleisses. Talent habe damit weniger zu tun als wir gemeinhin glauben wollen. Und diese Erkenntnis untermauert Gladwell, wie ich finde, überzeugend.
Der Beweis erstreckt sich über das ganze Buch und folgt diesem Rhythmus:
- Unser Erfolg hängt mehr von den Möglichkeiten und Gelegenheiten ab, die sich uns bieten, als von unserem Talent. So finden sich in der amerikanischen Hockeyliga NHL oder der tschechischen Fussball-Nationalmannschaft überproportional viele Spieler mit ähnlichen Geburtstagen. Diese Geburtstags-Häufung hängt ganz offensichtlich mehr vom Stichtag für die Bewertung 6jähriger Eishockey- und Fussballspieler ab als von ihrem Talent. Daraus ergeben sich Konsequenzen, beispielsweise für die Frage ob wir Kinder zu einem Termin pro Jahr einschulen oder lieber zu zwei Terminen.
- Wenn wir eine Sache mehr als 10.000 Stunden lang machen, erreichen wir dabei Weltklasse-Niveau. Leute wie Bill Gates, Larry Ellison und selbst Eric Schmidt haben sich mit Computern bereits mehr als 10.000 Stunden beschäftigt, bevor die große Zeit der Computer anbrach. Deswegen waren sie auf ihren Moment in der Weltgeschichte vorbereitet und haben ihn genutzt. Andere Beispiele (Piano-Spieler, wieder die Eishockey-Spieler aus 1.) zeigen ebenso: beschäftige Dich mit etwas mehr als 10.000 Stunden, und Dein Gehirn kennt sich so gut damit aus, dass Du zur Weltklasse gehörst.
- Der IQ sagt wenig über unseren Erfolg aus. Grob gesprochen, gibt es mehrere Level. Erfüllt man diese, hat man gute Chancen auf den damit verbundenen Erfolg. Der höchste Level ist ein IQ von etwa 120 – hat man mehr, sollte man ein Masterstudium leicht bewältigen. Für einen Nobelpreis allerdings spielt ein höherer IQ schon keine Rolle mehr – die Chancen sind mit einem IQ von 121 ebenso hoch wie mit 221.
- Zu welcher Schicht wir gehören, bestimmt unseren Umgang mit Hindernissen auf unserem Weg. Gladwell zitiert eine Studie, bei der man Eltern bei ihrer Erziehung beobachtet hat. Interessant war, dass es eigentlich nur zwei verschiedene Arten von Erziehung gibt, die sich ziemlich genau an der sozialen Zugehörigkeit der Eltern trennen. Unterschicht-Eltern folgen einem natürlichen Wachstum (“Es wird kommen, wie es kommen wird”), ihre Kinder akzeptieren, was immer passiert. Mittelklasse-Eltern fühlen, ihre Kinder haben Anspruch auf Glück und Entfaltung. Ihre Kinder lernen, ihr Glück selber in die Hand zu nehmen und Interaktionen mit anderen Menschen dahingehend zu beeinflussen.
- Erfolg ist ein Produkt der Chancen und Umstände, die sich uns bieten. Wenn man sich die Liste der reichsten Menschen aller Zeiten anschaut, stellt man fest, dass beinahe 10 Prozent von ihnen in Amerika rund um 1835 geboren worden. Alle diese Herren haben ihr Vermögen irgendwie mit Eisenbahn verdient. Als der Zeitpunkt kam, waren sie alt genug, um ihre 10.000 Stunden abgeleistet zu haben: sie waren Weltklasse. Und sie waren jung genug, um noch nicht zu sehr in gewohnten Bahnen zu denken und die Zeichen der Zeit zu erkennen.
- Unsere soziale Herkunft bestimmt unser Leben sehr stark. Anhand von Flugunfällen bei Korean Airlines zeigt Gladwell, dass die koreanischen Piloten damals nicht in der Lage waren, in entscheidenden Situationen so zu kommunizieren, dass sie verstanden werden. Diese Unfähigkeit war eine Folge ihrer Herkunft. Korean Airlines hat dies nach mehreren Unfällen erkannt und behoben. Ein weiteres Beispiel habe ich schon mal erwähnt: Unser Verständnis vom Ehrenkodex.
- Erfolg hängt auch davon ab, wie hartnäckig wir sind. Reis anbauen ist eine mühselige Sache. Ein Sprichwort von Reisbauern sagt: Wer 360 Tage im Jahr vor der Sonne aufsteht, wird seine Familie ernähren können. Experimente mit Schulkindern aus aller Welt haben gezeigt, dass asiatische Kinder hartnäckiger sind und weniger schnell aufgeben. Dies erklärt, so Gladwell, teilweise den Erfolg asiatischer Länder bei PISA.
- Erfolg ist eine Frage des Fleisses. Ein weiterer Unterschied bei PISA ist die Zeit, die die Kinder aller Länder in der Schule verbringen. Asiatische Kinder gehen mehr als 230 Tage pro Jahr in die Schule, Kinder westlicher Länder gerade mal 180 Tage pro Jahr. Eine ziemlich erfolgreiche Schule in einem miesen Stadtteil New Yorks streicht die Schulferien fast völlig und setzt auf Ganztagsschule von 7 bis 18 Uhr. Das erklärt einen Teil ihres Erfolgs, so Gladwell und unterlegt das mit Zahlen.
Fazit: Erfolg ist reproduzierbar, aber wir müssen uns ändern
Malcolm Gladwell öffnet einem die Augen, was Erfolg ausmacht und wie wir ihn reproduzieren können. Wir machen sehr viele Fehler, die vermeidbar sind. Dabei geht es nicht um einen Wettbewerb der Länder. Das ist kein Null-Summen-Spiel – wenn wir alle das alles beherzigen, können wir alle davon profitieren. Gladwell hat eine Anleitung zum Erfolg beschrieben, die für die ganze Menschheit funktioniert. Das ist das Schöne an seinem Buch. Deswegen ist es mehr als lesenswert. Malcolm Gladwells Buch Outliers (Überflieger) sollte Pflichtliteratur sein, vor allem für bundesdeutsche Bildungspolitiker. Für Eltern ohnehin.
Lesen! Das ist ein Befehl!
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