Paul Polman, der Chef von Unilever, verleiht den Forderungen vieler Firmenchefs Nachdruck, die eine Abkehr vom Shareholder Value wünschen, so die Financial Times kürzlich. Damit sehen sich die eigentlichen Eigentümer von Unternehmen, die Anteilseigner, nun auch dem Druck von Seiten der einzigen Interessenvertreter ausgesetzt, die sie zumindest indirekt kontrollieren können: den Chefs der Unternehmen, die ihr Eigentum bestmöglich verwalten sollen. Geht es Paul Polman darum, dieses letzte bisschen Kontrolle, das die Anteilseigner eines Aktien-Unternehmens mit der Wahl des Aufsichtsrats auf den Vorstand ausüben können, weiter zu verwässern?
Shareholder Value nach Alfred Rappaport
Worum geht es beim Shareholder Value, von dem Paul Polman spricht? Das ist ein von Alfred Rappaport entwickeltes Konzept, das den Cash Flow, also den Zahlungsüberschuss aus der Geschäftstätigkeit eines Unternehmens, als Basis für die Bewertung und somit den Aktionärswert der Organisation betrachtet. Ist der positiv, so hat das Unternehmen für seine Aktionäre mehr Wert. Alfred Rappaport sprach dabei aber immer von der Summe aller künftigen Zahlungsüberschüsse, nie von denen der nächsten drei Monate:
Umfassend wird darunter allerdings nicht allein eine kurzfristige Steigerung des Börsenkurses, sondern eine langfristige Optimierung der Wettbewerbsfähigkeit und Profitabilität verstanden.
Jack Welch und die kreative Zerstörung des Shareholder Values
Dass der Shareholder Value nun spätestens seit den Finanzspekulationen der letzten Jahre in Verruf geraten ist, liegt aber nicht an Alfred Rappaport und seinem nützlichen Modell. Es liegt zum Beispiel an Leuten wie Jack Welch, dem ehemaligen Chef von General Electric. Es war Jack Welch, der Alfred Rappaport’s Idee in seine Hände nahm und daraus das geformt hat, was wir heute darunter verstehen. Jack Welch ist der Erfinder der 20-70-10-Regel, die besagt, dass man seine Mitarbeiter jedes Jahr umfassend bewerten soll und dann die besten 20 Prozent befördert und mit üppigen Boni belohnt, die mittleren 70 Prozent bestmöglich fördert und fordert und die restlichen 10 Prozent, die sogenannten sauren Zitronen, rausschmeißt. Jack Welch ist also ganz offensichtlich überzeugter Verfechter der Evolutionstheorie. Folgerichtig hat er dem Shareholder Value von Alfred Rappaport noch einen gehörigen Schuß Darwinismus verpasst, und seine ureigensten Interessen dabei nicht vergessen.
Der 20-70-10-Shareholder Value von Jack Welch: viel Bonus und noch mehr Risiko?
Indem Jack Welch dem Rappaportschen Shareholder Value seine langfristigen Betrachtungszeiträume nahm und durch einen 3-Monats-Horizont ersetzte, schuf er das Monster, das Paul Polman nun bekämpfen will. Um die besten 20 Prozent der Firma, zu denen fraglos auch Jack Welch als Chef des Unternehmens gehört, üppig zu entlohnen, knüpft er ihren (und seinen) Bonus an den Aktienwert des Unternehmens und die kurzfristige Performance an der Börse.
Dass wir uns da nicht falsch verstehen: dabei hat Jack Welch nicht im Interesse der Shareholder gehandelt und damit auch keinen vergrößerten Shareholder Value im Auge gehabt. Denn die Kopplung der Boni an Aktienkurse und damit indirekt an erfolgversprechende Quartalsberichte nährte bei den üppig entlohnten Angestellten großen Appetit auf renditeträchtige, wenn auch höchst riskante Geschäfte. Nicht nur die Höhe der Boni, die zum Beispiel bei Goldman Sachs beinahe die Hälfte des Gewinns ausmacht (der Denkpass berichtete), widerspricht dabei den Interessen der Anteilseigner.
Ganz besonders stört bei diesem Konstrukt, dass die Gewinne bis zu hälftig und noch mehr zwischen den Top 20 der Angestellten und den Anteilseignern aufgeteilt werden, etwaige Verluste aber nur von den Anteilseignern zu tragen sind. Die Angestellten verzichten in so einem Fall zwar auch auf ihren Bonus, aber nehmen keine weiteren Vermögensverluste hin. Jack Welch, der Erfinder dieses 20-70-10-Shareholder Values, hat mit dieser Idee in seinem Leben immerhin geschätzte 720 Millionen Dollar verdient, auch wenn er heute sagt, Shareholder Value sei die blödste Idee aller Zeiten. Aus Sicht der Anteilseigner kann man dem zustimmen.
Brauchen wir die Abkehr vom Shareholder Value?
Nun mag man anführen, dass die Anteilseigner ja diesen Bonus-Systemen hätten nicht zustimmen brauchen. So einfach ist die Sache aber nicht: den die Aktienbesitzer dieser Welt befinden sich gerade in einem Jahre andauernden Machtkampf, der auf den Hauptversammlungen der Aktiengesellschaften dieser Welt ausgetragen wird. Es geht dabei eben gerade um die direkte Kontrolle der Gremien, die die Gehälter von Vorstand und Aufsichtsrat festlegen. Üblicherweise haben die Anteilseigner auf sowas gar keinen direkten Einfluss. Vielmehr liegen solche Entscheidungen in der Hand des Mangements.
Sicherlich müssen sich die Shareholder die Frage gefallen lassen, warum sie erst jetzt diese risikofreudigen Bonus-Systeme hinterfragen. Aber wie gesagt – bislang wurden solche Entscheidungen vom Management getroffen, das vom Aufsichtsrat kontrolliert wird, der ein entsprechendes Gremium für die Festlegung einer angemessen Vergütung hat, über dessen Mitgliedschaft die Hauptversammlung aber nicht direkt befindet. Und so ist der Vorwurf von Unilever-Chef Paul Polman, der sich an die Shareholder richtet, doch eigentlich ein Vorwurf gegen Leute wie Jack Welch und ihn selber?
Ich nehme mal an, dass Paul Polman das begriffen hat, denn wenn er Chef von Unilever ist, sollte er einigermaßen intelligent sein, sonst steht es um Unilevers Shareholder Value noch schlimmer als befürchtet. Dann führt Polmans Vorstoß aber unausweichlich zu der Frage, was er damit bezweckt? Bei einem derzeit doch recht aktionärsfeindlichen Klima, in dem sich Firmenchefs mehr wie Gutsherren anstatt wie Verwalter fremden Kapitals aufführen, ist der erste Gedanke, es geht Paul Polman um mehr Freiheit und weniger Kontrolle. Aus Sicht der Anteilseigner von Unilever ist das so oder so gefährlich: entweder denkt Polman zu langsam, um den eigentlichen Sinn von Shareholder Value verstanden zu haben. Das sieht aber in diesem Interview mit der Financial Times eigentlich nicht so aus, denn da spricht Polman von mittel- bis langfristigen Zielen. Oder aber Paul Polman versteht sich als eigentlichen Herren von Unilever.
Langfristige Werte schaffen ist wichtig
Um es klarzustellen: Alfred Rappaports Shareholder Value war damals eine gute Idee und ist es heute auch noch. Jedes Unternehmen hat einen Wert, der allen künftigen und inflationsbereinigten Zahlungsüberschüssen entspricht. Das lässt sich leider nicht immer ganz einfach berechnen, das ist ein Manko dieses Modells. In diesem Falle entspricht der Wert des Unternehmens allen bekannten künftigen inflationsbereinigten Zahlungsüberschüssen. Risiken, die aufgenommen werden, um die Zahlungsüberschüsse der nächsten 3-12 Monate zu frisieren, und die dann später zu dramatischen Zahlungsausfällen führen, sollen dabei vermieden werden. Somit sind auch Bonus-Systeme Unsinn, die diese Risiken fördern – und haben somit auch nichts mit Shareholder Value zu tun.
Vielleicht haben wir damit das größte Manko des Modells von Alfred Rappaport gefunden: will man diese Risiken nicht sehen, so kann man sie auch nicht in die Berechnung des Shareholder Values einbeziehen. Aber wer von den Bankern dieser Welt will allen Ernstes behaupten, diese Krise nicht auf uns zukommen zu sehen? Dann aber haben diese Banker und Firmenlenker bewusst so gehandelt, um ihre eigenen Boni auf Kosten der Anteilseigner kurzfristig in die Höhe zu treiben. Das hat dann aber von Anfang an nichts mit Shareholder Value zu tun.
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Tags: Alfred Rappaport, Jack Welch, Paul Polman, Shareholder Value








