Die Financial Times hat zehn ihrer Journalisten befragt, welche Ideen aus ihrer Sicht im kommenden Jahrzehnt die Welt verändern werden. Herausgekommen ist diese äußerst interessante Liste:

  1. Blue-Sky Computing: Cloud Computing, also der Einsatz riesiger Server- und Computerfarmen, wird die Nutzung unvorstellbarer Rechenleistung für jedermann ermöglichen. Die Wissenschaft steht vor einer Revolution, wenn unvorstellbare Datenmengen verschiedenster Disziplinen miteinander verglichen und verknüpft werden. Interessante Anwendung für jedermann: Google arbeitet anscheinend an einer Echtzeit-Übersetzung für Telefonate. (Richard Waters, Chef FT-Büro Los Angeles)
  2. Arbeite länger, arbeite älter: Wir werden so alt wie keine Generation vor uns und werden daher auch immer länger arbeiten. Viele werden es aber bevorzugen, für sich selbst zu arbeiten – sich also im Alter selbständig machen. Eine Umfrage in Großbritannien zeigt, dass jeder sechste Brite zwischen 46-65 Jahren den Gang in die Selbständigkeit erwägt, 7x mehr als eine Generation zuvor. Olderpreneurs haben mehr Erfahrungen, belastbare Netzwerke und Erspartes und brauchen keine Rücksicht auf Kinder und Familie nehmen. (Luke Johnson, Start-Up-Kolumnist)
  3. Information hat Wert: Im Jahre 1984 sagte Stewart Brand auf der Hackers Conference, dass Information frei sein will. Seit diesem Tag verfluchen ihn die Medienkonzerne dieser Welt, denn seine Aussage liefert Munition für Musikpiraterie und eine kostenlose Internetkultur. Content-Provider wollen nicht nur von Werbe-Einnahmen abhängig sein. Amazon, iTunes und das iPad sind erste Schritte beim Versuch, uns Internet-Nutzer umzuerziehen: bezahlte Informationen können wertvoller sein als kostenloser Informations-Ramsch. Information will im kommenden Jahrzehnt wertvoll sein. (Andrew Edgecliffe-Johnson, US Medien)
  4. Geiz ist schlechter als wir dachten: Firmen haben nur auf ihre Aktienwerte geschaut, getrieben von Al Rappaports Idee des Shareholder Values. Um kurzfristige Ziele zu erreichen, wurden Bonus-Systeme installiert. Das Ergebnis: kurzfristige Erfolge, erkauft mit langfristigen Risiken. Sich nur auf Profit zu konzentrieren, führt oft dazu, gar keinen Profit mehr zu machen (nämlich pleite gehen). (John Kay, Kolumnist)
  5. Smarte Energie: Wie wir mit Energie umgehen, ändert sich gerade nachhaltig. Smart-Metering wird im nächsten Jahrzehnt kommen und erlaubt uns, den Verbrauch aller Geräte im Haushalt zu erkennen und zu beeinflussen. Die Geräte kommunizieren mit dem Energielieferanten und arbeiten dann, wenn die Energie kostengünstig bereit gestellt werden kann. LEDs ersetzen Glühbirnen. Kleinste elektronische Geräte gewinnen ihre Energie aus der Umgebung (Energy Harvesting). (Chris Nuttall, Technologie-Korrespondent)
  6. Generation X wird erwachsen: Die späten 90er Jahre und das frühe neue Jahrtausend haben sehr viele, sehr junge Menschen in höchste Führungsebenen katapultiert, die Generation X. Das Ende der Dotcom-Blase hat sie wieder zurück geworfen, in Juniorpositionen. Nun sind sie Ende 30, Anfang 40 und kommen zum zweiten Mal auf die Chefsessel zurück. Sind sie besser geeignet, mit den Anforderungen des modernen Lebens umzugehen? Oder werden sie wie Prince Charles ewig in der Rolle des Nachfolgers bleiben? Ihnen folgt die Generation Y, die erste Generation von Digital Natives. Wer steht am Ende des Jahrzehnts am Schalthebel der Macht? (Adam Jones, Senior Unternehmens-Reporter)
  7. Lerne aus dem Schmerz der Niederlage: Aus Fehlern lernen ist eine der fundamentalen Lehren der Marktwirtschaft, und ihre größte Stärke. Die meisten Ideen scheitern. In Großbritannien verschwinden etwa 10 Prozent aller Firmen pro Jahr. Mit Ideen experimentieren wird aber auch immer leichter, weil wir immer mehr darüber wissen. So auch über die Psychologie des Scheiterns. Die Finanzkrise hat uns gelehrt, dass ein System nicht akzeptabel ist, wenn es keine Fehler tolerieren kann. Too big to fail hat sich mal gut angehört, jetzt aber nicht mehr. (Tim Hartford, Undercover Economist)
  8. Mehr mit weniger erreichen: Der Triumph der BRIC-Nationen scheint unausweichlich. Auch wenn manchmal zuviel Bärenfelle verteilt werden, bevor die jeweiligen Bären erlegt sind, lernen etablierte Unternehmen daraus etwas: es gibt haufenweise Wettbewerber, die ihre Waren und Dienstleistungen zu sehr geringen Preisen anbieten. Also müssen wir effizienter werden und unsere Produktivität ständig erhöhen. Mehr mit weniger erreichen gilt aber auch für unseren Umgang mit der Natur und ihren Ressourcen. (Stefan Stern, Management Journalist)
  9. Jump on the hedge: Obwohl Finanz-Innovation keine gute Vokabel mehr ist, werden wir sie weiterhin brauchen, die kreativen Neuentwicklungen in der Finanzwelt. Wenn unsere westlichen Ökonomien sich vollständig erholen sollen, geht das nur mit der Unterstützung durch private Finanzierung, die Rendite sehen will. Die Finanzwelt muss Risiken handeln können, nur muss sie weiter demokratisiert werden – und nicht als Herde handeln. (Jennifer Hughes, Senior Markt-Korrespondent)
  10. Erlöse uns vom Shoppen: Online-Shoppen wird unser Kauf-Erlebnis in der normalen Welt beeinflussen. Wal-Mart verschickt seine Online-Bestellungen zu 40% an den nächsten Shop, wo sie der Kunde abholt, um Kosten für den Versand zu sparen. Wal-Mart arbeitet daran, diesen Pickup in den vorderen Bereich der Läden zu verlegen. Andere Retailer und sogar Amazon arbeiten an Konzepten, wo die Kunden nicht mehr durch den Laden schlendern, sondern online bestellen und die gesamte Bestellung nur abholen – Verkaufsfläche wird durch Lagerfläche ersetzt. Und mit Smartphones kann man bereits heute im Laden Preise im Web vergleichen. (Jonathan Birchall, US Retail Korrespondent)
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