Man mag von Gewerkschaften, was man will. Ich zum Beispiel wenig, andere mehr, und die ziemlich gut auskommenden Chefs der Gewerkschaften besonders viel. Ich finde, Gewerkschaften betrachten die Situation auf dem Arbeitsmarkt genauso einseitig, wie sie es den Managern vorwerfen – nur eben mit umgekehrten Vorzeichen. Ein Beispiel: Der DGB greift die Industrie häufig an, sie bilde zuwenig aus. Der Gegenvorwurf der IHK: die eingeforderten Ausbilungsquoten erfüllt nicht mal der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) selber, weil viele Gewerkschaften Ausbildungsplätze nur fordern – aber trotz gegebener Möglichkeiten nicht selber ausbilden. Ich bin auch nicht überzeugt, dass viele Arbeitsmärkte heutzutage Gewerkschaften benötigen. Ich glaube, der Arbeitsmarkt der Lokführer, Piloten und Müllfahrer funktioniert einwandfrei; die gewerkschaftlichen Aktionen dort finden statt, weil man sich an einem gesellschaftlichen Engpass weiß. Bislang habe ich sogar die historischen Gründe der Existenz von Gewerkschaften in Abrede gestellt. Seit Donnerstag nicht mehr.
Da war ich in der Zeche Zollern, einem stillgelegten Steinkohle-Bergbau an Dortmunds Stadtrand. In der Zeche Zollern gibt’s haufenweise Beispiele dafür, wie man einen Arbeitsplatz gestalten sollte, wenn man die Leute, die da arbeiten müssen, für Viehzeug hält. Nicht mal Viecher haben es verdient, so zu arbeiten. Die Zeche Zollern war übrigens eine der letzten in Deutschland, in der Grubenpferde eingesetzt wurden (witzigerweise behauptete die Museumsführerin sogar, in Zollern war das letzte Grubenpferd Deutschlands im Einsatz, Wikipedia sieht das aber anders).
Wie in jedem Bergbau sind auch in Zollern häufig Bergleute ums Leben gekommen. Nach einem Grubenunglück werden die Toten und Überlebenden geborgen und in einer Halle aufgebahrt. Leider ist es Familienangehörigen nicht gestattet, das Betriebsgelände zu betreten. Somit können die Familienangehörigen von den Toten keinen Abschied nehmen und nicht mal die Überlebenden besuchen. Die Grubenleitung entschliesst sich also, Abhilfe zu schaffen. Die Halle wird verlegt, der Gang verlängert. Die Halle liegt nicht mehr auf dem Betriebsgelände, sondern außerhalb, die Angehörigen können die Überlebenden besuchen.
Das hat nur einen Nachteil: da die Überlebenden nun nicht mehr auf dem Betriebsgelände liegen, ändert sich die Rente für den Todesfall. Sterben die Mitarbeiter der Zeche auf dem Betriebsgelände, gibt es für die Familie 100% Rente. Sterben sie außerhalb, gibt es nur 30% Rente. Damit die Angehörigen also ihre Väter und Brüder besuchen können, die unter Arbeitsbedingungen verletzt wurden, die nicht mal für Tiere akzeptabel wären, verzichtet die Familie auf 70% der zustehenden Rente. Diesen Betrag spart andererseits die Grube (in diesem Fall: Gelsenkirchener Bergwerks AG) und der einzige offizielle Grund ist, dass nur Betriebsangehörige das Firmengelände betreten dürfen. Das hat bei den Bergleuten dazu geführt, dass es stillschweigende Abkommen gab: wenn Bergleute so schwer verletzt waren, dass sie kurz vor dem Tode standen, so die Vereinbarung, hatten alle drauf zu achten, dass sie nicht in die Halle für die Besucher kamen. Man verzögerte ihre Bergung, bis sie tot waren. Die Familie hatte keine Möglichkeit zum Abschied, aber 100% Rente.
Wenn man sich also fragt, welchen Sinn Gewerkschaften machen, und warum es sie gibt, dann sollte man einfach mal die Zeche Zollern anschauen. Ich bin froh, in der besseren, angenehmeren, menschenwürdigeren Hälfte des 20. Jahrhunderts gelebt zu haben. Und wenn ich Zollern sehe, verstehe ich, warum sich Arbeiter in Interessengruppen zusammenschließen mussten und manchmal dabei sehr radikal werden können.
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