Am 26. Januar 1948 betritt ein Mann die Shiinamachi-Filiale der Teikoko Imperial Bank, 39 Nagasaki 1-chome, Toshima-ku, Tokio. Er erzählt den Mitarbeitern der Bank, dass es in der Nähe einen Infektionsfall von Dysenterie gab. Solche Infektionen wüteten ständig in der besetzten und besiegten Hauptstadt des japanischen Kaiserreichs und erhöhten die Zahl der Toten aus dem verlorenen Krieg weiter.

Die Desinfektions-Abteilung des amerikanischen Militärs werde in Kürze ankommen und seine Arbeit überprüfen, er sei hier, um einer Ausweitung der Infektion vorzubeugen. Der erkrankte Mann habe beim Arzt angegeben, heute morgen diese Filiale besucht zu haben. Alle Mitarbeiter und die gesamte Filiale seien unverzüglich zu desinfektionieren, vorher gehe niemand nach Hause. Sechzehn Mitarbeiter der Bank versammeln sich, darunter der Hausmeister mit Frau und Kindern.

Flüssigkeit wird in Papp-Teetassen gefüllt. Alle sechzehn anwesenden Personen trinken die Flüssigkeit unter Beachtung genauer Vorschriften. Innerhalb weniger Minuten verenden zwölf der Anwesenden, die restlichen verlieren das Bewusstsein. Der “Doktor” verschwindet mit einem Teil des Geldes. Kurze Zeit später beginnt die größte Menschenjagd in der Geschichte Japans.

Occupied City by David Peace (Bildquelle: fantasticfiction.co.uk)

Occupied City by David Peace (Bildquelle: fantasticfiction.co.uk)

Das ist die Geschichte von Occupied City, dem 2. Buch der Tokio-Trilogie von David Peace: ein brutaler Krimi nach einer wahren Begebenheit in einer besiegten, geschundenen und gedemütigten Stadt. Die Hauptstadt eines Imperiums, die niemals gedacht hätte, besiegt zu werden. Ihre Bewohner haben jeglichen Halt verloren, und damit auch jegliche Hoffnung.

David Peace erzählt diese Geschichte in der Form eines Samurai-Spiels. Die haben, so ist überliefert, des Nachts soviele Kerzen angezündet, wie es Teilnehmer am Spiel gab. Jeder Teilnehmer erzählte eine gruselige Geschichte, und am Ende jeder Geschichte wurde eine Kerze ausgeblasen – und es wurde dunkler.

David Peace zündet zwölf Kerzen an und erzählt zwölf Geschichten, für jeden Toten eine. Jede Erzählung trägt zur eigentlichen Story bei: eine Überlebende kommt zu Wort, ein Journalist, ein Gangster, der zum Politiker aufsteigt und vorher in einer Einheit des japanischen Militärs für biologische Kampfführung gedient hat, zwei Polizisten, ein russischer Spion und so weiter. Alle erzählen die Geschichte auf ihre Art und Weise: mal sachlich, mal beinahe gesungen, mal aus Sicht des Wahnsinns. Peace fängt die Schönheit japanischer Poesie ebenso ein wie die japanische Art der Erzählung. Für uns Europäer gibt es trotzdem genug europäisch Erzähltes, um sich zurecht zu finden.

Ich habe seit langem keinen Krimi mehr gelesen, der mich so in seinen Bann gezogen hat. David Peace besitzt unglaubliche Erzälhungskraft und Energie. Die Geschichte dieses brutalen Massenmords wird lebendig, bedrohlich und gruselig und kommt dem Leser dabei gefährlich nahe. Wunderschön und grausam, irgendwie japanisch diese Verbindung von Extremen – eine Allegorie dafür, wie nahe sich Perfektion und Wahnsinn im Nachkriegs-Tokio gekommen sind.

Fazit: Empfehlenswert! Wer David Peace nicht liest, verpasst einen der besten Erzähler unserer Zeit.

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