Wir-Denken: Auf dem Weg zur Schwarm-Intelligenz

Das Internet hat uns auf unvorstellbare Art und Weise miteinander vernetzt. Wir lesen Blogs und betreiben selber welche, wir halten uns gegenseitig mit Twitter auf dem Laufenden und organisieren damit Revolutionen, wir schreiben unser Wissen in Online-Enzyklopädien und stellen unsere Fotos online. Wir gehen nicht mal mehr zur Bank, und vereinbaren mit dem Bürgeramt, immerhin eine zutiefst bürokratische deutsche Behörde, online Termine. Das Web ist so mächtig, dass es alles beeinflusst, was wir machen. Es ändert unser Leben, zum Guten wie zum Schlechten, und diese Entwicklung ist irreversibel.

Vernetzt durchs Internet: Erreichen wir die nächste Stufe unserer Existenz?

Einer der größten Vorteile ist die Vernetzung. Wir können kostenlos und mit wenigen Klicks ein globales Netzwerk an Freunden aufbauen und unterhalten. Wir können unsere Freunde mit Skype kostenlos weltweit anrufen, sie per eMail umsonst mit Informationen bespielen und ihren Aktivitäten auf Facebook folgen. Das Internet ist eine Plattform zum Teilen: Gefühle, Aktionen, Artikel, Fotos, Musik, Dienstleistungen, Ideen – wir teilen alles, so sehr wie keine Generation vor uns es jemals tat.

All das führt zu mehr Zusammenarbeit und Informationsaustausch, zu globaler Kollaboration. So gesehen ist das Internet unsere bislang beste Chance zur Bildung einer menschlichen Schwarm-Intelligenz. Das ist in keinster Weise negativ gemeint: Termiten beispielsweise sind in der Lage, Bauwerke zu errichten, die auf menschliche Maßstäbe hochgerechnet, mehr als 3.000 Meter hoch sind. Sie tun dies alles ohne Studium, ohne Projektmanagement-Software, ja sogar ohne ein einziges gottverdammtes Handy. Was sie in die Lage versetzt, ist ihre Schwarm-Intelligenz. Die macht aus tausenden kleiner blöder Viecher eine Hochkultur, die in der afrikanischen Savanne monumentale Wolkenkratzer mit Lüftungskonzepten, Fluchtwegen und Nahrungskammern errichtet.

Termitenhügel: Im Schwarm intelligenter? (Quelle: New York Public Library nypl.org)

Termitenhügel: Im Schwarm intelligenter? (Quelle: New York Public Library nypl.org)

Wir-Denken als neue Form des Denkens

In seinem Buch We-Think: Mass Innovation, Not Mass Production zeigt Charles Leadbeater unseren Weg in eine ähnliche Zukunft. Das Internet revolutioniert die Verbreitung von Informationen und Ideen, es demokratisiert sie: wir alle haben gleichermaßen Zugriff auf alle Informationen. Und wo der Informationsfluss gestört wird, suchen sich die Informationen ihren eigenen Weg. Deswegen lässt sich das Internet weder zensieren noch kontrollieren.

“Ich denke, also bin ich.”, sagte Rene Descartes im 17. Jahrhundert.

“Wir denken, also sind wir.”, sagen Menschen des 21. Jahrhunderts im Internet.

Die neue Form der vernetzten Zusammenarbeit, so Leadbeater, wird einige Industrien komplett umwälzen, andere Industrien leicht verändern und einige wenige Industrien überhaupt nicht berühren. Das Internet verändert aber auch unsere Gesellschaft. Es ermöglicht neue politische Plattformen (Piratenpartei) ebenso wie soziale Gerechtigkeit, zum Beispiel wenn sich Blogger gegen Abmahnungen wehren und die etablierten Medien das aufgreifen (Jack Wolfskin, Komsa, Deutsche Bahn).

Wie sieht es aus, das Wir-Denken?

Wir-Denken ist eine Form freiwilliger Kollaboration: Teile, Verfeinere und Verbreite Informationen. Das geschieht zum Beispiel in hervorragender Weise auf Wikipedia, wo mehrere hunderttausend Editoren nicht immer fehlerfrei, aber in dramatischer Geschwindigkeit Informationen zusammentragen, die denen kommerzieller Enzyklopädien gleich kommen. Wir-Denken läuft auf eine Auseinandersetzung mit dem alten, hierarchischen (Informations)system hinaus. Dabei wird die Kollaboration des Wir-Denkens nicht überall gewinnen. Am Ende wird es ein Spektrum geben mit Wir-Denken auf der einen Seite, und traditioneller Informations-Organisation, -Verarbeitung und -Verteilung auf der anderen.

Du wirst nicht nur darüber definiert, was Du besitzt. Du bist auch, was Du teilst. Das sollte unser Motto fürs nächste Jahrhundert sein.

Wir-Denken funktioniert aber nicht nur bei Wikipedia. Es klappt ebenso gut in der Wissenschaft (z.B. bei der Wormbase, einem Projekt zum Genome Mapping von C.elegans) oder bei Software, wo Linux durch Kollaboration freiwilliger Mitarbeiter entwickelt wurde. Diesen Projekte ist folgendes gemeinsam:

  • Kern hochmotivierter Mitstreitern mit viel Erfahrung, die eine Richtung vorgeben
  • nach einer Weile überlassen sie einen Teil der Aufgaben anderen, was die Community erschafft
  • Community öffnet sich für neue Mitstreiter und schlägt Konzepte und Werkzeuge vor
  • selbstregulierende soziale Struktur stellt sich ein (wobei der Kern oft viel Einfluss behält)

Die Mitstreiter nehmen an dieser Art von Projekten teil, weil es ihnen Spaß macht und sie von der Community Anerkennung erhalten (und ohne diese Anerkennung funktionieren somit auch keine Communities im Web).

Eine Idee wird in Bewegung gesetzt, indem man sie teilt.

Wir-Denken funktioniert bei Projekten sehr gut, die Alternativen zu kommerziellen Projekten sind. Ein Grund scheint zu sein, dass diese meist zu strikt innovativ sind, zu eng begrenzt im Fokus. Die kommerziellen Projekte lassen auch den Community-Charakter vermissen – und Wir-Denken im Web des 21. Jahrhunderts scheint immer dann zu funktionieren, wenn Anerkennung im Spiel ist. Deswegen neiden wir Sascha Lobo seine Follower-Zahlen – es geht um die Anerkennung, die damit verbunden ist.

Darüber hinaus ist Wir-Denken eine Alternative für hierarchische Geschäftsprozesse – es ist besonders stark in Projekten ohne erkennbares Ende wie Wikipedia und Linux. Wir-Denken nimmt die Verbraucher mit in die Pflicht für das Produktdesign. Anstatt einen Innovationsfluss vom Anbieter zum Konsumenten gibt es hier einen Innovationskreislauf, der Konsument und Anbieter vereint.

Was wird Wir-Denken uns bringen?

Einige Berufe werden sich vollständig verändern, so zum Beispiel der eines Bibliothekars. Waren diese Leute bislang damit beschäftigt, physische Sammlungen von Büchern zu ordnen, müssen sie künftig den Zugang zu digitalen Informationen erleichtern. Information online bereit zu stellen, verändert Journalismus, Wissenschaft, Musik und Buchverlage. Und, so Leadbeater, allein dabei reden wir über ca. 20 Prozent des Bruttosozialprodukts der entwickelten westlichen Welt.

Weitere 50%, so Leadbeaters Schätzung, werden nur leicht betroffen sein. Einige Firmen in diesen Industrien, die entweder hauptsächlich mit irgendeiner Komponente aus dem Industriezeitalter beschäftigt sind oder völlig ohne digitalisierte Informationen auskommen, werden das Wir-Denken trotzdem in verblüffender Art und Weise für sich nutzen können.

Charles Leadbeater führt viele Beispiele auf: medizinische Prozesse, bei denen Patienten die Verantwortung übernehmen, Open-Source-Designs, die über Software hinausgehen, Plattformen zur Steigerung der Kreativität durch Massen-Brainstormings und so weiter. Politik wird künftig im Web gemacht, wie man bei den Wahlen des US-Präsidenten sehen konnte und selbst Terroristen nutzen das Web zum Austausch ihrer Ideen. Das Web zerstört die hierarchische Ordnung der Dinge, so wie wir sie kennen.

Und nicht alles im Web ist gut. Die heute verfügbare Technologie macht uns zum gläsernen Surfer, so eine Meldung von Spiegel Online, und auf Facebook werden User auch gemobbt. All der Informationsaustausch im Web kann auch dazu führen, dass wir eine neue Form und dann besonders katastrophale Form des Gruppen-Denkens entwickeln, wo alle der Herde folgen und die Kreativität der Massen einem Sicherheitsdenken weicht.

We-Think von Charles Leadbeater ist ein fesselndes Buch und wird besonders den Lesern gefallen, die sich für die Zukunft des Internets und unserer Gesellschaft interessieren. Ich fand die Lektüre anregend – und bin gespannt auf die schöne neue Welt, die da vor uns liegt!

We-Think von Charles Leadbeater (Quelle: Amazon.de)

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  1. From Der Denkpass - Interview mit Smava-Gründer Alexander Artopé on 28 Feb 2010 at 14:49

    [...] Beispiel für das, was Charles Leadbeater in seinem Buch We-Think beschreibt (der Denkpass berichtete): Industrien, die sich aufgrund der gemeinschaftlichen Ausprägung des Internets völlig verändern [...]

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