Smava ist eine innovative Web-Plattform, bei der Privatleute, die Geld für bestimmte Projekte brauchen, mit privaten Geldgebern zusammengebracht werden. Das Motto lautet: Kredit von Mensch zu Mensch. Die Geld-Sucher stellen ihre Projekte vor und geben an, wie viel Geld sie benötigen und bis wann sie es abzahlen möchten. Die Kreditgeber können sich alle Projektvorschläge anschauen und selber entscheiden, ob und wo sie investieren möchten. Die Idee hinter Smava ist ein wunderbares Beispiel für das, was Charles Leadbeater in seinem Buch We-Think beschreibt (der Denkpass berichtete): Industrien, die sich aufgrund der gemeinschaftlichen Ausprägung des Internets völlig verändern werden.
Dem Denkpass wurde von Smava die Möglichkeit angeboten, den Gründer Andre Artopé zu interviewen. Weil man dabei einiges über Kreativität und Unternehmertum lernen kann, und besonders über den Zusammenhang zwischen diesen beiden Konzepten, fand ich dieses Interview interessant und habe angenommen.
Der Denkpass: Mit welchen Innovationen positioniert sich smava gegenüber dem traditionellen Kreditwesen?
Alexander Artopé: Was smava klar vom Bankensystem unterscheidet, ist das hohe Maß an Transparenz und Selbstbestimmung. Kreditnehmer sind nicht auf die Entscheidungen von Bankmitarbeitern angewiesen, sondern legen ihren Zinssatz selbst fest. Ebenso sind Anleger nicht mehr auf Bankberater angewiesen. Sie entscheiden selbst, welche Projekte sie finanzieren. Darüber hinaus können sie Projekte unterstützen, die sie mögen und die ihnen wichtig sind.
Das zweite Unterscheidungsmerkmal ist die Direktheit – Anleger und Kreditnehmer tätigen direkt Geldgeschäfte miteinander. Ein Teil davon ist die direkte Kommunikation der Kunden miteinander und mit smava. Miteinander diskutieren Nutzer im Forum und geben sich gegenseitig Ratschläge. Vor allem für neue Anleger und Kreditnehmer bietet das Forum eine wichtige Hilfestellung. Zudem sind die Informationen nicht von einer zentralen Institution wie bei einer Bank, sondern kommen unverfälscht von anderen smava Nutzern. Mit smava können Nutzer über den smava Blog direkt in Kontakt treten und ihre Meinung zu Neuerungen auf dem smava Marktplatz äußern. Bei Banken haben Kunden nicht die Möglichkeit der unmittelbaren Einflussnahme.
Der Denkpass: Woher kam die Idee zu smava?
Alexander Artopé: Wenn es um Geldgeschäfte geht, blieb Kunden bis vor ein paar Jahren nur der Weg zur Bank. Es gab kaum andere Möglichkeiten, sich Geld zu leihen oder Geld anzulegen. Ein Online-Marktplatz, auf dem Menschen selbst entscheiden können, was mit ihrem Geld passiert, war daher längst fällig.
Bei Banken ist die Spanne zwischen Kreditzins und Einlagenzins relativ groß. Das ist zur Zeit deutlich zu sehen: sogar der Wirtschaftsminister und die Verbraucherministerin beschweren sich, dass Verbraucher ihr Geld für nur 1% verzinst bekommen, die Banken jedoch mehr als 10% für einen Dispo verlangen. Und das bei einem EZB-Zins von 1%!
Deshalb kam uns vor einigen Jahren der Gedanke, einen Online-Marktplatz zu schaffen, auf dem Menschen Geldgeschäfte direkt miteinander tätigen. Ziel ist eine neue Form der Finanzdienstleistung, die mehr Transparenz zulässt und eine faire Alternative zu Banken darstellt. Bei vielen Gesprächen über mögliche Modelle standen “Marktplätze” durch die Erfahrung von Jörg Rheinboldt als Geschäftsführer eBay Deutschland naturgemäß im Vordergrund. Als ZOPA in UK auf den Markt kam, reifte in uns die Entscheidung, auch in Deutschland so eine Plattform zu starten – allerdings mit einem Ansatz, bei dem die Community – wie bei eBay – stärker im Mittelpunkt steht.
Der Denkpass: Wie sah der kreative Prozess der Konzeptentwicklung aus (wie viel Personen, wie seid ihr vorgegangen, etc.)?
Alexander Artopé: Wir hatten recht früh eine konkrete Vorstellung davon, wie unsere Plattform später aussehen soll. Zumal es ja in anderen Ländern bereits einige Plattformen auf dem Gebiet des P2P-Lending [Anmerkung: P2P - Peer to Peer, also Gleichgestellter zu Gleichgestelltem] gab. Im Unterschied zu den damals bestehenden P2P-Plattformen wollten wir aber mehr Sicherheit für Anleger gewährleisten und haben ein ausgeklügeltes Risikomanagement mit dem Bestandteil der „Anleger-Pools“ entwickelt.
Zudem galt es zu beachten, dass Kreditgeschäfte in Deutschland aus rechtlichen Gründen nur von Banken abgewickelt werden dürfen. Deshalb haben wir uns eine Partnerbank gesucht, die diese Funktion für smava übernimmt. Zum Start von www.smava.de waren wir ein Team von sechs Mitarbeitern inklusive der drei Gründer.
Der Denkpass: Entwickelt ihr euer Konzept derzeit weiter, und wenn ja, wie macht ihr das?
Alexander Artopé: Wir sind natürlich ständig bestrebt, Prozesse zu verändern, zu optimieren, neue Funktionen und Produkte für unsere smava Kunden bereit zu stellen. Insofern ist dieser Optimierungs- und Erweiterungsprozess nie abgeschlossen. Schließlich lernen wir jeden Tag dazu und erfahren jeden Tag mehr über die Bedürfnisse unserer Kunden.
Unsere Kunden sind die wichtigste und beste Quelle, um neue Prozesse, Ideen und Produkte zu (er)finden. Der Kontakt zu unseren Kunden ist relativ eng. Kundenfeedback – egal ob über Telefon, Fax, Blog oder sonst – gibt uns immer Anlass, über neue Entwicklungen nachzudenken. Wir wissen relativ viel darüber, wie unsere Kunden smava wahrnehmen und wo es noch Optimierungspotential gibt. Alleine übers Forum werden Tag für Tag Produkte, Prozesse, Funktionen und Features diskutiert. Da unsere Plattform sehr transparent ist, sind auch die Bedürfnisse unserer Kunden für uns relativ leicht zugänglich. Zudem führen wir regelmäßig Kundenumfragen durch.
Der Denkpass: Das ganze Konzept erinnert an Kiva (eine ähnliche Kreditvermittlung wie bei Smava, aber für die Vergabe von Mikrokrediten in Entwicklungsländern). Arbeitet ihr an nachhaltigen sozialen Entwicklungskonzepten?
Alexander Artopé: Entwicklungshilfe im klassischen Sinne leistet smava nicht. Vergleichbar ist höchstens der Ansatz, kleine Selbständige mit günstigen Betriebsmittelkrediten zu unterstützen – Mikrokredite für Deutschland. Zudem ist Kiva ein Non-Profit Konzept, bei dem die Mikrokredite zu 0% Zinsen an Kleinunternehmer in Entwicklungsländern vergeben werden. Es gab bei smava auch schon Projekte mit einem gemeinnützigen Zweck, das auch zu einem niedrigen Zins finanziert wurde. Jedoch erwarten unsere Anleger in der Regel auch eine gute Rendite von ihrem Invest auf smava.de.
Smava ist ein gutes Beispiel dafür, wie wichtig Kreativität für Unternehmer ist. Man hat ein Konzept genommen, das es anderswo schon gab und in einigen Aspekten verändert und verbessert. Herausgekommen ist keine Kopie für den deutschen Markt, sondern ein eigenes Konzept, das einen neuen Markt schafft.
Peer-to-Peer-Lending gab es bislang in Deutschland nicht, das ist eine Marktlücke und somit hat Smava einen initialen Wettbewerbsvorteil. Ob die Nische groß genug ist, und ob Smava die möglichen Bedenken der Kreditgeber ausräumen kann, wird sich zeigen. Wenn das gelingt, hat Smava möglicherweise auch einen nachhaltigen Wettbewerbsvorteil: denn in vielen dieser neuen, internet-abhängigen Nischen-Märkte ist oft die Webseite dominant, die als erste die kritische Masse erreicht. Ob das auch Smava gelingt, wird die Zukunft zeigen.

