Der Vorsitzende des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), Rajendra Pachauri, ist großem Druck ausgesetzt. Es geht um den Klima-Report des IPCC aus dem Jahre 2007, wo in einer Zeile des ungefähr 1000 Seiten langen Reports die Behauptung aufgestellt wurde, dass bei Fortsetzung des aktuellen Trends der Klima-Erwärmung die meisten Gletscher des Himalajas im Jahre 2035 abgeschmolzen seien.
Dies fanden einige Anrainerstaaten merkwürdig, und so gab es beispielsweise ein Forschungsprogramm, finanziert vom indischen Umweltministerium, das herausfand, das viele der Gletscher im Himalaja wachsen und sich bei sehr vielen anderen die Abschmelzgeschwindigkeit dramatisch verlangsamt. Daraufhin wurde diese Untersuchung vom Vorsitzenden des IPCC, Rajendra Pachauri, als Voodoo-Wissenschaft abgestuft. Vor einigen Tagen kam dann heraus, dass das IPCC selber nicht besonders hochwissenschaftlich vorgegangen ist: die Jahreszahl 2035 bezieht sich auf einen Zeitschriften-Artikel, der nicht peer-reviewed (also von anderen Wissenschaftlern geprüft) ist. Zudem bezieht sich dieser Artikel auf Forschungen eines russischen Wissenschaftlers, und enthält einen peinlichen Zahlendreher – denn der Russe sieht die Gletscher nicht in 2035, sondern erst in 2350 abschmelzen UND hat seine Zahlen seitdem noch weiter nach hinten korrigiert, so Spiegel Online.
Chef des Weltklimarats wenig einsichtig
Rajendra Pachauri hat damit überhaupt keine Probleme, scheint es. Er zieht weder eine Entschuldigung in Betracht, noch denkt Pachauri über Rücktritt nach, so die Financial Times, den mittlerweile sogar der Chef von Greenpeace fordert. Grund gäbe es, denn immerhin hat Pachauri mit seiner Aussage zur Voodoo-Wissenschaft gerade diesen Punkt genug polemisiert und er hat anscheinend von diesem Problem mit der Jahreszahl seit mehreren Monaten gewusst. In einem Interview mit der Financial Times geht Pachauri in seiner Polemik noch weiter:
- zu seinen Kritikern: “das sind Betrüger der übelsten Sorte”
- woher die Kritik kommt: “sorgfältig vorbereitet” von “gewissen Firmen”, die um ihre Profite fürchten
- um was für Leute es sich dabei handelt: “das sind die selben Leute, die eine Verbindung zwischen Rauchen und Krebs verneinen, oder die sagen, Asbest ist so gut wie kosmetisches Puder – ich hoffe, sie machen das irgendwann in ihre eigenen Gesichter”
- wie man damit umgehen soll: “alle rational denkenden Personen werden sich wegen dieses einen Fehlers nicht dazu verleiten lassen, das Kind mit dem Wasser auszuschütten”
- sind weitere Fehler möglich: “es gibt keinen Grund”, das zu glauben, denn “ich glaube das unsere Prozeduren, so gut wie sie nunmal sind, keinen anderen Fehler zulassen würden”
- aber wie genau wurde geprüft: “Es ist nicht als ob wir alles ein zweiter Mal mit einem feinen Kamm durchkämmt hätten, um Fehler zu finden.”
- “Ich werde nicht aufgeben, auch wenn einige Leute das wollen. Ich werde ihren Wünschen nicht folgen.”
Die Aussagen vom Vorsitzenden des Weltklimarats lassen sich zusammengefasst so darstellen: alle Kritiker sind “Betrüger”, die von “gewissen Firmen” bezahlt werden, weil die um ihre Profite fürchten. Alle “rational denkenden Personen” werden deswegen nicht aufhören, an die Inhalte des Berichts zu glauben – womit ja sozusagen alle Kritiker, und alle, die nun kaum noch Vertrauen in den Bericht des IPCC haben, nicht “rational” denken können. Die Prozeduren des IPCC sind gut genug, um jeden anderen Fehler zu vermeiden – außer diesen mit den Gletschern im Himalaja, wobei es aber laut Aussage Pachauris nicht so ist, dass irgendwas mehrfach gecheckt wurde. Auch an Rücktritt sei nicht zu denken, denn man hat das Gefühl, Pachauri wähnt sich auf einer göttlichen Mission, die nur eine höhere Macht beenden kann.
Ist Kommunikation das Problem der Umweltschützer?
Nun mag man der Klimaerwärmung gegenüber stehen, wie man will. Ich bin eher skeptisch, ob wir Menschen das alles verschuldet haben oder sich einfach das Klima des Planeten ständig ändert. Deswegen bin ich aber NICHT dafür, überall die Umwelt zu verdrecken und mit Müll zu beladen, oder sorglos mit Ressourcen umzugehen. Ich kann es bloß nicht leiden, wenn man mir vorschreibt, was ich denken soll. Ich bin am besten zu überzeugen, indem alle meine offenen Fragen beantwortet werden – statt mich als Feind hinzustellen, nur weil ich Fragen habe. Von dieser Art Kommunikation hatte ich in der DDR genug – und mir kommt es so vor, als ob die Diskussion rund um den menschlichen Beitrag zur Klimaerwärmung von den Überzeugten ähnlich geführt wird wie Diskussionen um unsere Gesellschaft in der DDR:
- Du bist für uns – oder Du bist gegen uns.
- Wenn Du gegen uns bist, kannst Du nicht rational denken.
- Wenn Du gegen uns bist, bist Du ein Handlanger irgendwelcher kapitalistischen Firmen.
- Wir haben immer Recht, also hüte Dich davor, Fragen zu stellen.
- Diskutiere nicht rum, sondern glaube, was wir Dir sagen.
- Das Denken kannst Du getrost uns überlassen – wir wissen so ohnehin besser und entscheiden für Dich, was gut und schlecht ist.
Solange die Diskussion in dieser Art und Weise geführt wird, werde ich skeptisch bleiben. Solange das IPCC keine Untersuchung einleitet, die prüft, welche anderen Aussagen im Bericht des IPCC nicht gehalten werden können, werde ich skeptisch sein.Und solange Rajendra Pachauri nicht verstehen will, welche Verantwortung für die Integrität seines Institutes und dessen Berichte er als Vorsitzender hat, braucht sich auch niemand wundern, dass die Skeptiker immer mehr werden.
Forderungen ans IPCC
Die Financial Times fordert in einem Editorial folgendes vom IPCC: Zum einen eine unabhängige Untersuchung des IPCC-Berichts von 2007, der von allen Thesen befreit werden sollte, die nicht beweisbar sind. Die Untersuchung sollte sich auch mit der Entscheidung des IPCC auseinandersetzen, nur Aussagen aufzunehmen, die im Rahmen eines wissenschaftlichen Konsens liegen. Ist es wirklich richtig, wissenschaftlich geprüfte, aber weitab liegende Untersuchungen zu unterdrücken, wenn das nur dazu führt, dass Klima-Skeptiker von einer frisierten Meinung sprechen? Außerdem beschweren sich viele Klimaforscher darüber, dass viele der Behauptungen des Klimaskeptiker nicht wissenschaftlich geprüft seien – alles was künftig in den Report kommt, muss geprüft sein. Und das IPCC muss seine gesamte Kommunikation überdenken – ein bisschen mehr Bescheidenheit dürfte auch dem Vorsitzenden Rajendra Pachauri gut tun.
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