Die Taten der Menschen sind bestimmt durch ihren kulturellen Hintergrund. Wie Malcolm Gladwell in seinem Buch Outliers zeigt, gibt allein die Herkunft eines Menschen einen soliden Korridor für seinen Umgang mit Beleidigungen vor. Gladwell untersucht im Kapitel “Harlan, Kentucky” Gewalt-Eskapaden im Wilden Westen der USA, bei denen sich häufig zwei Familien mit allen männlichen Angehörigen in einen für alle Seiten blutigen Konflikt schmissen.
Wohin das Auge reicht, im Wilden Westen gab es fast in jedem kleinen Drecknest einen oder zwei Fälle extremster Auseinandersetzungen zwischen Leuten mit ständig wiederkehrenden Familiennamen. Auslöser waren immer wieder kleinste Beleidigungen, deren gewaltsame Beilegung sich hochschaukelte bis zu stundenlangen Schießereien mit mehr als 100 Schützen. Warum gab es überall dieselben Gewaltmuster? Was war die Verbindung zwischen all diesen Taten?
Ein gefährliches Leben
Die Vorfahren der Einwanderer kamen in der Regel aus armen, europäischen Ländern. Fast durchgängig waren die Vorfahren keine Bauern, sondern Viehhirten, die in kargen Berggegenden lebten, in denen Ackerbau unmöglich schien. Darum auch zog es diese Menschen nach Kentucky, weil das Leben dort dem Leben in der Heimat so ähnlich war und dieselben Anforderungen stellte. Dabei hat das Leben eines Bauern einen großen Vorteil: es ist ein friedfertiges. Niemand kann einem Bauern ernsthaft etwas stehlen, es sei denn, man stecke viel Arbeit in Ernte und Abtransport.
Für einen Viehhirten sieht die Situation gänzlich anders aus. Eine Herde kann man entführen. Und so ist das Leben eines Viehhirten zwar nicht das eines Soldaten, aber immerhin das eines Mannes, der ständig bereit sein muß, sein Hab und Gut mit seinem Leben zu verteidigen. In solch einer Welt sind gute Familienbande von Vorteil – und die wichtigste Waffe im Kampf gegen Diebe ist der eigene Ruf. Abschreckung heisst der Name des Spiels, in dem Viehhirten Meister sind. Bereits der kleinste Kratzer am eigenen Ruf gefährdet das eigene Auskommen. Und so ist es kein Wunder, wenn der kritischste Moment im Leben eines angehenden Viehhirten seine erste Auseinandersetzung ist.
Kultur ist etwas mit viel Zeit
Auf diese Weise erklären sich die Gewalttaten im Wilden Westen und auch die Familienfehde zwischen den Howards und Turners in Harlan, Kentucky, bei der insgesamt fast 20 Menschen starben. Und obwohl im Süden der USA heute kaum noch Auseinandersetzungen beim Pokerspiel in tagelange Verfolgungsjagden und Mob-Angriffe ausarten, zeigt eine Untersuchung der University of Michigan vom Anfang der 90er Jahre, dass der Umgang mit Beleidigungen auch heute noch die Menschen der USA in Nord und Süd unterteilt. Experimente mit Studenten haben gezeigt, dass das beste Merkmal, um die Reaktion auf eine Beleidigung vorherzusagen, immer noch die Herkunft ist: Die Kultur der Viehhirten hat bis heute Bestand, ihr Ehrenkodex setzt sich im kollektiven Überbewusstsein der Südstaatler fort.
Das gilt dann wohl für alle Menschen, deren Vorfahren Hirten waren. Da ihre Kultur ihnen sagt, dass ihre Ehre ihr Auskommen sichert und die Familie immer zusammenhalten muss, benehmen sich die Nachfahren, obwohl von völlig anderer sozialer Herkunft und seit Generationen nicht mit Viehzucht befasst, genauso wie früher. Beleidigt man sie, reagieren sie über die Maßen aggressiv, so die Ergebnisse der Experimente an der University of Michigan.
Und heute?
Das erklärt dann auch, so würde ich sagen, die überhitzten Reaktionen einiger südländischer Mitbürger zum Beispiel im Straßenverkehr. Durch ihre Herkunft haben diese Menschen ein viel größeres Ehrgefühl als wir, und sind auch – wie neulich bei Spiegel TV zu sehen – schnell bereit, um ihre Ehre zu kämpfen. Da sagt der eine dem anderen in der Disco ein Schimpfwort, für das ich ihn nicht mal anschauen würde – und der Empfänger dieser Verbalinjurie kloppt drauflos und redet später von seiner Bereitschaft, den anderen umzubringen. Das geschieht doch offensichtlich deswegen, weil solche Menschen eine Kultur eingeflösst bekommen haben, in der Ehre eine große Rolle spielt, auch wenn der eigentliche Grund für diese Gewichtung gar nicht mehr existiert.
Daraus lassen sich zwei Lehren ziehen, finde ich. Zum einen ist klar, warum Beleidigungen für Menschen mit diesem kulturellen Hintergrund so fürchterlich weh tun. Da ist es offensichtlich klüger, sich diese Beleidigungen einfach mal komplett zu sparen. Zum anderen könnte die Betroffenen ja langsam mal anfangen, nach so vielen Jahren (im Falle von Harlam, Kentucky, immerhin mehr als 100) eine Kultur ganz leicht zu hinterfragen, in der vermeintliche Verletzungen ihrer Ehre immer gleich ein Anlass sind, eine Familienfehde loszutreten. Denn in ihren heutigen Berufen und ihrem heutigen sozialen Umfeld ist die Ehre allein nicht in der Lage, das Auskommen eines Menschen zu sichern. Und es war die Absicherung des eigenes Auskommens, die der Ehre erst diese Bedeutung hab.
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