Nokia gegen Apple: Sind Patente zeitgemäß?

Eigentlich gibt’s Patente, um Innovationen vor Wettbewerbern zu schützen. Tun sie das? Sind Patente, Patentämter und Patentanwälte das beste Instrument, um Kreativität und Innovation zu fördern? Diese Frage ähnelt der Diskussion rund um Marken und Markenschutz (angetreten in der Blogosphäre zum Beispiel durch aggressives Abmahn-Verhalten von Jack Wolfskin). Es scheint, als ob Patente und Marken im Jahre 2010 langsam überholt sind – sie behindern die schnelle Entwicklung unserer Welt.

Nokia vs. Apple (Quelle: www.gomonews.com)

Nokia vs. Apple (Quelle: www.gomonews.com)

Nokia pocht auf Patente

Aber der Reihe nach: Der Handyhersteller Nokia ist gerade dabei, einen Patentrechtsstreit gegen Apple zu führen (Link zur Meldung). Nokia war bislang Platzhirsch bei Mobiltelefonen, darf aber seit einigen Jahren zuschauen, wie Apple auf seinem eigentlich bereits verteilten Markt ein neues Segment erschafft, nämlich das der Smartphones. Und das ist seitdem das Marktsegment mit dem größten Wachstum, das obendrein für die Hersteller auch die höchsten Margen bietet. Also beschuldigt Nokia den neuen Wettbewerber Apple, Nokias Patente zu verletzen. Apple antwortet mit Gegenklage: das stimmt so nicht und im übrigen verletze Nokia haufenweise Patente von Apple. Und so weiter und so fort, mit ungewissem Ausgang.

Schauen wir aber mal nach, was da im Einzelnen passiert. Nokia verschläft Geburt und Entwicklung des Smartphone-Markts. Jedenfalls hat man den iPhones, Palms und Androids derzeit wenig entgegen zu setzen. Und so sehr man sich auch müht mit eigenem Musikstore Ovi und neu entwickelten Phones: die Musik spielt woanders, Nokia verliert Marktanteile im aussichtsreichsten Segment. Was also tun, wenn man nicht mehr weiter weiß? Jack Wolfskin mahnt ab, Nokia klagt.

Patente aus kreativer Sicht

Teresa M. Amabile ist Professorin an der Harvard Business School und beschäftigt sich dort mit Kreativität. In ihren vielen Publikationen zum Thema definiert sie Kreativität und Innovation wie folgt:

Kreativität ist die Erzeugung neuer und nützlicher Ideen in allen Bereichen menschlicher Aktivität. Innovation ist die erfolgreiche Umsetzung solcher Ideen.

Auf Patente umgesetzt, heisst das folgendes: sich ein Patent ausdenken und sichern, ist kreativ. Man hat eine neue und (vielleicht) nützliche Idee, und die sichert man sich. Ein Patent nutzen und ein Gerät auf den Markt bringen, das die Kunden begeistert, ist demzufolge innovativ: die erfolgreiche Umsetzung einer Idee.

Was sollen Patente schützen?

Nun hat Nokia anscheinend viel Kreativität (denn es hat haufenweise Patente), die hat Apple aber auch (denn auch Apple hat haufenweise Patente). Im Gegensatz zu Nokia ist Apple in diesem Fall aber auch innovativ – denn es hat mit dem iPhone ein Gerät entwickelt, das Kunden begeistert und sich in der Mitte ihres Lebens platziert. Das iPhone ist sehr erfolgreich und erzeugt immer neue Anwendungen und nebenbei mischt Apple damit nicht nur den Smartphone-Markt auf, sondern auch den für Musikdistribution und handheld gaming devices (Financial Times: Sony launches new PSP to reclaim lost ground). Apple setzt die Idee erfolgreich um – das entspricht genau der Definition von Teresa M. Amabile!

Nokia ist im Smartphone-Markt derzeit wenig erfolgreich, weil die Ideen, die sie haben, nicht erfolgreich umgesetzt werden. Das Pech der Finnen scheint zu sein, dass ihr Gegner nicht mehr Motorola heisst, sondern Apple. Die sind kreativ und innovativ zugleich, und wollen nicht nur die Welt beherrschen (das schien wohl das Motto von Motorola unter Ex-CEO Ed Zander gewesen zu sein). Interessanterweise kommt derzeit der größte Wettbewerb für das iPhones aus der Ecke der vielen Smartphones mit Google Android-Betriebssystem, und eins der besten Geräte davon ist gerade das Droid von Motorola.

Aus Sicht eines Konsumenten stellt sich die Sache so dar: Nokia macht einige interne Kreativ-Workshops und sichert sich im Anschluss ein paar Patente. Die verschwinden alsbald in der Schublade, weil Nokia offensichtlich den Markt falsch einschätzt oder damit nichts anzufangen weiß. Oder weil einfach die Workshops zu intern waren. Aus der Kreativität jedenfalls entsteht bei Nokia keine Innovation. Die kommt dann von Apple, und die Konsumenten sind begeistert. Nokia findet das wenig schön und will nun aufgrund der Patente etwas mitverdienen oder am liebsten Apple und seine verdammten iDinger auf den Mond schießen.

Aber dienen die Patente nun dazu, Innovationen vor unlauterem Wettbewerb zu schützen, oder etwa dazu, Nokias Zielmärkte vor zeitgemäßen Innovationen zu bewahren?

Print

Ähnliche Beiträge:

  1. Die Innovationshölle In seinem Vortrag auf dem Razorfish Client Summit hat Razorfishs...
  2. Einfach soll es sein: Ein Erfolgsgeheimnis von Apple und Google? Cem Basman (eins meiner Web2.0-Idole) hat darüber getwittert und dabei...
  3. Die erste Meile und das Problem der Innovation Hinter dem Begriff Innovation steckt oft ein schwammiges Konzept. Scott...
  4. Das kreative Immunsystem eines Unternehmens Wer setzt die Zukunft eines Unternehmens stärker aufs Spiel –...
  5. Kreative Selbstzerstörung bei Microsoft Der Begriff kreative Zerstörung geht auf den deutschen Volkswirt Werner...