Die Investment-Bank Goldman Sachs ist sehr erfolgreich aus der Krise gekommen. Wo andere Banken froh sind, wenn sie die Flächenbrände in ihrer Bilanz verschleiert bekommen, ist das Jahr des Herrn 2009 ein wundervolles für die laut eigenen Aussagen beste Investment-Bank der Welt: Milliardenprofite, die man wie gewohnt beinahe hälftig unter Anteilseignern und Mitarbeitern aufteilt. So meldet die Financial Times, dass Goldman Sachs von Januar bis September für seine Aktienbesitzer 12,5 Mrd. $ verdient hat, während man für die Boni der “talentiertesten Mitarbeiter in unserer Branche” bereits sagenhafte 16,7 Mrd. $ beiseite gelegt hat. Macht zusammen also einen Ertrag von etwa 29 Mrd. $ für 9 Monate Arbeit.
In einer Zeit, wo die Arbeitslosenrate der USA den höchsten Stand seit 28 Jahren hat und das Wachstum der Weltwirtschaft unter dem Schock einer durch Banken verursachten Weltwirtschaftskrise auf bröckeligen Füsschen ruht, erregen gerade diese Bonuszahlungen großen Unmut. Die Marke “Goldman Sachs” ist bereits angeschlagen, auch wenn man mit einem Förderprogramm versucht, den kleinen Unternehmen in der Realwirtschaft etwas zu helfen und sich selbst als hilfsbereit zu inszenieren. Goldman Sachs wandelt sich langsam aber sicher zu einer Marke, die für Geldgier und ungezügelten Egoismus steht.
Die Chefs der Bank können kein moralisches Dilemma feststellen, wenn sie in diesen Zeiten mit soviel Geld um sich werfen:
- “Wir haben die besten Mitarbeiter der Welt und müssen sie halten.”
- “Ein Teil der Boni fliesst als Steuern in die Staatskasse.”
- “Wir haben unsere Staatshilfen zurück gezahlt und sind deswegen nicht mehr an die Gehaltsgrenzen gebunden, die damit verbunden waren.”
- “Wir zahlen einen großen Teil der Boni in Form von Aktien, um die Angestellten am Risiko zu beteiligen.”
Insgesamt hat die gesamte Argumentation aber so ihre Probleme. Goldman hat zwar die Staatshilfen von ca. 11 Mrd. $ zurückgezahlt, will aber offensichtlich nicht eingestehen, dass diese Gelder seinerzeit das Überleben gesichert haben. Als Bear Sterns und Lehman Brothers zusammen brachen, hatte auch Goldman Sachs Schwierigkeiten, sich zu finanzieren. Ohne die 11 Mrd. $, die damals von der US-Regierung bereit gestellt wurden, gäbe es heute wahrscheinlich kein Goldman Sachs mehr.
Dazu kommt, dass ein großer Teil der Profite im Jahr 2009 aus Finanzgeschäften stammt, in denen nun der Staat als Gegenpartei eingesprungen ist. Zu behaupten, dass die “besten Mitarbeiter” der Branche also viel Geld verdienen – ohne Staatshilfe – und deswegen auch viel Bonus verdient haben, ist also nicht komplett aussagekräftig. Das Geld wird nur verdient, weil die ganzen Finanzgeschäfte möglich sind, weil der Staat als letzte Instanz zur Verfügung steht. Wäre das nicht der Fall, würde Goldman Sachs in vielen dieser Geschäfte zwar auf dem Papier Geld verdienen – aber mit insolventen Gegenparteien. Das sind die hidden gifts des Staates, von denen George Soros spricht: Steuerzahler-Geld, das an Banken verteilt wird.
Aber nehmen wir mal an, es wäre gerechtfertigt, dass man an die Mitarbeiter der Banken Milliarden verteilt. Nehmen wir mal an, es gäbe keine hidden gifts, die der Staat eigentlich drastisch besteuern sollte, um sein eingesetztes Kapital wieder zu erlangen. Nehmen wir mal an, dass es wirklich möglich ist, dass eine gesamte Branche über Jahrzehnte hinweg Margen von 15-20 Prozent haben kann, ohne dass immer mehr Wettbewerb dazu führt, dass diese Margen sinken.
Dann bleibt immer noch die Frage, ob Bonuszahlungen in dieser Höhe gerechtfertigt sind. In Jahren wie diesem, wenn es genügend zu verteilen gibt, macht man hälftig gemeinsam fette Beute: 50 Prozent des Gewinns für die Anleger, 50 Prozent des Gewinns für die Mitarbeiter. Was aber passiert in den Jahren, wo das wilde, risikofreudige Gezocke der Mitarbeiter geradewegs in die Katastrophe führt? Teilt man dann auch die Verluste hälftig auf? Schiessen die Mitarbeiter Geld nach – oder verzichten sie nur vorübergehend auf Gewinnausschüttungen? Die Gewinne werden geteilt, das Risiko bleibt bei den Anlegern. Das ist aus Sicht der Anleger nicht fair. Wer Gewinne brüderlich teilt, muss auch die Risiken gemeinsam tragen – oder sich bei den Gewinnen mit etwas weniger als der Hälfte zufrieden geben.
Nun will man dieses Risiko gemeinsam tragen, indem die Mitarbeiter ihren Bonus in Aktienanteilen ausgezahlt kriegen. Aber auch hier ergibt sich ein Dilemma: Die Aktie Goldman Sachs hat derzeit an der New Yorker Börse eine Marktkapitalisierung von ca. 86 Mrd. $. Das bedeutet, würde man alle Aktien von Goldman Sachs zum heutigen Tagespreis kaufen, müsste man also 86 Mrd. $ bezahlen.
Wenn die Bank nun in jedem Jahr ca. 20 Mrd. $ in Form von Aktien an die eigenen Mitarbeiter ausschüttet, sind die bisherigen Anteilseigner wieder benachteilt. Denn heute besitzen die Anteilseigner Aktien im Wert von 86 Mrd. $, was 100 Prozent sind. Bliebe der Aktienkurs gleich, und würden pro Jahr Aktien im Wert von 20 Mrd. $ an die Mitarbeiter ausgegeben, so besässen die Anteilseigner in 4 Jahren zwar immer noch Aktien im Wert von 86 Mrd. $. Es gäbe dann aber insgesamt Aktien im Wert von 166 Mrd. $ – der Anteil, den die bisherigen Anteilseigner besitzen, wäre dann nur noch 52 Prozent.
In 10 Jahren besässen die heutigen Anteilseigner – ceteris paribus – nur noch 86 Mrd. $ von dann insgesamt 286 Mrd. $ an ausstehenden Aktien – ein Anteil von dann nur noch 30 Prozent. Man kann es drehen und wenden, wie man will, Goldman Sachs ist ein Unternehmen, das die Interessen der eigenen Angestellten höher stellt als die vom Rest der Welt, die risikotragenden Eigentümer eingeschlossen.
Ist das möglich? Ist die größte und erfolgreichste Investment-Bank unserer Zeit, das Vorzeige-Unternehmen der Großfinanz, in Wirklichkeit ein sozialistischer Modellversuch?
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