Vor einigen Monaten bin ich über ein Buch gestolpert in einer Rezession der Financial Times: Beijing Coma von Ma Jian (deutscher Titel: Peking Koma). Es ist eins der besten Bücher dieses Jahrzehnts, glaube ich.
Der Inhalt
Das Buch handelt von Dai Wei, einem der Studenten vom Platz des Himmlischen Friedens. Getroffen von einer Kugel am 4. Juni 1989, fällt Dai Wei in ein Koma, aus dem er für mehr als zehn Jahre nicht erwachen wird. Zu diesem Zeitpunkt ist Dai Wei wahrscheinlich der einzige Mensch in China, der seine Mitgliedschaft bei der Studentenbewegung vom Platz des Himmlischen Friedens nicht schriftlich widerrufen hat. Gefangen in seinem Körper, erinnert sich Dai Wei an sein Leben und die Ereignisse, die die Studenten Chinas zum Platz des Himmlischen Friedens führen. Diagnostiziert als hirntot, geniesst Dai Wei etwas, das der totalitäre Polizeistaat China brutal unterdrückt: die Freiheit seiner Gedanken. Er träumt von seiner Jugend, von seinem Vater und dessen Erzählungen über Amerika. Dai Wei findet das Tagebuch seines Vaters, und darin dessen Erinnerungen an die Zeit der Kulturrevolution. Dai Wei erinnert sich an die Frauen in seinem Leben, und wie politische Kampagnen immer wieder sein Glück zerstören.
Dai Wei’s Mutter lebt eine anscheinend normale chinesische Biografie des 20. Jahrhunderts: ihre Familie wird von den Kommunisten enteignet, der Großvater in den Selbstmord gedrängt. Ihr Mann kommt während der Kulturrevolution wegen seines Handschlags mit einem amerikanischen Orchestermusikers ins Straflager, wo die Gefangenen aus Hunger das Fleisch ihrer toten Kameraden essen. Zurück bei der Familie, ist er ein gebrochener Mann und die musikalischen Karrieren der Eltern von Dai Wei für immer beendet. Ihr Sohn wird beim Massaker vom 4. Juni 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens angeschossen und fällt ins Koma. Verstossen und ständig von der Polizei überwacht, von medizinischer Hilfe abgeschnitten, pflegt die Mutter ihren Sohn und lernt dabei einen Heilpraktiker kennen, der sie mit Falun Gong bekannt macht. Dafür wird sie als 60jährige 1999 verhaftet und in Untersuchungshaft psychisch gebrochen. Sie stirbt, während sie aus ihrem Wohnblock geworfen wird, der für die Immobilienentwicklung rund um Pekings Olympiabewerbung Platz machen muss. Dass ihr Sohn aus dem Koma erwacht, erlebt sie nicht mehr.
Blutige Wahrheit
Peking Koma ist in der Aufzählung von Greueltaten eines totalitären Systems ähnlich umfassend wie Der Archipel Gulag von Alexander Solschenizyn. Es gibt keine peniblen Zahlen wie in jenem Buch, dafür ist es ja auch ein Roman. Es gibt aber genügend Beispiele, welchen Wert man in Chinas politischen Eliten einem Menschenleben beimisst.
Während der Kulturrevolution gab es Dörfer, in denen die Bauern so weit gingen, ihre Treue zu beweisen, dass sie vermeintliche Regimegegner bei lebendigem Leibe aufassen. Im Buch gibt es Szenen mit Vergewaltigungen und Verstümmelungen von Frauen jeden Alters, sogar Minderjähriger.
Das schafft ein Klima, in dem nach der Kulturrevolution unter Mao Tse Tung der Familienverband aufgebrochen ist. Menschen trauen ihrer Familie nicht mehr, Frauen verlassen ihre Ehemänner, Jugendliche wenden sich von ihren Eltern ab. Im Wohnhaus wird man von seinen Nachbarn bespitzelt. Die Leiterin des Wohnkollektivs legt Strafen fest. Die Partei ist das soziale Bindeglied, die Familie gibt es nicht mehr. Alle haben Angst.
Beim Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens am 4. Juni 1989 schiessen Armee-Einheiten auf unbewaffnete Menschen. Panzer zermalmen Menschen unter ihren Ketten. Verwundeten wird die Behandlung in Krankenhäusern verweigert. Alle Beteiligten werden verfolgt, verhaftet, gefoltert, verprügelt, vergewaltigt, und eingesperrt. Chinas Menschen bluten seit mehr als 60 Jahren, die Hauptstadt Peking liegt im Koma.
Fazit
Es wird Zeit, dass so ein Roman erscheint. China ist dabei, vielleicht die größte Volkswirtschaft der Welt zu werden. Das Land sitzt auf Währungsreserven von mehr als 2.000 Milliarden Dollar und wird geführt vom Zentralkomitee eines Einparteien-Systems. Es gibt mehr als eine Milliarde Chinesen, und deren Hunger nach Ressourcen ist gewaltig und einer der Gründe für das Scheitern von Kopenhagen. Es könnte sein, dass die chinesische Regierung bald nicht nur über China herrschen wird, sondern hegemonial auch über den Rest der Welt.
Machen wir nicht den Fehler, anzunehmen, dass sich an der Blutrünstigkeit und Skrupellosigkeit dieses Systems irgend etwas ändern wird. China sieht sich in der Tradition von Mao’s Kulturrevolution. Über das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens wird nicht geredet. Ma Jian zeigt mit Peking Koma, dass sich an der menschenverachtenden Einstellung von Chinas Regierung nichts geändert hat.
Die Freundin von Dai Wei lebt zehn Jahre später in Deutschland, verheiratet mit einem deutschen Architekten. Befragt, ob sie Dai Wei besuchen kommt, antwortet sie: “Ich will nie wieder in einem Land sein, in dem ständig die Polizei an meine Tür klopft.” Nach der Leküre dieses Buches fragt man sich, ob man mit so einem Land überhaupt Handel treiben will. Machen wir uns schuldig, wenn wir das alles im Lichte unserer Handelsbeziehungen weiterhin ignorieren?
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