(Ich muss mich sputen mit meinen Buchrezensiönchen. Bin hier im Urlaub an der Ostseeküste, und finde trotz intensivster Beschäftigung mit den Kiddies sehr viel Zeit zum Lesen. Die gelesenen Bücher stapeln sich.)

Meine letzte Buchempfehlung handelte von einem Buch, in dem es um den Teufel ging, einen hungrigen Gott, der Menschen manipuliert, ausnutzt, tötet. Nicht weil er Sadist ist, sondern weil ihn unsere Leiden schlichtweg nicht berühren – ähnlich wie uns die Gefühle einer Amöbe auf unserer Schuhsohle nicht kümmern, wenn wir in Hundescheiße treten. Das ist nicht persönlich gemeint, im Gegenteil, dieser hungrige Gott betrachtet uns komplett entpersonifiziert.

Passend, dass ich als nächstes Buch eine Biographie über Reinhard Heydrich gewählt habe, mit Titel Heydrich – Das Gesicht des Bösen.

Amazon.de: Heydrich - Das Gesicht des Bösen. Von Mario R. Dederichs

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Reinhard Heydrich war der Teufel unter Hitlers Offizieren. Er schuf und leitete das Reichssicherheitshauptamt, die Behörde im Dritten Reich, die für die Endlösung zuständig war. Heydrich starb bei einem Anschlag 1942 in Prag, deswegen wurde die wahre Bedeutung seiner tragenden Rolle lange nicht untersucht – er war beispielsweise nicht einer der Angeklagten in den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen.

Dazu kam, dass Reinhard Heydrich dem Archetypen des Ariers entsprach: blond, schlank, hochgewachsen, blauäugig, intelligent. Er war ein sehr guter Reiter und herausragender Fechter. Er arbeitete eng mit Heinrich Himmler zusammen (die zwei bildeten ein Karrieregespann, man sagte sogar, Heydrich sei Himmlers Hirn), und war ein Liebling des Führers.

In dem Buch wird sein Leben dargestellt, wie es sich entwickelte vom Sohn aus einem musikalischen Elternhaus zum Leiter der Vernichtung von mehreren Millionen Juden. Es beleuchtet die Zeit bei der Marine, den Rauswurf aufgrund einer Frauengeschichte, den Einstieg in die SS und den anschliessenden Aufstieg zur Nummer 2 der Schutzstaffel.

Reinhard Heydrich ist eine faszinierende Figur in der kurzen Geschichte des Dritten Reichs, und somit ist sein Lebenslauf auch sehr interessant. Ich fand aber, dass das Buch sich manchmal sehr ereifert. Unter Bloggern lobt man sich oft, indem man sagt: “Der Beitrag ist herzlich unaufgeregt.” Das kann man von Mario R. Dederich nicht sagen (das auch übrigens ein krasser Gegensatz zu meiner letzten Buchempfehlung rund um den 2. Weltkrieg: D-Day von Antony Beevor, auch Beevor ist da häufig weniger aufgeregt und somit letzten Endes glaubwürdiger).

Hier sind die Sätze oft langatmig. Wir erfahren für meinen Geschmack zu viel über Nebenfiguren, so zum Beispiel über die Leiter der Einsatzgruppen in Osteuropa wie Ohlendorf, Nebe, Six. Ich fand, ein Buch über Heydrich sollte sich auch nur mit Heydrich beschäftigen. Die Kommentare über seine Angehörigen waren auch nicht durchweg interessant – die verurteilende Behandlung seiner Frau Lina Heydrich finde ich akzeptabel, die Abschnitte über seine Kinder überflüssig. Ein Bild auf S. 43 und S. 93 wiederholt sich seltsamerweise.

Insgesamt finde ich, dass Dederichs bei diesem Thema was verschenkt hat. Reinhard Heydrich ist das, was wir als Gesicht des Bösen kennen gelernt haben. Eine krankhafte Deformation seiner Persönlichkeit hat ihn dazu gebracht, kaltblütig und ohne Gefühlsregung Millionen von Menschen zu ermorden. Diese krankhafte Deformation hat damit zu tun, dass er sich zur auserwählten Rasse zugehörig gefühlt – und andere Menschen, die nicht seiner Rasse angehören, entpersonifiziert töten kann, falls die Umstände es erfordern. Menschen wie Reinhard Heydrich leben in ständiger Krise, so dass die Umstände also immer gegeben sind.

Das ist aktuell. Das kann jederzeit und überall passieren. Das ist somit ein hochbrisantes Thema. Dieses Buch hier zeigt sich diesem Thema nicht gewachsen.

(Wer ein wirklich gutes Buch darüber lesen will, wie aus ganz normalen Männern Massenmörder werden, dem sei Ganz normale Männer von Christopher R. Browning empfohlen. Das hat sein Thema nicht verfehlt.)

Die Verbindung zur Kreativität ist übrigens die Beobachtung, dass Reinhard Heydrich zwar ein durchaus intelligenter Mensch gewesen sein muss, aber alles, was er tat ist destruktiv. Sein ganzes Leben hat er nur zerstört: Menschen, Erinnerungen, Kultur. Wir können uns glücklich schätzen, dass die Nation, für die Heydrich gekämpft hat, untergegangen ist. Da seine Ideologie immer nur zerstören will, hätte sie sich nach dem Sieg nach innen gewandt. Heydrich und das Reichssicherheitshauptamt hätten immer weiter vernichtet, egal ob Freund oder Feind.

Heydrich und seine Leute waren Zerstörer nicht nur eines ganzen Bevölkerungsanteils unserer Nation, und auch der jüdischen Kultur, die ein jahrhundertealter und entscheidender Bestandteil der Kultur von Gesamtdeutschland war – er hat die Reinheit unserer Moral und unseres Gewissens zerstört. Seiner Arbeit verdanken wir den Verlust unserer kollektiven Unschuld. Und Kreativität zerstört nicht, sie erschafft. Zum Erschaffen aber waren Heydrich und seine Leute nicht fähig, und werden es niemals sein.

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