Im Alter von 31 Jahren war Jan Hendrik Schön ein erwachsenes Wunderkind. Schön, ein Physiker der Bell Laboratories in New Jersey, war Ende 2001 vielleicht der erfolgreichste Forscher auf den Gebieten der Festkörperphysik, Materialwissenschaften und Nanotechnologie. Seine Erfolge basierten auf seiner unerreichten Fähigkeit, die Eigenschaften von Materialien zu verändern, indem er elektrische Felder auf ihre Oberfläche aufbrachte. Er baute hochperformante Transistoren aus Plastik anstelle Silizium. Er verwandelte die von ihm verwendeten Materialien in Supraleiter. Er beschrieb in seinen Veröffentlichungen den weltweit ersten organischen Laser und den ersten licht-emittierenden Transistor. Er veröffentlichte sogar die Behauptung, den kleinsten Transistor der Welt zu bauen, der nur ein Molekül groß war.
Er veröffentlichte regelmäßig in Nature und Science, den anerkanntesten wissenschaftlichen Zeitschriften der Welt. Bell Labs beförderte ihn, er war Gast in amerikanischen Radiosendungen, und gewann mehrere wissenschaftliche Preise weltweit. Gemessen an der Zahl seiner Veröffentlichungen, war Jan Hendrik Schön der erfolgreichste und produktivste junge Wissenschaftler unserer Generation.
Er war ein Lügner.
Die seinen Veröffentlichungen zugrunde gelegten Daten waren erfunden und geschönt. Seine Entdeckungen sind erlogen. Seine Apparaturen haben wahrscheinlich nie existiert. Guten Gewissens kann man behaupten, dass Jan Hendrik Schön die treibende Kraft hinter dem größten wissenschaftlichen Betrug aller Zeiten war. Die Geschichte seines Betrugs erzählt Eugenie Samuel Reich in ihrem lesenswerten Buch Plastic Fantastic – How the biggest fraud in physics shook the scientific world:
Das Buch kommt ohne Diagramme, Formeln und Bilder aus (was nicht alle Kommentatoren wundervoll finden). Aber es blickt hinter die Kulissen und beleuchtet, wie Jan Hendrik Schön vorging, um diesen Jahrhundertbetrug zu fabrizieren. Und dabei lernt man auch was über kreative Teamarbeit.
Informelle Meetings fördern Teamwork
In den Bell Laboratories wurde sehr viel Wert auf informelle Gespräche gelegt. Wenn Wissenschaftler aus verschiedenen Abteilungen gemeinsam in der Cafeteria Essen zu sich genommen haben, dann fand dort der intellektuelle Austausch über die Grenzen der Disziplinen hinweg statt. Das macht Sinn, denn informelle Meetings sind zwanglos. Hierarchie und Erfahrungen treten häufig in den Hintergrund, was den freien Austausch von Ideen fördert. In dieser Umgebung können Ideen diskutiert werden, die formell vielleicht nie zur Sprache kämen – und wenn, dann würden einige Teilnehmer die Diskussion unter Umständen dominieren. Dessen ist man sich bewußt bei den Bell Laboratories, und fördert von daher den informellen Gedankenaustausch.
Was aber, wenn sich Gruppen bilden, deren Denkweise von ähnlichen Denkmustern bestimmt ist? Was wenn die Diskussion in Gruppendenken verfällt? Die Hoffnung, dass Ideen informell diskutiert werden und die guten Ideen überleben, weil sie diesen offenen, interdisziplinären, zwanglosen Gedankenaustausch bestehen, ist dann hinfällig.
Im Falle der Bell Laboratories gab es eine Gruppe, die die Ergebnisse Jan Hendrik Schön’s verteidigte. Die Forscher in dieser Gruppe waren nicht bereit, ihre Annahme zu überprüfen, dass Schön ehrlich sein muss – so wie es alle Wissenschaftler sein sollten. Und es gab eine weitere Gruppe, die nicht in Betracht ziehen wollte, das Schön Recht haben mag. Auch sie gingen nicht soweit, anzunehmen, dass Schön log. Sie dachten, er versteht seine eigenen Experimente nicht – und deutet sie falsch.
Das Problem war, dass die beiden Gruppen ihre Ansichten nur intern austauschten. Es gab kaum gruppenübergreifende Diskussionen. Einer der wirkungsvollsten Prozesse zur Ideenselektierung bei den Bell Laboratories war somit außer Kraft gesetzt.
Vertrauen ist Voraussetzung
Jedes Teammitglied muss einige Annahmen treffen, die die Zusammenarbeit mit anderen Teammitgliedern betreffen. So muss Vertrauen herrschen, dass alle im Team dasselbe Ziel vor Augen haben. Nehmen die Teammitglieder das aber nur an, und überprüfen es nie, führt das zu gewaltigen Problemen. Im Falle von Jan Hendrik Schön sind die Ko-Autoren seiner vielen Publikationen davon ausgegangen, dass Schön ehrlich ist. Sie hatten Vertrauen in ihn, auf ehrliche Weise Karriere machen zu wollen – und dabei nicht die ihrige aufs Spiel zu setzen.
Gute Teamarbeit setzt sich immer auch aus Team- und Einzelarbeit zusammen. Schön und seine Ko-Autoren schrieben die Texte gemeinsam. Ihre Ergebnisse beruhte aber auf Einzelarbeit. Jeder lieferte seinen Teil. Die anderen lieferten die Materialien, Schön brachte die Kontakte an und legte elektrische Energie an. Weil sich alle gegenseitig vertrauten, weil niemand jemals annahm, dass Schön Ergebnisse fälschen würde, überprüfte auch niemand diese Ergebnisse. In der anschliessenden Untersuchung trat zutage, dass niemand jemals eins dieser Ergebnisse beobachtet hatte.
Selbstüberwachung wird oft von der Gruppe selber behindert
Die wissenschaftliche Gemeinde ist stolz darauf, sich selber sehr gut überwachen zu können. Auch der Fall von Jan Hendrik Schön kam ja ans Tageslicht. Dabei wird verkannt, dass es letztendlich Schön selber war, der dazu beitrug. Hätte Schön etwas weniger forsche Behauptungen publiziert, hätte er einfach mehr Zeit verstreichen lassen – er wäre trotzdem einer der größten Wissenschaftler seiner Zeit gewesen, hätte sich Professuren in Europa oder Amerika aussuchen können und ein interessantes Leben gelebt. Da viele seiner Behauptungen nur wenig übertrieben waren, hätte er mit nur einem bisschen Glück alles überstehen können. Jan Hendrik Schön kam zu Fall, weil er offensichtlich entweder nicht verstand, dass seine Handlungen falsch waren, und deswegen auch nie darüber nachdachte, geschnappt zu werden. Oder weil er geschnappt werden wollte. Vielleicht hat er das Tempo seiner Veröffentlichungen und Behauptungen so gesteigert, weil er unbewusst das Ende herbei sehnte und sich in einem Gestrüpp aus Lügen verheddert hatte, aus dem er selber keinen Ausweg mehr fand.
Die Selbstüberwachung der wissenschaftlicher ist jedenfalls nicht ohne Probleme. Auch eine so lose zusammenhängende Gruppe wie der Wissenschaftler, die weltweit in einem Gebiet forschen, kann Gruppendenken unterliegen. Das fängt damit an, dass Gruppenmitglieder Angst davor haben, Ansehen wegen kritischer Fragen zu verlieren. Andere verteidigen das Denken der Gruppe, weil sie glauben moralisch im Recht zu sein. Manche äußern keine Verdachtsmomente, weil sie sich als die einzigen fühlen, die Probleme wahrnehmen. Das letztere Verhalten wird von Reich an mehreren Mitarbeitern bei Bell Laboratories vermeldet.
Aber auch so muss man als Wissenschaftler damit rechnen, mit Anschuldigungen von Betrug falsch zu liegen. Das würde alle betroffenen Karrieren negativ beeinflussen, und ist somit erstmal eine Mauer, die es psychologisch zu überwinden gilt. Und das gerade bei bahnbrechenden Forschungen wie denen, die Jan Hendrik Schön betrieb. Da ändern sich viele Theorien und Modelle praktisch über Nacht. Wer weiß schon, was absichtlich geschönt ist – und was nur falsch kommuniziert wird, weil nicht genug Daten vorliegen oder man die beobachteten Phänomene nicht versteht.
Und selbst wenn man Recht haben sollte mit seiner Anschuldigung von Betrug, wird die Person, die den Betrug öffentlich anzeigt, oft angefeindet. Ein Wissenschaftler in dem Buch meinte, er möchte ewig anonym bleiben mit seiner Anschuldigung eines Betrugs. Er kam sich vor wie ein Vergewaltigungsopfer, so seine Aussage der Autorin gegenüber. Es bleibt immer ein Vorwurf haften.
Fazit: Lesenswert
Das Buch ist unterhaltsam und lehrreich. Es ist spannend. Es ist wundervoll geschrieben, und wie viele dieser populärwissenschaftlichen Bücher bietet es genau soviel Sachkenntnis, dass man ganz, ganz, ganz abstrakt versteht, worum es geht – aber nicht so viel, dass es anstrengend wird und man vor lauter Grübelei ganz müde wird. Ich kann es empfehlen!
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