Wir stecken mitten drin in der Krise. Wenn die Leute im Vertrieb unsere Kunden anrufen, hören sie oft Sachen wie “Hier sind alle auf Kurzarbeit.” oder “Zur Zeit machen wir nichts, weil wir erstmal abwarten.” und auch oft Sätze wie “Der Mitarbeiter arbeitet hier nicht mehr.” und “Das Unternehmen wird zum Monatsende abgewickelt”. Vertrieb macht kaum noch Spaß, weil es so frustrierend ist. Noch schlimmer: selbst telefonieren macht kaum noch Spaß – und das obwohl unser Vertrieb zu 2 Dritteln weiblich ist (denen Telefonieren doch immer Spaß macht, richtig?).
Aber wie kann das sein? Wo sind die Umsätze aller Wirtschaftsteilnehmer denn hin? Es ist doch nicht möglich, dass bis vor einem Jahr die Musik gespielt hat und alle tanzen wollten (Aussage von Charles Prince, Ex-CEO der Citigroup), und jetzt gibt es keine Musik mehr und niemand tanzt. Und selbst wenn es Musik gäbe, würde keiner tanzen. Haben selbst die Musiker Panik vorm Musikmachen bekommen?
Alle haben Angst. Und weil alle Angst haben, schnallen sie ihre Gürtel enger. Und sparen, was das Zeug hält. Alle konzentrieren sich darauf, Geld zu horten.
Dieser Herden-Spartrieb ist ein Teil des Problems. Alle versuchen, so zu handeln, wie es für sie am besten ist. Das ist das ökonomische Eigeninteresse, und es ist richtig. Das Problem ist nur, dass wir zwar alle aus unserer Sicht richtig handeln – dieses Handeln in der Herde aber gesamtheitlich betrachtet katastrophale Konsequenzen hat. Ich will das an einem Beispiel erläutern:
Nehmen wir an, ich gehe mit meiner Frau ins Theater. Wir haben uns spontan entschlossen, also kaufen wir unsere Eintrittskarten an der Abendkasse. Dummerweise kriegen wir deswegen ziemlich schlechte Sitzplätze, mit der Folge, dass wir nicht viel sehen. Meine Frau schimpft mit mir. Ich schlage vor, dass wir uns hinstellen. So sehen wir mehr. Andere Besucher mit ähnlich schlechten Sitzkarten folgen unserem Beispiel. Nach und nach erheben sich alle Zuschauer von ihren Plätzen, um besser zu sehen. Innerhalb weniger Minuten stehen alle Zuschauer.
Betrachten wir die Situation: Alle stehen. Relativ zueinander sieht nun keiner besser als zuvor, als alle saßen. Trotzdem geht es allen schlechter: anstatt zu sitzen, stehen wir nun alle.
Und genau dasselbe passiert, wenn alle Unternehmen gleichzeitig anfangen zu sparen. Alle reduzieren ihre Ausgaben. Also müssten doch alle gleichzeitig höchstprofitabel werden, oder? Leider nein, denn auch alle Kunden reduzieren die Ausgaben. In der gesamten Wertschöpfungskette fangen alle gleichzeitig an, zu sparen indem sie nichts mehr kaufen. Zwar reduzieren so alle ihre Ausgaben, jedoch hat auch niemand mehr Einnahmen. Die gesamte Wertschöpfungskette schrumpft. Niemandem geht es besser, relativ zueinander hat keiner einen Vorteil erlangt. Genauso wie im Theater.
Problematisch ist nun, Handlungsvorschläge zu machen. Wie im Theater, nützt es nun nicht – und ist sogar vollkommen schädlich – wenn einzelne anfangen, sich gegen den Trend zu stellen. Im Theater hiesse das: meine Frau und ich setzen uns hin. Vom Stück sehen wir dann nichts außer dem verlängerten Rücken der Leute vor uns.
Und genauso ist es in der Wirtschaft: fängt ein Unternehmen an, entgegen des Trends die Ausgaben hoch zu halten, nützt das gar nichts. Denn allein deswegen kommen keine Umsätze rein. Das Unternehmen gibt weiter aus, alle anderen sparen panisch, die Umsätze bleiben niedrig – Verluste entstehen. Pleite!
Die einzige Lösung in beiden Fällen ist: alle müssen gleichzeitig handeln. Im Theater müssen sich alle gleichzeitig hinsetzen. In der Wirtschaft müssen alle gleichzeitig die Ausgaben hochfahren. Im Theater liesse sich das noch abstimmen, in der Wirtschaft wohl kaum. Auslöser ist Panik – und sobald die überwunden ist, können wir wieder gleichzeitig handeln.
UPDATE:
Marilyn vos Savant, die Frau mit dem höchsten jemals gemessenen IQ (226, und sage noch einer schlaue Menschen seien zwangsweise hässlich oder schöne Menschen zwangsweise doof), erklärt in der Financial Times Weekend ein ähnliches Phänomen wie hier beschrieben. Was für einzelne richtig ist, macht in der Masse keinen Sinn:
Vielfach ist zu lesen, wieviel Geld die Finanzkrise an der Börse vernichtet hat. Dann wird darauf verwiesen, um wieviel die kumulierten Marktkapitalisationen aller Börsenwerte geschrumpft sind. Die Marktkapitalisation (englisch: Market Cap) errechnet sich aus dem Stückpreis je Aktie mal der Anzahl der Aktien. Habe ich also 500 Aktien eines Unternehmens, und die werden an der Börse für 10 Euro gehandelt, so habe ich Aktien im Wert von 5.000 Euro. Nimmt man nun alle Aktien des Unternehmens mal dem aktuellen Preis, so erhält man das Market Cap. Das ist aber irreführend, denn das ist nicht der Wert des Unternehmens.
Und zwar auf folgendem Grunde: wenn ich meine paar Aktien für 10 Euro verkaufe, darf ich erwarten, das auch hinzukriegen. Verkaufen aber alle Besitzer dieser Aktie alle ihre Aktien gleichzeitig, werden sie keine Käufer finden. Der Preis fällt wegen des Überhangs der angebotenen Aktien. Somit ist das Market Cap ein fiktiver Wert ohne jede Bedeutung. Ich alleine kann meine paar Aktien für diesen Wert verkaufen, alle zusammen können es nicht, da die Preise dann fallen. Insofern existiert das Market Cap nicht, und kann somit auch nicht vernichtet werden.
Andersrum erklärt: wenn die Aktie an der Börse für 10 Euro gehandelt wird, aber ich finde jemand, der sie mir für 11 Euro abnimmt – habe ich dann, falls 1 Milliarde Aktien des Unternehmens existieren, einen Wert von 1 Milliarde Stück mal 1 Euro pro Stück gleich 1 Milliarde Euro geschaffen? Oder ist das eine fiktive Milliarde?
Tags: Charles Prince, Finanzkrise, Herdentrieb, sparen, Theater







