Gruppendenken (Groupthink): Wie Gruppen realitätsferne Entscheidungen treffen

Als ich klein war, haben wir immer und überall Fussball gespielt. In der Hofpause, im Sportunterricht, nach der Schule. Obwohl mein Vater selber lange Mannschaftsfussball gespielt, hat er mir das Spielen in einem Fussballteam verboten. Mir blieb also nur das Mümmeln mit den Kumpels, weswegen ich heute fussballerisch sehr bescheiden auftrete. Ich kann ziemlich schnell rennen und verdammt gut schubsen. Mein Sport wurde Schwimmern. Das haben wir zwar als Mannschaft trainiert, fünf Mal die Woche. Aber es schwimmt nun mal jeder für sich allein. Vielleicht sind all die einsamen Stunden im Schwimmbecken der Grund, warum ich seitdem lieber im Team arbeite.

Teamarbeit ist aber nicht immer allein deswegen besser, weil nur einfach mehr Leute am Start sind und sich somit keiner langweilt. Teamarbeit funktioniert auch nur dann, wenn das Team richtig zusammen gesetzt ist. Und es gibt einen Effekt, den man oft nach einiger Zeit sogar bei richtig zusammengesetzten Teams beobachten kann:

Gruppendenken bezeichnet einen Prozess, bei dem eine Gruppe von eigentlich kompetenten Personen schlechte oder realitätsferne Entscheidungen trifft, weil jede Person ihre eigene Meinung an die vermutete Gruppenmeinung anpasst (mehr bei Wikipedia)

Jede Gruppe von Menschen fängt bereits nach kurzer Zeit an, sich am Verhalten der anderen Gruppenmitglieder, ihren Werten und Ideen, zu orientieren. Das ist soweit normal und führt dazu, dass aus einer beliebigen Gruppe von Menschen ein Team wird. In seiner extremen Ausprägung führt Gruppendenken aber dazu, dass “das Streben [aller Gruppenmitglieder] nach Einmütigkeit in einer kohäsiven Gruppe derart dominant wird, dass [das Denken] dahin tendiert, die realistische Abschätzung von Handlungsalternativen außer Kraft zu setzen”. Die Gruppe ist dann an einem Punkt angelangt, wo sie die Realität ausschließt, um konform zu bleiben. Ein Beispiel:

Mark McEwen: “Die gesamte Ostküste hoch und runter gibt es Niederschlag, aber wir werden wahrscheinlich nur Regen haben in den großen Städten.”

Bryant Gumbel: “Wir kriegen aber keinen Schnee.”

Mc Ewen: “Denkst Du, dass es die globale Erwärmung ist?”

Gumbel: “Ja, ja.”

McEwen: “Und Du, Jane?”

Jane Clayson: “Ja, sicher.”

McEwen: “Es ist also einstimmig – es handelt sich um globale Erwärmung.”

(CBS Early Show, 6. Februar 2002)

Wie Michael Skapinker in der Financial Times vermutet, mag Gruppendenken einer der Gründe sein, warum die Aufsichtsräte vieler Firmen und sogar eines ganzen Industriesektors in letzter Zeit so grandios dabei versagt haben, das Management des Unternehmens von Fehlentscheidungen abzuhalten.  Skapinker diskutiert Diversität als mögliche Lösung. Eine Gruppe verfolgt umso mehr Sichtweisen auf ein Problem, je verschiedener ihre Mitglieder sind. Alle bringen Erfahrungen ihres Hintergrundes und ihrer Karriere mit. Die Diversität in amerikanischen Vorständen, so Skapinker, wird aber oft allein an Hautfarbe und Geschlecht gemessen. Auch diese Merkmale tragen zur Vielfalt bei, trotzdem haben die so selektierten Aufsichtsratsmitglieder trotz dieser Unterschiede oft ähnliche Bildungsbiographien.

Vielfalt alleine hilft also nicht zwangsläufig, Gruppendenken zu vermeiden. Damit liegt Skapinker richtig. Weitere Gründe fürs Auftreten von Gruppendenken:

  • wir wollen dazu gehören
  • wegen der Zeitersparnis versuchen wir, lange und aufreibende Diskussionen zu vermeiden
  • wir haben Angst davor, unser Ansehen zu verlieren, wenn wir kritische Fragen stellen
  • wir sind so stolz auf die Gruppe, dass wir davon ausgehen, immer richtig zu liegen
  • wir glauben, moralisch im Recht zu sein
  • wir halten alle außerhalb der Gruppe für Feinde
  • wir denken, wir sind die einzigen in der Gruppe, die Probleme wahrnehmen
  • einzelne oder mehrere dominante Mitglieder der Gruppe zwingen uns, konform zu sein
  • wir denken, bringt ja sowieso nichts, wenn wir uns dagegen stellen

Vor einiger Zeit war ich bei einer Mitgliederversammlung der Wirtschaftsjunioren und konnte einige dieser Verhaltensweisen an mir selber beobachten. Wir haben über irgendwas abgestimmt. Ich hatte es phonetisch nicht mitgekriegt, worum es ging. Habe aber, weil alle anderen es auch taten, dafür gestimmt. Richtig wäre gewesen, nachzufragen. Tat ich aber nicht, weil ich die Gruppe nicht aufhalten wollte. An anderer Stelle habe ich mich dann gerademal zu einer Enthaltung durchgerungen, obwohl es um ein ernsthaft schwachsinnigen Vorschlag ging. Ich hätte eine Diskussion anfachen sollen, um dann dagegen zu stimmen. Aber ich tat es nicht.

Was kann man nun tun, um Gruppendenken zu vermeiden? Die eigentliche Ursache ist die Kohäsion der Gruppe, das Bedürfnis, einstimmig zu denken und zu handeln. Also braucht man gesunden Konflikt. Diese Punkte sollten dabei helfen:

  • Achte in jeder Diskussion auf Möglichkeiten für kreativen Konflikt
  • Schau Dich um nach jemandem, der immer die kritische Stimme übernimmt (in der Denkpass-Serie über die Sechs Denkhüte: Der Schwarze Hut)
  • Reduziere die Dominanz des Leitwolfs in der Gruppe
  • Achte darauf, dass die Gruppenmitglieder nicht zu stolz auf die Gruppe werden
  • Untersuche die Vor- und Nachteile ALLER Vorschläge
  • Benutze Kreativmethoden, um Probleme ganzheitlich zu betrachten

UPDATE:

Ein Artikel von Florian Schilling in der FAZ bespricht genau das hier beschriebene Phänomen, ohne es allerdings beim Namen zu nennen. Die Regierungskoalition arbeitet an einem Gesetz, das die Benennung von Aufsichtsräten in Unternehmen neu regeln soll. Generell lassen sich drei Arten der Auswahl von Aufsichtsräten unterscheiden:

  • Kandidaten aus dem bestehenden Beziehungsnetzwerk des Vorstands ansprechen
  • offener Prozess nach definierten Erfahrungs- und Leistungskriterien
  • Qutoenregelung, um gesellschaftspolitische Zielsetzungen zu erreichen

In beinahe Dreiviertel aller Fälle wird der erste Weg angewandt, der direkt das Auftreten von Gruppendenken ermöglicht. Denn bestehende Beziehungen sind oft wichtiger als alles andere, so dass ein so besetzter Aufsichtsrat die gemeinsamen Entscheidungen wie beschrieben wohl eher nicht hinterfragen wird. Bereits die Auswahl von Aufsichtsräten, die aus dem bestehenden Beziehungsnetzwerk kommen, ist durch Gruppendenken erschwert. Überträgt man die Auswahl externen Beratern oder einem Gremium, “ergab sich automatisch ein Begründungszwang, warum man sich für bestimmte Kandidaten” entschieden hatte, so der Artikel.

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  1. From Der Denkpass - Plastic Fantastic on 23 Jun 2009 at 22:31

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