Kreativität ist messbar

Kreativität sei nicht messbar, so ein Artikel in der Süddeutschen Zeitung. Der Denkpass zeigt Wege, wie man seinen kreativen Output messen kann.

Bei der Süddeutschen Zeitung wurde versucht, mit ein paar Mythen über Kreativität aufzuräumen. Der Titel lautet bezeichnenderweise Kreativität ist harte Arbeit. Insofern, als dass kreativ sein niemandem leichtfällt, stimmt das. Aber der Artikel behauptet einige Sachen, die im Zusammenhang mit Kreativität unmöglich seien. Eine dieser Behauptungen ist: Kreativität sei nicht messbar.

Was nicht klappen wird, ist eine absolute Metrik zur Messung der Kreativität festzulegen. Wie soll das auch gehen? Ist das Design dieser Scheinwerfer:

Markante LED-Scheinwerfer beim Audi R8
Markante LED-Scheinwerfer beim Audi R8 (Quelle: Spiegel Online)

kreativer als das Design dieses Eierbechers?

Eierbecher für Kinder (Quelle: Neckermann)
Eierbecher für Kinder (Quelle: Neckermann)

Sowas lässt sich nicht festlegen. Was man aber bewerten kann, ist der kreative Output: wie gut ist man im Lösen kreativer Probleme? Und das lässt sich dann auch vergleichen.

Die Aufgabe

Dafür sollten wir ein Experiment machen. Nehmen wir einfach das Beispiel, das auch die Süddeutsche Zeitung im Artikel verwendet:

Ein Klassiker unter den Kreativitätsaufgaben ist der Ziegelstein-Test, bei dem es darum geht, so viele originelle Verwendungszwecke für einen Ziegelstein zu finden wie nur irgend möglich.

Also stellt euch einen Ziegelstein vor. Nehmt euch eine Uhr, und denkt euch in 3 Minuten soviele Sachen wie möglich aus, die ihr oder sonstewer mit diesem Ziegelstein anstellen könnt, und schreibt ALLE Ideen auf. Alle Ideen. Wirklich alle Ideen. Und los geht’s:

  • Papier und Stift in die Hand nehmen
  • Uhr bereitlegen
  • Ziegelstein vorstellen
  • alle Ideen aufschreiben, die euch einfallen, wie ihr diesen Ziegelstein nützlich verwenden könnt

Wenn ihr fertig seid, kommen wir zur Auswertung.

Der Ideenfluss (Fluency)

Der Ideenfluss ist einfach zu bestimmen. Es handelt sich dabei um die Anzahl von Ideen, die ihr für die Verwendung des Ziegelsteins gefunden habt. Also einfach auszählen. Gute Werte beim ersten Versuch für 3 Minuten liegen zwischen 50 und 100.

Ein hoher Wert für euren Ideenfluss hilft, weil umso mehr Optionen ihr zur Lösung eines Problems erzeugt, umso wahrscheinlicher ist es, dass dabei eine Lösung ist, die alle anderen überragt und das Problem löst (Ideengenerierung). Zuviel Ideenfluss ist aber auch negativ, denn all die Optionen müssen natürlich auch ausgewertet und verglichen werden (Ideenevaluierung).

Wichtig ist, diese beiden Vorgänge, Ideengenerierung und Ideenevaluierung, voneinander zu trennen. Viele Menschen erreichen nur geringe Werte für den Ideenfluss, weil sie sofort anfangen, ihre Ideen zu bewerten. Das kostet Zeit und lenkt ab. Das Hirn kann nur in eine Richtung denken!

Ideen-Flexibilität

Nun schaut euch alle eure Ideen an und sortiert sie in Kategorien. Also ähnliche Ideen werden zusammen gepackt: mit dem Ziegelstein den Fernseher kaputt hauen kommt also in dieselbe Kategorie wie mit dem Ziegelstein das iPhone zerkloppen. Die Anzahl verschiedener Kategorien, unabhängig davon wie sinnvoll ihr Inhalt sein mag, ist der Wert für die Flexibilität.

Hohe Ideenflexibilität beeinflusst die Effizienz und die Effektivität eurer kreativen Problemlösung. Mehr Flexibilität ermöglicht, mehr Ideen zu erzeugen, und zwar sehr einfach und schnell. Ganz einfach, indem man die verschiedenen Kategorien mutiert/kombiniert:

  • Ziegelstein auf Gegenstand kloppen (Fernseher, Mac, iPhone, Kopf eines Idioten, Eierschale, Audi-Scheinwerfer, Eierbecher, Colaglas, alles was auf meinem Schreibtisch steht und liegt, alles was in meinem Zimmer ist, alles was auf der Welt ist…)
  • Ziegelstein beim Bauen verwenden (Fernseher aus Ziegelsteinen, iPhone-Halter, Haus, Schuppen, Audi-Garage, Cola-Abstellort …)

Flexibilität erreicht man oft, indem man aus verschiedenen Perspektiven auf ein Problem schaut. Und innerhalb einer Perspektive lässt es sich dann leichter denken. Dann kommt der Ideenfluss ins Spiel, denn: das Hirn kann nur in eine Richtung denken!

Ideen-Originalität

Die Originalität ist schwerer zu messen als Ideenfluss und Flexibilität. Eine Möglichkeit ist der Vergleich der Häufigkeit von Ideen, also eine relative Angabe. In diesem Fall müsste man die Ziegelstein-Aufgabe mit 100 Menschen durchführen und dann die Häufigkeit aller Ideen bewerten. Sehr originell sind demzufole Ideen, die höchsten zehn Mal oder weniger pro 100 Teilnehmer auftreten. Diese sind dann originell auf einem 10%-Level. Ziegelstein auf Gegenstand kloppen wird wahrscheinlich nicht sehr originell sein.

Dabei ist die Originalität besonders bedeutend bei kreativer Problemlösung im Geschäftsleben. Wirklich originelle Ideen, also 10%-Level oder besser, ermöglichen nachhaltige Wettbewerbsvorteile. Dafür gibt es einige Beispiele:

  • Der Ansatz von Amazon, Bücher zu verkaufen, ist sehr originell im Vergleich zum Geschäftsmodell von Buchläden
  • Der Ansatz von Apple für die Bedienung eines iPhones ist sehr originell im Vergleich zu anderen Handys

Nicht mal Apple war mit diesem Beispiel übrigens auf 1%-Level, denn Brainlab war schneller:

Kreativität ist also messbar. Und Kreativität ist harte Arbeit. Und der Denkpass versucht, dabei zu helfen.